Blick in die Zukunft: Herthas alte und neue Heimat

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Visualisierung: 3D Agentur Berlin

Am gestrigen Abend wurde bei der Mitgliederversammlung von Hertha BSC die Stadionfrage hitzig und ausgiebig diskutiert. Ein Umzug nach Brandenburg scheint mittlerweile ausgeschlossen. Die von vielen Fans favorisierte „dritte Option“, ein Umbau des Olympiastadions, war auch gestern Abend ein großes Thema. Wir zeigen, wie ein solcher Umbau funktionieren kann. 

Text: Björn Leffler, Visualisierung: 3D Agentur Berlin

Nicht erst seit Berlins Bürgermeister Michael Müller und Innensenator Andreas Geisel einen möglichen Umbau des Olympiastadions ins Gespräch gebracht haben, geistert die Idee eines Umbaus in den Köpfen der Anhänger von Hertha BSC umher. Bereits im März 2016 hatten wir hier auf DER PANENKA dafür plädiert, die Ausnahme-Arena Olympiastadion den modernen Anforderungen anzupassen, anstatt in eine nüchterne Neubau-Arena zu ziehen. Was lange als nett gemeinte Idee abgetan wurde, ist seit der vom Architekturbüro gmp durchgeführten Machbarkeitsstudie zu einer realistischen Option herangereift. gmp hatte bereits die Sanierung des alten Olympiastadions (2000-2004) verantwortet. Die Machbarkeitsstudie war von Hertha BSC selbst in Auftrag gegeben worden.

Schnell landeten in den Medien der Stadt erste Visualisierungen eines umgebauten Olympiastadions, welche aber die Vorgaben des Denkmalschutzes, die noch immer bedacht werden müssen, kaum berücksichtigten. Wie ein solcher Umbau tatsächlich aussehen kann, ohne diese Vorgaben zu missachten und dennoch die Anforderungen von Hertha BSC an eine moderne Fußball-Arena zu erfüllen, haben wir in den vergangenen Wochen gemeinsam mit der 3D Agentur Berlin analysiert. In mehreren Workshops wurde eine Visualisierung des Olympiastadions als reine Fußballarena entworfen.

In der Diskussion: Björn Leffler (DER PANENKA) mit Dirk Puder und Stefan Loth (3D Agentur Berlin)

Das bauliche Konzept

Das Konzept sieht eine Absenkung des Innenraums um etwa fünf Meter vor, bei gleichbleibender Spielfeldgröße. Die Absenkung ermöglicht es, den bestehenden Unterring um einen weiteren Rang, wir nennen ihn „Innenring“, zu erweitern und die Tribünen bis dicht an das Spielfeld heran zu ziehen. Wir haben bei unserem Konzept darauf geachtet, dass der Charakter des Stadions dabei erhalten bleibt und die ellipsenartige Form des Unterrings weitergedacht wird. In der Ostkurve sollen hierbei erstmals „echte“ Stehplätze entstehen, ausgestattet mit den üblichen „Wellenbrechern“.

Diese Stehplätze sollen für internationale Spiele und andere Veranstaltungen wie Länderspiele oder Open-Air-Konzerte in Sitzplätze umwandelbar sein. Hierfür gibt es diverse Vorbilder, wie etwa die Südtribüne in Dortmund oder die Stehplatzbereiche in der Münchner Allianz Arena. Es würden somit rund zusätzliche 2.400 Stehplätze entstehen, die direkt an das Spielfeld grenzen. Noch detaillierter auszuarbeiten wäre dann, inwiefern die bereits bestehenden Bereiche der heutigen Ostkurve weiter genutzt und ebenfalls in reine Stehplätze umgewandelt werden können. Ein Teil dieser Blöcke könnte zukünftig noch als Ostkurven-Sitzplätze vermarktet werden – für einen moderaten Preis und dicht über den stimmungsvollen Stehrängen, mit perfekter Sicht auf das Spielfeld. Es ist aber auch möglich, die gesamte Ostkurve in einen reinen Stehplatzbereich umzuwandeln, was eine deutlich höhere Anzahl von Stehplätzen zur Folge hätte.

Auf der Haupt- und Gegentribüne entstehen weitere Sitzplätze. Neun zusätzliche Reihen werden geschaffen, um die Zuschauer eng an das Spielfeld heranzuführen. Hierbei haben wir uns an den üblichen Abständen bereits bestehender Stadion-Bauten in Deutschland orientiert. Für die zusätzlich errichteten Reihen schlagen wir eine größere Bewegungsfreiheit und komfortablere Sitzschalen vor. Der Neigungswinkel der neuen Tribünen muss entsprechend angepasst werden, um die Tribünen direkt an das Spielfeld zu bringen. Im Unter- und dem zusätzlichen neuen Innenring finden dann zukünftig etwa 50.000 bis 55.000 Zuschauer Platz, je nach Ausgestaltung der Stehplatzbereiche. Herthas zukünftige Kapazität für reguläre Bundesliga-Spiele.

