Der RBB schaltet sich selbst ab

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rbb-Fernsehzentrum

 

Nach über 400 Sendungen des RBB Sportplatz lief am gestrigen Sonntagabend die letzte Ausgabe der rund einstündigen Sportsendung im RBB, mit einem Rückblick auf über ein Jahrzehnt Sendegeschichte im Zeichen des lokalen Sports. Der RBB möchte in Sachen Sportberichterstattung zukünftig neue Wege gehen, befindet sich damit aber direkt auf dem Weg in die Sackgasse. 

von Björn Leffler

Sportmoderatorin Jessy Wellmer hatte gestern Abend die traurige Ehre, die letzte Sendung des „RBB Sportplatz“ zu moderieren. Es war ein etwas unmotivierter Rückblick auf sportliche Highlights, Triumphe und Tragödien und den ein oder anderen tückischen Vorfall im Rahmen der Live-Sendung, die bisher so sicher wie das Amen in der Kirche am Sonntagabend die Berliner Sportfans mit den aktuellen Neuigkeiten aus der Region versorgt hat.

Der „RBB Sportplatz“ bot damit nicht nur den Big Playern der Stadt – Hertha BSC, 1. FC Union, ALBA, Eisbären, Füchse, Volleys – ein regelmäßiges Forum. Die Sendung war insbesondere auch für die Vereine des Amateur- und Breitensports wichtig, um immer wieder gehört und gesehen zu werden, wie etwa der in die Regionalliga abgestiegene FC Energie Cottbus oder das Frauenteam von Turbine Potsdam. Aber auch abseits der populären Sportarten berichtete der „RBB Sportplatz“ zuverlässig über das, was sich in Berlin und Brandenburg sportlich so tat: Rudern, Laufen, Wasserball, Tennis, Hockey – alles fand seinen Platz, und so sollte es auch sein in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung, die unabhängig von Werbespendings und Einschaltquoten zu agieren hat – zumindest in der Theorie.

Dies wird es nun so nicht mehr geben. Der RBB hat sich entschieden, keine regelmäßige Sportsendung mehr zu produzieren. Und das in einer Stadt, die wohl ohne Übertreibung zu den erfolgreichsten Sportstädten Deutschlands gehört und ein auch im europäischen Vergleich beeindruckend begeisterungsfähiges Sportpublikum beheimatet. Die offizielle Begründung seitens RBB liest sich wie folgt: „Wir mussten feststellen, dass Aufwand und Nutzen in keinem guten Verhältnis mehr standen.„, so Programmdirektor Jan-Schulte Kellinghaus. Die Sendung konnte sich immer weniger gegen die zeitgleich auf den anderen dritten Programmen laufenden Sportformate durchsetzen.

Dass die Sportsendungen der dritten Programme traditionell zeitgleich ausgestrahlt werden, ist ein grundsätzliches Paradoxon des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, aber daran hatte man sich irgendwie gewöhnt. Wozu gibt es schließlich die Online-Mediathek. Anstatt über einen neuen Sendeplatz für den „RBB Sportplatz“ nachzudenken, zum Beispiel am Montagabend oder zu einem früheren Zeitpunkt am Sonntag, herrscht bei den die Programmplanern am Theodor-Heuss-Platz offenbar nur Mut- und Ideenlosigkeit vor. Viel lieber streicht man eines der beliebtesten Sportformate ganz aus dem Programm, ohne den Zuschauern im Rahmen der letzten Sendung mitzuteilen, wie das neue Konzept denn nun überhaupt aussieht. Was für Irrsin. Zurück blieben gestern Abend ratlose Fernseh-Zuschauer, die nicht nur verärgert, sondern auch hochgradig verwirrt waren. 30 Minuten Highlight-Schnipsel, und das war es dann mit dem „Sportplatz“, mehr braucht es nicht. Ganz großer Sport, RBB. Die Ironie ist sicherlich herauszulesen.

Das neue Konzept stellen Kellinghaus und der RBB auf der offiziellen Internet-Präsenz selbstbewusst vor: „Ich bin froh, dass wir durch das neue Konzept nicht auf die gesammelte Kompetenz unserer Kolleginnen und Kollegen verzichten müssen. Künftig kommt der erfolgreiche Sport aus Berlin und Brandenburg auf mehr und vor allem prominenteren Plätzen in unserem Fernsehprogramm vor. Ich freue mich auf den Neustart.“ Das klingt durchaus so, als hätte für die Sport-Redaktion zeitweilig sogar die Arbeitslosigkeit gedroht. Nun aber soll es moderierte Sportblöcke im Rahmen der regulären Nachrichtensendungen geben. Und eine breitere Berichterstattung im Online- und Social-Media-Segment. Aha. Das klingt ja irre innovativ.

