Aller Anfang ist schwer: Das erste Mal

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Am 25. Juli feiert Hertha BSC sein 125-jähriges Vereinsjubiläum. Anlass für uns, diesem Ereignis eine kurze Serie über die Alte Dame Hertha zu widmen. Im Rahmen dieser Reihe werden wir die Fans des blauweißen Hauptstadt-Sorgenkindes zu Wort kommen lassen und auf Höhe- und Tiefpunkte der Hertha-Historie zurückblicken.

von Björn Leffler

125 Jahre Hertha BSC – Teil 1: Das erste Mal

Die Vorzeichen – wie könnte es anders sein bei einem Verein wie Hertha BSC – waren ungünstig. Es war ein zugiger Sonntagnachmittag vor rund 22 Jahren und mein Vater wollte mich ablenken von dem, was mir am Folgetag blühen würde: eine Wurzel-Operation beim Zahnarzt. Es sollte meine erste, allerdings nicht meine letzte sein. Um uns den Sonntag davor nicht mit schlechter Laune zu verderben, schleppte er mich zu einem Freundschaftsspiel ins Berliner Olympiastadion. Zweitligist Hertha BSC gegen Bundesligist Bayer Leverkusen. Das reizvollste an der Partie war die Tatsache, dass Leverkusen mit Weltmeister Rudi Völler und Spielmacher-Legende Bernd Schuster auflaufen würde.

Mein Herz glühte 1995, als meine Fußball-Begeisterung gerade ihren schicksalhaften Anfang nahm, für Borussia Dortmund. Möller, Sammer, Riedle – das waren meine Helden. Dortmund gewann die großen Titel und spielte dabei groß auf, welchen fußballbegeisterten Jungen in meinem Alter (13) hätte das nicht fasziniert. Von Hertha hatte ich natürlich gehört, aber noch nie ein Spiel besucht. Warum also nicht mit einem Freundschaftsspiel starten, ganz zart.

Nachdem mein Vater die Tickets an einer der Kassen für ein paar Mark erworben hatte und wir auf dem Weg zum Stadion die knorrige Podbielski-Eiche hinter uns ließen, dämmerte mir langsam, dass Hertha offenbar in einem verdammt großen Stadion spielte – obwohl es ja nur ein Zweitligist war. Ich sehe noch wie heute, wie mein Vater einige Schritte voraus in den Umlaufgang zwischen Unter- und Oberring hineinlief. Ich folgte ihm langsam und wurde dann schlichtweg erschlagen vom sich öffnenden Panorama. Mit jedem Schritt wurde mehr sichtbar von diesem gigantischen Kessel, der als Heimspielstätte von Hertha BSC diente.

Als wir am oberen Rand der heutigen Ostkurve standen, lag also dieses riesige, völlig marode Stadion vor uns. Ich war schlicht und ergreifend sprachlos. Trotz des desolaten Zustandes der Arena war die architektonische Eleganz, die dem umstrittenen Bauwerk einmal innegewohnt haben musste, noch immer erkennbar. Nachdem der erste Wow-Effekt sich langsam gelegt hatte, suchten wir unsere Plätze auf der Gegentribüne.

Das Spiel war so besucht, wie Heimspiele von Hertha BSC in dieser Zeit nun mal besucht waren – sehr mäßig. Im weiten Rund verloren sich nur wenig mehr als 4.000 Zuschauer. Als das Spiel angepfiffen wurde, hatte sich die Gruppe der Unentwegten und Interessierten – also wir – zwischen den Blöcken P und N zusammengerauft. Der Stadionsprecher verkündete traurig: „Die Zuschauerzahl des heutigen Tages: 4.444. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen.“

Die Szenerie war, trotz der gigantischen Arena, natürlich deprimierend. Das Spiel plätscherte lustlos vor sich hin, ein ums andere Mal konnte Christian Fiedler die Schüsse der Völlers und Schusters parieren, und so mühten sich beide Teams zu einem 0:0. Mein erstes Hertha-Spiel, ein 0:0 vor 4.444 Zuschauern also. Nicht unbedingt das, was einen sprachlos zurücklässt oder was man als „Liebe auf den ersten Blick“ bezeichnen würde.

Am Abend aber, als ich in Erwartung der Zahnschmerzen des nächsten Tages wach lag, ging mir das Erlebte noch einmal intensiv durch den Kopf. Ich dachte, wenn diese paar Leute so laut sein können, wie laut wäre es wohl, wenn das ganze Stadion voll wäre? Ein Gedanke, der aufgrund der aktuellen Situation des Vereins und des Zustands der veralteten Arena völlig abwegig war. Ich wusste an diesem Abend noch nicht, was es war. Aber irgend ein Hunger, irgend eine Sehnsucht war an diesem trüben Nachmittag im Berliner Westend in mir geweckt worden. Und ich spürte sie an diesem Abend in mir, noch sehr schwach.

Ich konnte nicht ahnen, dass diese Sehnsucht sehr schnell sehr viel größer werden würde, als ich es mir in dieser Nacht auch nur im entferntesten vorstellen konnte. Dies aber ist eine andere Geschichte und wird ein anderes Mal erzählt.

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