Der private Blick auf Olympia 1936

Veröffentlicht am Veröffentlicht in RETROspektive

olympia1936 berlin

Das gesellschaftliche Bild von Olympia 1936 ist bis heute geprägt von den Bildern, die Leni Riefenstahl einst für die Nationalsozialisten in ihren Filmen „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ produzierte. Längst überfällig ist daher das kürzlich erschienene Buch von Emanuel Hübner, welches die Olympischen Spiele aus den Augen von Amateurfotografen zeigt. Eine großartige Publikation, die die Spiele unzensiert und ungeschönt zeigt.

von Björn Leffler

Die Olympischen Sommerspiele von 1936 sind bis heute einzig und allein als überdimensionierte Propaganda-Veranstaltung des Nationalsozialismus dargestellt worden – was sie zweifelsohne ja auch waren. Allein der Bau des Olympiastadions war ein außerordentlicher Kraftakt. In weniger als zwei Jahren wurde das damals größte Stadion der Welt errichtet, in historisierendem Baustil. Erst bei der Renovierung und Sanierung der geschichtsträchtigen Arena (2000-2004) kamen die zum Teil gravierenden Baumängel zum Vorschein, die – allein aufgrund der geringen Bauzeit – wohl kaum zu verhindern waren.

Das Stadion selbst war möglicherweise auch gar nicht für die Ewigkeit gedacht, sondern sollte lediglich in den wenigen Wochen der Olympiade als atemberaubende Kulisse für den sportlichen Wettstreit und die Selbstdarstellung der Nationalsozialisten herhalten. Dass das Stadion auch im Jahr 2017 und wohl noch weit darüber hinaus als hochmoderne Veranstaltungsstätte genutzt wird, hätte sich womöglich selbst Architekt Werner March kaum ausmalen können.

1

Die Bilder, die bis heute das Bild von Olympia 1936 prägen, sind aber eben jene, in denen die Inszenierung des Sports und der Partei durch die überdimensionierten Sportstätten des im Berliner Westend angelegten Olympiaparks maßlos übertrieben und ausgeweidet wird. Im Verlag morisel ist nun allerdings ein neues Buch erschienen, welches die Olympischen Spiele einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel präsentiert.

Anstelle der von Leni Riefenstahl choreografierten Verherrlichung der weißen Herrenrasse und ausgewählter Fotografien und Bilder, die die Spiele im – aus nationalsozialistischer Sicht – bestmöglichen Licht darstellen, zeigt das Buch von Emanuel Hübner die Spiele so, wie sie der Durchschnitts-Besucher gesehen und empfunden haben muss: mit den Augen eines Amateurfotografen.

Hierfür hat Hübner über 250 Fotografien von bekannten und unbekannten Besuchern der Spiele von 1936 zusammengetragen. Herausgekommen ist ein spannender, völlig neuer und vor allem unzensierter Blick auf das umstrittene Großereignis, welches es den Nazis nur drei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ermöglichte, der Welt ein weltoffenes und vor allem gemäßigtes Deutsches Reich vorzugaukeln.

Das Buch von Emanuel Hübner lenkt den Blick nun aber völlig weg von der politischen Ideologisierung der sportlichen Wettkämpfe. Die Aufnahmen, die er für sein Buch gesammelt hat, sind oft erst auf den zweiten Blick interessant, da sich viele Details, die für den Fotografen von einst eher unwichtig erschienen, eher im Hintergrund oder am Rande des Bildes abspielen. Neben einem ungeschönten Blick auf die letzten Olympischen Spiele vor dem zweiten großen Krieg ist dabei auch ein Blick auf den Alltag der damaligen Zeit entstanden und somit ein nicht zu unterschätzendes Zeitdokument.

Emanuel Hübner – „OLYMPIA IN BERLIN – Amateurfotografen sehen die Olympischen Spiele 1936“

200 Seiten, ca. 280 Abbildungen (250 Fotos)
Hardcover 23 cm x 20 cm
morisel Verlag, München / Preis: 24,90 Euro

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.