Wichtig war uns bei der 3D-Visualisierung des Konzeptes, den bestehenden Charakter des Stadions nicht zu durchbrechen, sondern zu erhalten. Daher haben wir optisch die blaue Laufbahn erhalten und sie in die neuen Tribünen integriert. Im leeren Stadion wird die blaue Laufbahn somit weiterhin sichtbar bleiben und daran erinnern, dass das Stadion einst auch als Leichtathletik-Arena genutzt wurde.

Das leere Stadion mit neuem „Innenring“, der bis an das Spielfeld heranreicht. Die Laufbahn wird optisch erhalten. / Visualisierung: 3D Agentur Berlin

 

Das Stadion gefüllt, der neue „Innenring“ leer. Hier wird sichtbar, wie viel näher die Fans an das Spielfeld herangebracht werden. / Visualisierung: 3D Agentur Berlin

Der Oberring wird zur variablen Kapazitäts-Option und zur überdimensionalen Werbebande. Durch mobile Trennelemente soll der obere Rang für reguläre Bundesliga-Spiele komplett abgedeckt werden, um die enge Atmosphäre eines Fußballstadions zu erzeugen. Für Spiele und Events mit einem hohen Zuschaueraufkommen soll der Oberring aber weiterhin nutzbar bleiben. Die mobilen Trennwände sollen dann eingefahren bzw. entfernt werden können, um bei Bedarf auch weiterhin große Zuschauermengen in das Stadion zu bekommen. Insbesondere für das DFB-Pokalfinale, internationale Fußball-Endspiele oder große Konzerte stellt ein variabel zu öffnender Oberring eine attraktive Variante dar. Die neue Multifunktionsarena könnte sich somit variabel auf die Anforderungen anstehender (Groß-) Veranstaltungen einstellen. Zusätzlicher Coup des Oberrings ist eine deutlich vergrößerte Leinwand, die optisch in das Band integriert wird. Bei Veranstaltungen mit voller Kapazität kann dann weiterhin die heute bereits bestehende Leinwand genutzt werden, ohne bauliche Veränderungen vornehmen zu müsssen.

Den Denkmalschutz hatten wir eingangs bereits erwähnt. Dieser sieht vor, dass es keine baulichen Veränderungen an der äußeren Form des Stadions und am Oberrang geben darf. Der Unterring wurde während des Umbaus Anfang der 2000er Jahre abgerissen und komplett neu errichtet. Hier sind bauliche Veränderungen möglich. Im Oberring aber befindet sich noch die alte Baustruktur, die erhalten bleiben muss. Dies haben wir in diesem Konzept berücksichtigt. Daher sehen wir auch keine steilen, mit dem Lineal gezogenen Tribünen vor, sondern eine dezent gehaltene Erweiterung des Unterrings, welche sich baulich an der heutigen Architektur orientiert und diese stimmig weiterführt.

Neue Vermarktungsmöglichkeiten

Das Konzept eröffnet neue, zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten für den Verein Hertha BSC. Die neu entstehenden Sitzreihen in unmittelbarer Nähe zum Spielfeld können vom Verein als hochwertige „Business Seats“ vermarktet werden. Hier eröffnet sich den Heimspiel-Besuchern ein völlig neues Stadion-Erlebnis. Vor allem die Blöcke auf der Haupt- und Gegentribüne können hochpreisig vermarktet werden. Hier wird es aller Voraussicht nach eine hohe Nachfrage geben.

Als neue, omnipräsente Werbefläche können die individuell gestaltbaren Trennelemente im Oberring verwendet werden. Hier können Werbebotschaften und Sponsoren sehr präsent und stimmungsvoll in Szene gesetzt werden, ggf. auch in Kombination mit der neuen, großformatigen Video-Leinwand. Auch der Verein selbst kann sich hier optimal vermarkten und – wie in der Visualisierung angedeutet – das Stadion-Innere in den Vereinsfarben blau und weiß gestalten.