Für die Sportfans kann dieses Konzept nur als schlechter Witz daherkommen. Der Verzicht auf eine regelmäßige, moderierte und eigenständige Sportsendung ist für die Sportstadt Berlin eine Katastrophe. Zukünftig wird es nur noch darum gehen, die wichtigsten und dringlichsten Themen in wenige Minuten andauernde Sportblöcke zu pressen, worunter vor allem die kleineren Vereine und die Randpsortarten leiden werden. Und Sportthemen, die außerhalb einer Sendung wie dem „RBB Sportplatz“ einfach keinen Platz finden, wie etwa die Doping-Methoden bei der Tour de France, werden zukünftig einfach hinten ‚runterfallen. Die Streichung des „RBB Sportplatz“ ist eben auch eine Niederlage für den investigativen Journalismus. Zudem wird es keine Studio-Gäste mehr geben, mit denen in sachlicher Studio-Atmosphäre differenzierte Gespräche über die sportliche oder persönliche Situation geführt werden können.

Was der RBB plant, ist ein großer Rückschritt, ohne Wenn und Aber. Egal, wie euphorisch das sogenannte „neue Konzept“ vom RBB selbst angepriesen wird. Der Sport wird in Berlin und Brandenburg zukünftig nur noch beiläufig Erwähnung finden, weil er beim Lokalsender ganz offensichtlich als nicht relevant genug angesehen wird. Der RBB hat dann einen weiteren Sendeplatz frei, um den siebten „Polizeiruf“ pro Woche zu zeigen oder die zigste „Damals in der DDR“-Dokumentation auszustrahlen. Oder ein paar schöne Geschichten aus dem Spreewald. Das wird vor allem das junge Publikum enorm begeistern. Aber dieses soll ja nun per Social Media abgefrühstückt werden.

Eine so unausgegorene Zwitter-Lösung als großartiges neues Konzept zu verkaufen, ist gegenüber den Konsumenten, die regelmäßig ihren Rundfunkbeitrag bezahlen, eine Frechheit. Während der gestrigen Sendung war eines der prominentesten Themen übrigens die Box-Karriere von Arthur Abraham. Gezeigt wurden seine dramatischsten Kämpfe und schönsten Knockouts. Verschwiegen wurde verschämt, dass sich die ARD auch aus dem Box-Sport längst zurückgezogen hat, einst eine der beliebtesten Sportarten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Wer Arthur Abraham mittlerweile Boxen sehen will, muss entweder Axel Schulz als SAT.1-Experte ertragen oder den Kampf im Online-Stream bei „ran.de“ schauen, häufig für ein zusätzliches Pay-per-View-Salär. Vermutlich ist das auch das neue Online- und Social-Media-Konzept, von dem der RBB da spricht. Die Fans der kleineren Vereine aus der Region werden sich vor Begeisterung kaum halten können. Wie der Rest der Zuschauer am gestrigen Abend. Auch das ist im Übrigen ironisch gemeint.

 

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Ein Gedanke zu „Der RBB schaltet sich selbst ab

  1. @Björn Löffler,

    also ich bin froh, dass es den RBB-Sportplatz nicht mehr gibt…. Ich kann mich als Stammzuseher bezeichnen und habe auch oft im MDR „Sport im Osten “ angesehen. Dort bringt man eine sehr ausgewogene Berichterstattung!!!! Beim Sportplatz bestand in der Regel aus den 40 Minuten 25 Minuten NUR aus Hertha BSC, in den anderen verbleibenden Minuten wurden die anderen Sportarten gepresst (Union, Füchse, Alba, Eisbären, Volleys). Für andere Sportarten und Ihre Leistungen (Tichtennis/TTC Berlin oder Wasserball/Wasserfr. Spandau) war da natürlich kein Platz mehr….und z.B. bestand die Regionalliga für den RBB azu 95% nur aus E. Cottbus (..und das, obwohl in der Regionalliga 8 Vereine aus Berlin und Brandenburg spielen…); ..und Breitensport fand auch nicht statt (ausgenommen mal der Berlin-Marathon)…Letzter negativer Höhepunkt: am 25.05. fand das Berliner Pokalfinale statt. Kein Wort dazu in der letzten Sendung, wer Berlin neben Hertha und Union im DFB-Pokal vertritt….
    Es ist natürlich traurig, dass es beim RBB keine Sportsendung mehr gibt…Vielleicht sollte man auch über einen zuschauerfreundlicheren Sendetermin nachdenken (so es überhaupt wieder eine Sportsendung im RBB gibt…).
    So, das war`s von mir!
    Wünsche einen schönen Tag!

    Jens Funke

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