Die Erben des Panenka – „Finále“

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Die Legende des Panenka lebt. Geboren wurde sie im Elfmeterschießen des Europameisterschaftsfinals von 1976, als Antonin Panenka den historischen Fehlschuss von Uli Hoeness mit einem lässigen Lupfer in die Tormitte beantwortete und die Tschechoslowakei zum umjubelten Europameister machte. 40 Jahre später nahm die nunmehr eigenständige Slowakei in Frankreich erstmals bei einer EM-Endrunde teil. Der Film „Finále“ vergleicht anhand eines nostalgischen Blicks die Helden des Finales von Belgrad mit denen der Gegenwart.

Nach dem großen Auftakt begann die vertiefte cineastische Auseinandersetzung mit der Fußballkultur. Während die große Mehrheit noch der Podiumsdiskussion nach dem Eröffnungsfilm „Wie ein Vulkan – Der Aufstieg des isländischen Fußballs“ lauschte, begaben sich etwa 20 Zuschauer in das kleine Nebenkino Babylon 2, um die deutsche Erstaufführung des slowakischen Dokumentarfilms „Finále“ von Pavel Korec und Dusan Milko zu erleben. Das Interesse wurde belohnt mit der überraschenden Anwesenheit der Produzenten, die sich als Vater und Sohn herausstellten. Diese waren kurzfristig aus Prag angereist, weil sie über die Möglichkeit ihren Film auf dem 14. Internationalen Fußballfilmfestivals zu präsentieren sehr erfreut waren. Immerhin war es „erst“ ihr fünfter produzierter Film und der erste, der sich einem sportlichen Thema widmete. Gleichzeitig verwiesen sie aber darauf, dass es weniger ein Sportfilm sei als eine Studie der Geschichten rund um den Fußball, die die Beziehung der Gesellschaft zum runden Leber verdeutlichen solle und die Unterschiede zwischen den Generationen beschreibt.

Die Mannschaft von 1976 war hauptsächlich eine slowakische. Acht Spieler aus der heutigen Slowakei standen mit dreien aus dem heutigen Tschechien in der Startaufstellung, die gegen die Mannschaft von Beckenbauer, Schwarzenbeck und Hölzenbein den Titel erringen konnte. Zwar wird in tschechischen und slowakischen Brauhäusern gerne ab und zu nochmal debattiert, wem der damalige Titel zuzurechnen ist, aber der Europameister-Titel von damals ist offenkundig ein Relikt einer untergegangenen Zeit. Ein Hauch von Nostalgie schwingt auf den Alt-Herren-Veranstaltungen der Europameister-Elf zwar stetig mit, aber über die Atmosphäre einer Dorf-Disko geht der Enthusiasmus dabei nicht hinaus. Die Filmemacher begleiteten die Protagonisten der Europameistermannschaft von 1976 im letzten Sommer, währenddessen die Mannschaft der Gegenwart um Marek Hamsik versuchte eine neues Kapitel aufzuschlagen. Das Spannungsfeld des Films wird durch die Gegenüberstellung der jeweiligen Erfahrungswelten erreicht. Während die sportlichen Helden von damals ein wenig verloren im bürgerlichen Leben versunken sind und sich als Spielervermittler, Pförtner und Buchhändler ihren Alltag durch fußballerische Zusammenkünfte aufwerten, kämpft sich die heutige Mannschaft mehr schlecht als recht durch die Vorrunde und scheidet im Achtelfinale mit 0:3 ausgerechnet gegen Deutschland aus. Das hindert sie aber nicht daran, den fröhlichen Starkult des modernen Fußballs zu leben und in Saus und Braus die Mittelmäßigkeit zu inszenieren. Der Dokumentation gelingt es diesbezüglich die Diskrepanz der Heldenverehrung der heutigen Zeit herauszuarbeiten und stellt kommentarlos die Selbstdarsteller des heutigen Fußballs dem Mannschaftsgeist der 1970er Jahre entgegen.

Der Film Finále ist ein launiger Beitrag zum 14. Internationalen Fußballfilmfestival, der hauptsächlich von den charmanten Herren der Europameisterelf profitiert. Auch wenn sie inzwischen einen Schuhanzieher in der Umkleidekabine brauchen, sind die kleinen Scherze und Gesangseinlagen der inzwischen etwas kompakter wirkenden Fußballhelden das große Fundament der Dokumentation. Die Bodenständigkeit der Senioren wird durch den Vergleich mit deutschen Protagonisten des damaligen Spiels zusätzlich noch überhöht. So werden Rainer Bonhof auf dem privaten Golfplatz und Dieter Müller – der zusammen mit Bernd Hölzenbein in Erinnerungen schwelgt – in der heimischen Villa interviewt, während die Tschechoslowaken am bierseligen Sammtisch oder am Arbeitsplatz zu ihren Erinnerungen befragt werden. Der Titel von 1976 war offenkundig mitnichten ansatzweise so profitabel wie das Leben eines mittelklassigen Fußballers in heutigen Zeiten. Auch die Fußballrente in Deutschland scheint auf einem anderen Niveau möglich, als es in der Slowakei der Fall ist, auch wenn Bernd Hölzenbei zu Recht betont, dass der zweite Platz in Deutschland nichts zähle und dementsprechend auch niemand am Flughafen gewesen sei, um die Mannschaft zu empfangen.

 

Die schönste Szene des Films abseits der Spielszenen des historischen Finals ist die Verarbeitung des Fehlschusses von Uli Hoeness, der damals seinen Elfmeter in den Belgrader Nachthimmel drosch und auch innerhalb der deutschen Mannschaft von damals offenbar noch heute den ein oder anderen Spruch dazu gedrückt bekommt. Der Hoeness´sche Fehlschuss verlässt das Stadion und schlagartig werden durch die Filmemacher Menschen im Stadtraum in Szene gesetzt, die verwundert und erfreut gen Himmel schauen. Es ist der Moment, in dem der Stern des slowakischen Fußballs auftauchte und sich jedoch alsbald als Sternschnuppe herausstellte. Nur wenige Momente später vollführte Antonin Panenka seinen Lupfer für die Ewigkeit, den Rainer Bonhof im Rahmen der Dokumentation als „hohe Kunst der Verarschung“ treffend beschrieb.

„Finále“ beschreibt auf eindringliche Art und Weise die Vergänglichkeit des Erfolgs angesichts der überbordenden Inszenierung der Gegenwart. Ein sehenswerte Dokumentation, die Fußballgeschichte in Bezug zur heutigen Realität setzt und einen nostalgischen Blick als Kritikpunkt an der Moderne gekonnt einsetzt. Auch wenn der Film ab und zu ein paar wenige Längen hat, gehört er schon jetzt zu den Lichtpunkten dieses auch mitunter nachdenklichen Fußballfilmfestivals.

 

Axel Diehlmann

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