Die Zukunft der Leichtathletik

Die vergangenen Jahre haben leider deutlich gezeigt, dass das Olympiastadion für die dort ausgetragenen Leichtathletik-Veranstaltungen zu groß dimensioniert ist. Weder bei der Weltmeisterschaft 2009 noch beim jährlich stattfindenden ISTAF ließ bzw. lässt sich das Stadion füllen. Nach der im kommenden Jahr stattfindenden Leichtathletik-EM sollte der Jahnsportpark im Prenzlauer Berg zum neuen Leichtathletik-Schwerpunkt der Hauptstadt werden. Das dortige, völlig veraltete Stadion wird abgerissen und durch einen hochmodernen Neubau samt Laufbahn und Leichtathletik-Elementen ersetzt werden. Die diesbezüglichen Planungen des Berliner Senats sind bereits sehr konkret.

Die Kapazität des neuen Jahnsportparks soll, wie auch heute schon, bei rund 20.000 Plätzen liegen. Eine für die Leichtathletik völlig ausreichende Dimension, zumal auch das Thema „Olympia in Berlin“ erledigt ist. Nach der letzten Schlappe im Wettstreit um eine Bewerbung, die trotz bester infrastruktureller Voraussetzungen vor allem am Widerstand aus der Bevölkerung scheiterte, ist eine IOC-Großveranstaltung für Berlin und seinen historischen Olympiapark zukünftig kein Thema mehr. Die künftigen Leichtathletik-Veranstaltungen vom Berliner Westend nach Prenzlauer Berg zu verlegen, erscheint daher als sinnvolle und zukunftsträchtige Variante.

Das zukünftige Stadion als Konzert- und Eventlocation

Die Konzert- und Eventveranstalter der Hauptstadt würden einem Umbau des Stadions mit Sicherheit sehr positiv gegenüber stehen. In der Vergangenheit hat es nur wenige Bands und Veranstaltungen gegeben, die das Stadion in den Sommermonaten restlos füllen konnten, während die Bundesliga pausiert. Es braucht schon Künstler vom Format U2, Depeche Mode oder Bruce Springsteen, um die weitläufige Schüssel voll zu bekommen. Zudem gibt es auch bei Konzerten den nicht optimalen Umstand, dass die Plätze im Oberring sehr weit von der Bühne entfernt liegen und eine stimmungsvolle Konzertatmosphäre nur mühsam erreicht wird. Mit der Überbauung der Laufbahn würde man die Zuschauer noch näher ans Geschehen auf der Bühne heranholen und eine dichte, atmosphärisch enge Stimmung erzeugen.

Zudem hätte man durch die variabel gestaltbare Kapazität eine zusätzliche Open-Air-Location, welche die große Lücke zwischen Waldbühne (22.000 Plätze) und heutigem Olympiastadion (rund 70.000 Plätze bei Konzerten) ausfüllen würde. Und dennoch könnte auch hier die volle Kapazität ausgeschöpft werden, sollte die Nachfrage nach Tickets entsprechend hoch sein.

Und nun, wie weiter?

Das hier von DER PANENKA und der 3D Agentur Berlin in enger Kooperation erarbeitete Konzept stellt kein bis ins letzte Detail ausgearbeitetes Planungsmodell dar, sondern ist als Denkanstoß für die weiteren Planungen und Verhandlungen des Berliner Senats und Hertha BSC gedacht. Obwohl wir bereits viele Punkte sehr detailliert durchdacht haben, bleiben noch offene Fragen, die in der Folge geklärt werden müssen. Die zukünftige Gestaltung der heutigen Ostkurve hatten wir bereits angesprochen. Ebenso offen ist die Umgestaltung des heutigen Marathontors und die Platzierung der Gästefans im neuen Stadion. All dies müssen die zukünftigen Diskussionen um einen möglichen Umbau des Stadions zeigen.

Wir sprechen uns wie auch in der Vergangenheit ganz eindeutig für einen Verbleib von Hertha BSC im Olympiastadion und eine Anpassung des Stadions an die Anforderungen an ein modernes Fußballstadion aus. In Zeiten, in denen Stadträume vor allem in Berlin immer knapper (und teurer) werden, kann es sich der Berliner Senat schlichtweg gar nicht leisten, eine denkmalgeschützte Arena zu unterhalten, die ohne ihren Hauptmieter Hertha BSC auskommen muss. Wie die Anforderungen von Hertha BSC mit den Wünschen der Fans und im Rahmen des bestehenden Denkmalschutzes umzusetzen wären, haben wir hiermit gezeigt.

 

Idee und Umsetzung:
Axel Diehlmann & Björn Leffler (DER PANENKA), Stefan Loth, Dirk Puder & Philipp Greiner (3D Agentur Berlin)

© 2017 DER PANENKA / 3D Agentur Berlin

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4 Gedanken zu „Blick in die Zukunft: Herthas alte und neue Heimat

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