ABBA gegen das sportliche Waterloo

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Letztendlich geht es nur um eine Feinheit im Ablauf. Eine Revolution des Spiels sieht anders aus und dennoch wird sie heißblütig diskutiert: die Abwandlung des Procederes des Elfmeterschießens. Gleichzeitig reibt sich Universal Music aufgrund der unverhofften Werbung für die eigenen Klienten die Hände. Sehen wir besseren Fußballzeiten entgegen?  

ABBA ist das neue Motto. Bei der aktuellen Weltmeisterschaft der U-17 der Frauen werden die Elfmeterschießen nicht mehr im gewohnten Modus abwechselnd, sondern in der Abfolge ABBA durchgeführt. Und schon kommen die sowohl die Germanisten als auch die Musik-Nostalgiker um die Ecke. Für die Sprachwissenschaftler unter uns bedeutet die sich abzeichnende Regeländerung der Elfmeterkrimi-Abläufe einen Übergang vom Kreuzreim zum umarmenden Reim, der gerne auch als Blockreim oder eingebetteter Reim bezeichnet wird. Für Musikwissenschaftler bedeutet die kleine Abwandlung einen Verweis auf eine legendäre schwedische Popgruppe aus den 1970er Jahren, die noch heute die Feierlichkeiten unserer Eltern bereichert. Im letzten Herbst kündigte die Band nun ihr Comeback auf den Bühnen Europas an und durch das Änderung des fußballerischen Procederes der ultimativen Erscheinung prangt nun überall die Reimfolge ABBA auf den Gazetten. Eine geschickt inszenierte Werbe-Kampagne von Universal Music? Vielleicht. Eventuell aber auch eher Stoff für Verschwörungstheoretiker – widmen wir uns daher wieder ausschließlich den sportlichen Angelegenheiten. Um jetzt noch den Übergang von einer schwedischen Popband zum Fußball wieder zu vollführen ohne die Namen Larsson, Ljungberg und Ibrahimovic zu verwenden, verweisen für einfach auf „Waterloo“ und entschuldigen uns gleichsam für das schlechte Wortspiel. Jedoch ist inzwischen die Redewendung „sein Waterloo erleben“ zu einer gängigen Methode geworden, um eine schmerzhafte vernichtende Niederlage einzuordnen.

Schmerzhafte Niederlagen kennen Fußballprofis zur Genüge – selbst die Bayern sind davor nicht gefeit und blicken auf Momente der Untröstlichkeit zurück. Insbesondere das verlorene „Finale dahoam“ gehört neben der Niederlage in Barcelona 1999 zu den dunkelsten Kapiteln der Vereinsgeschichte, die immer wieder herausgekramt werden, wenn die Münchener sich mal wieder auf ein wenig Mitleid angewiesen fühlen. Während die Finalniederlage gegen Manchester United 1999 auf ein fehlendes Verständnis über die Dauer eines Spiels zurückzuführen war, war die Niederlage „dahoam“ gegen Chelsea 2012 eine leidliche Erfahrung vom Elfmeterpunkt. Ob diese auf die nunmehr bald veränderte Regelung des Kreuzreims bei der Ausführung der Elfmeter zurückzuführen ist, sei dahingestellt. Jedoch durften die Bayern immerhin damals den ersten Schuss setzen und widersprechen mit ihrer folgenden Niederlage den Grundlagen der Entscheidung für ABBA.

Diese fußt nämlich auf einem offenkundig leichten Missverhältnis in Sachen Chancengleichheit. Die Statistiken verweisen auf einen Vorteil der beginnenden Mannschaft. Sechs von 10 Mannschaften, die den ersten Schuss setzen dürfen, gewinnen letztendlich den Wettbewerb aus 11 Metern. Es geht dabei um die relative Unbelastetheit des Vorlegen-könnens und dem Druck der zweiten Mannschaft stetig nachzuziehen beziehungsweise den Patzer bestenfalls auszunutzen. Dazu kommt der psychologische Druck der Ergebnistafel, der relativ schnell einen Zwei-Tore-Rückstand anzeigen kann, während die führende Mannschaft den Genuss der relativen Sicherheit auskostet. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob dieses Missverhältnis durch einen veränderten Ablauf auszugleichen ist. Immerhin gibt es ja auch noch andere Parameter, die für den Ausgang des Elfmeterschießens entscheidend sein können. Vor allem die Wahl des Austragungsortes und die entsprechende Nähe zum jeweiligen Fanlager wäre hierbei zu analysieren und miteinzubeziehen.

Dass Mannschaften durch die Abwandlung des Procederes in den (zweifelhaften) Genuss kommen zwei Elfmeter nacheinander ausführen zu können, ist auf jeden Fall eine Überlegung wert. Immerhin können sich auch diejenigen, die den Elferkrimi als nicht gerecht ablehnen, der Faszination des Ganzen nur selten entziehen. Eine doppelte Ausführung einer Mannschaft könnte die Anspannung und Gefühlssprünge zwischen Euphorie und Wahnsinns noch weiter anfachen. Seit den 1970er Jahren hat sich zwar die aktuelle Form zur „Ermittlung eines Siegers“ bewehrt, aber diese kleine Innovation tut eigentlich niemanden weh. Im Gegensatz zum Videobeweis würde diese Änderung auch direkten Durchschlag auf die Bolzplätze der Welt haben. Schon im Vorhinein fühlt es sich recht charmant an, wie Grundschüler das Für-und-Wider der anzuwendenden Elfmeterregelung diskutieren und die Fußball-Anekdoten ihrer Eltern zitieren, um die anderen zu überzeugen – schon aufgrund der unaufwendigen Durchführbarkeit ist dies ein durchaus annehmbarer Vorschlag. Also Sport frei! Sofern das Experiment scheitert, bleibt ja noch der Paarreim als Alternative.

 

Axel Diehlmann

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