Die Sackgasse

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Der KSV Hessen Kassel muss in den nächsten zwei Wochen jede Menge Geld auftreiben, um die Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden. Im Süden Hessens kämpft mit dem FSV Frankfurt ebenso ein Traditionsverein gegen den Untergang und in Baden droht dem Karlsruher SC ein Dilemma. Immer mehr Traditionsvereine manövrieren sich auf das Abstellgleis der Fußballgeschichte. Eine Annäherung an ein strukturelles Problem.

Es ist das letzte Aufbäumen vor dem Niedergang. Der FSV Frankfurt – ohnehin Tabellenletzter der Dritten Liga und damit auch sportlich auf Talfahrt – hat beim DFB Protest gegen den Abzug von neun lebenswichtigen Punkten eingelegt. Der Abstieg in die Regionalliga wäre damit endgültig besiegelt und damit in eine Spielklasse, in der es kaum Geld zu verdienen gibt. In jener Regionalliga tummeln sich gleichwohl so einige sogenannte Traditionsvereine, die noch in den 1970er und 1980er Jahren kontinuierlich Bestandteil der höchsten beiden deutschen Spielklassen waren. Wenn man auf die großen Namen wie den 1. FC Saarbrücken, Kickers Offenbach, Rot-Weiss Essen und Waldhof Mannheim schaut, gehören die Frankfurter noch ohne Zweifel eher zum unscheinbaren Teil der Traditionsvereine, die in der Versenkung verschwunden sind. In den Regionalligen Deutschlands ist geballte Fußballgeschichte versammelt. Aber auch in den Oberligen finden sich so manche ehemaligen Größen. Bestes Beispiel hierfür ist wohl Bayer Uerdingen, die derzeit in der Oberliga Niederrhein zwar immerhin Tabellenführer sind, aber eben auch Platz 24 der ewigen Bundesligatabelle belegen. Bei vielen ist die Diskrepanz zwischen Geschichte und Gegenwart am allgegenwärtigen Verfall der Stadien und Vereinsheime hautnah erlebbar.

Während Tradition im professionellen Bereich zur marketinggerechten Fassade ausgehöhlt wird, stehen viele Traditionsvereine im Breitensport vor dem Ende. Neben dem FSV Frankfurt musste in der letzten Woche mit dem KSV Hessen Kassel (ehemals FC Hessen Kassel) ein zweiter hessischer Traditionsverein kundtun, dass die Zahlungsunfähigkeit bevorstehe. Innerhalb von zwei Wochen müssten 400.000 EUR aufgetrieben werden, um den Etat für die aktuelle Spielzeit zu decken. Selbst wenn dies erreicht werden würde, wären die kommenden Spielzeiten auch nicht ohne weiteres zu finanzieren, da mit VW der Hauptsponsor aus dem Verein aussteigt. Nun wäre eine aktive Stadtpolitik und Bürgerschaft wünschenswert, die dem Verein unter die Arme greift, aber hierfür fehlt die notwendige fußballkulturelle Basis in der Stadt Kassel.

Auch wenn in unmittelbarer Umgebung von Kassel keine großen Konkurrenten den Kasselern die Spieler und Aufmerksamkeit streitig machen, so fehlt es dennoch an sportlicher Entwicklung und lokaler Identifikation mit dem Verein. Lediglich 1.700 Zuschauer zieht es im Schnitt in das Auestadion, welches immerhin 18.737 Zuschauern Platz bietet. Diese Kapazität wird aber nur noch bei Konzert- und Kulturveranstaltungen und eventuell bei Leichtathletik-Meetings ausgenutzt. Der Fußballverein hat schon lange seine Zugkraft verloren und kann nur bei Freundschaftsspielen gegen Borussia Dortmund oder Borussia Mönchengladbach ein volles Haus verlautbaren. Allgemein hat der Fußball in Kassel ein seltsames Standing, welches gleichsam repräsentativ für unsere Zeit interpretiert werden kann. Nur wenige Bolzplätze sind im Stadtraum zu finden, dafür umso mehr austauschbare Sky-Kneipen, die die Träume der fernen Fußballwelt präsentieren. Die Wampe gibt’s dann inklusive. Die Sogkraft der großen Inszenierung und Komplettversorgung mit Fußball im heimischen Wohnzimmer bewirkt, dass in den Regionen, in denen das Verblassen der Fußballvereine sportlich voranschreitet, auch wirtschaftlich und sozial die Zugkraft des Vereins zusammenbricht.

