Auf beiden Seiten des Mauerstreifens

Auf beiden Seiten des Mauerstreifens

 Dass sich Verleger Axel Springer Zeit seines Schaffens für die deutsche Wiedervereinigung eingesetzt hat, ist heute allgemein bekannt. Nicht ohne Grund hatte er 1959 den Grundstein für das Berliner Verlagsgebäude direkt an der Sektorengrenze legen lassen.

Noch heute führt die einstige Grenzlinie, mittlerweile eine zweireihige Linie aus Pflastersteinen, direkt am Verlagsgebäude entlang. Hinter dieser Linie, direkt gegenüber vom Springer-Hochhaus, klafft seit jeher ein karges Loch, ein graues Stück Nichts mitten in der Stadt. Die Brachfläche liegt, genau wie das Verlagshaus, auf dem Grund des ehemaligen Berliner Zeitungsviertels, das im zweiten Weltkrieg stark zerstört und durch den Bau der Berliner Mauer endgültig zerschlagen wurde.

Die Axel Springer SE hat in den vergangenen Jahren sukzessive die Eigentumsrechte der einzelnen Flurstücke dieses von Unkraut bewucherten Grundstücks erworben und will nun die Möglichkeit nutzen, hier einen Neubau zu errichten, als Ergänzung für das bereits bestehende Hochhaus und die Axel-Springer-Passage. Es wäre ein Gebäudeensemble über die ehemalige Teilungslinie hinweg. Und gleichzeitig wäre es – betrachtet man die drei Siegerentwürfe – ein spektakulärer architektonischer Coup, der dort zwischen Spittelmarkt und Checkpoint Charlie realisiert werden könnte.

Wie bereits am 21. Januar berichtet, haben sich drei Entwürfe aus einem internationalen Gestaltungswettbewerb, mit 18 eingereichten Vorschlägen, herauskristallisiert. Diese drei Modelle werden nun hinsichtlich ihrer Realisierbarkeit geprüft und bewertet. Mit der Entscheidung der von Prof. Dr. Friedrich Borries geleiteten Jury zur tatsächlichen Umsetzung eines der drei Modelle ist im ersten Jahresdrittel 2014 zu rechnen.

Dies sind die drei konkurrierenden Entwürfe:

1 – Bjarke Ingels Group (BIG) / „Axel Springer Campus“

Der Entwurf des Kopenhagener Architektenbüros, das auch den dänischen Pavillon für die EXPO 2010 in Shanghai entworfen hat, zeichnet sich als einziger der drei Vorschläge durch einen offenen Innenhof aus. Das längliche Gebäude schlängelt sich kantig um die Freifläche und wächst dabei spektakulär nach oben. Zusätzlich sieht der Entwurf viel Freifläche in Form von terrassenartigen Umläufen und der Begehbarkeit der Dachflächen vor. Die Fassadenverkleidung wird eine hauptsächlich gläserne Ummantelung sein.

2 – Rem Koolhaas (OMA) / „Axel Springer Campus“

Mit Rem Koolhaas befindet sich einer der renommiertesten Vertreter urbaner Stadtarchitektur im Wettbewerb. Der Niederländer hat unter anderem die „Seattle Central Library“ oder die „Casa de Musica“ in Porto entworfen. Sein Entwurf wird durch die große, lichtdurchflutete Halle im Innern des Gebäudes dominiert, in welcher stufenartig Büros und Arbeitsebenen untergebraucht sind.

Von außen besticht das Modell durch seine scharfe Kontierung und die zum Altbau hin geöffnete Gebäudefront. Hier wird abzuwarten sein, ob der sehr luftige Entwurf mit vielen freitragenden Elementen statisch so umsetzbar ist. Reizvoll ist die Idee einer Fußgängerzone zwischen alten und neuem Gebäude, was die Stillegung der Zimmerstraße für den normalen Durchgangsverkehr bedeuten würde.

Die ebenfalls von Koolhaas entworfene niederländische Botschaft in Berlin, die nur unweit vom Verlag beheimatet ist, hat dem Architekten allerdings nicht nur Lob eingebracht. Die Meinungen über dieses Gebäude differieren bis heute stark.

3 – Buro Ole Scheeren – „Axel Springer Cloud“

Das wohl bekannteste Gebäude des gebürtigen Karlsruhers ist der im Mai 2012 fertiggestellte Doppelturm für das chinesische Staatsfernsehen („China Central Television“), eines der spektakulärsten internationalen Neubauprojekte der letzten Jahre.

Und genauso spektakulär ist auch Scheerens Entwurf für die „Axel Springer Cloud“, der sogenannte „Findling“. Das Gebäude beeindruckt nicht nur durch die geplante Höhe (es wäre auf Augenhöhe mit dem Hochhaus), sondern auch durch seine ungewöhnliche Form. Der Entwurf bedient definitiv keine Sehgewohnheiten.

In diesem an mehreren Ecken abgeschliffenen, kompakten und vollverglasten Bauwerk öffnet sich in der Mitte des Gebäudes ein spektakuläres Loch, welches – wie auch im Koolhaas-Entwurf – eine hohe, lichtdurchflutete Halle für die Unterbringung von Büros, Restaurants und Konferenzräumen vorsieht.

Stadtentwicklungssenatorin Regula Lüscher äußerte sich positiv zum Wettbewerb: „Alle drei Entwürfe setzen ein ikonografisches Zeichen unterschiedlichster Art und geben innovative Antworten auf die Frage, wie neue Arbeitsplätze aussehen können. (…) Den hohen kulturellen Anspruch, den der Bauherr hat, wünschte ich mir öfter bei anderen privaten  Bauvorhaben.“

Die Umsetzung einer der drei Entwürfe ist nach heutigem Stand völlig offen. Die Äußerungen der Entwicklungssenatorin geben allerdings Grund zur Hoffnung, dass eine der letzten, hässlichen Baulücken im Herzen der Stadt in absehbarer Zukunft mit einem innovativen Bauprojekt geschlossen wird.

 

Text: Björn Leffler

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