Der Verlust der lokalen Vereinsstrukturen geht einher mit der Überinszenierung von Traditionsbezügen im professionellen Fußball als erstklassige Marketingprodukte. Während die TSG aus Hoffenheim auf ihr Gründungsjahr 1899 derart demonstrativ pocht, dass es einem weh tut, versucht der VfL Wolfsburg sich als Verein der Arbeiterklasse zu inszenieren. Die dahinter stehenden Unternehmen und Konzerne haben die Zeichen der Zeit zweifellos erkannt und pressen den letzten auffindbaren Cent aus den inszenierten Identitätsankern.

Die Logik der Vermarktung hat Übergewicht gewonnen und verliert dabei die Bezüge des selbst ernannten Idealbildes der Tradition aus den Augen. Die Basis von Traditionsvereinen lag stets in der Verankerung des Fußballs in der lokalen Stadtgesellschaft. Inzwischen kommen die oberen Vereine auch bestens ohne den Bezug zur Stadt und der entsprechenden Bevölkerung aus, da die hauptsächlichen Einnahmen nicht mehr durch die zahlenden Stadionbesucher erzielt werden. An Autobahnkreuzen und auf der grünen Wiese gelegen sind die Arenen heute eher Fernsehstudios als ein Zentrum der Vereinskultur. Die Konzentration auf das mediale Antlitz entfremdet gleichzeitig in vielen Fällen von der örtlichen Fußballkultur. Hierin besteht das strukturelle Problem der Vereinskultur im deutschen Fußball, woran die in der Versenkung verschwundenen Traditionsvereine am meisten leiden.

Leider fällt diesen nur bedingt ein alternatives Konzept zur Gesundung ein, so dass die Fanartikel und Eintrittspreise nahezu den Preisen entsprechen, die für Spiele und Artikel der Vereine der 2. Bundesliga aufgerufen werden. So kosten die Trikots als ultimative Insignien der Vereinszugehörigkeit immerhin auch zwischen 60 und 70 EUR. Interessant wäre an dieser Stelle eventuell die Suche nach einem lokalen Betrieb, der als Ausrüster in die Bresche springt und den entstandenen Umsatz direkt in der Stadt belässt, wovon letztendlich auch wieder der Verein profitiert. Die einzige Chance als Traditionsverein im großen Wettbewerb zu bestehen, liegt in der Aktivierung der ortsansässigen Wirtschaft und Bürgerschaft anstatt die Logik der großen Wirtschaft nacheifern zu wollen. Hierfür müsste wohl auch auf die marktüblichen Eintrittspreise verzichtet werden, um das Zuschaueraufkommen und damit verbunden die Erlebnisqualität zu erhöhen. Es gilt dabei die Krise als Chance für einen Neuanfang aufzufassen – einen Sinneswandel in wirtschaftlicher, sozialer und sportlicher Hinsicht. Jedoch werden meist eingefahrene Irrwege verstetigt und eben schnell ein neuer zahlungskräftiger Sponsor gesucht, der den Rettungsschirm für ein paar Jahre aufspannt.

Die marktwirtschaftliche Fokussierung des Fußballs frisst seine Kinder. Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass wir in nächster Zeit jährlich den Untergang der „Traditionsvereine“ beklagen müssen. Schon jetzt lässt sich ein nächstes Opfer dieses Prozesses ausmachen: der Karlsruher SC, der aufgrund der sportlichen Situation vor dem finanziellen Kollaps steht. Die Pacht-Kosten des neuen Stadions können laut Finanzplan nur gedeckelt werden, wenn der KSC nicht mehr als ein Jahr Drittklassigkeit pro Dekade spielen muss. Der nunmehr kaum noch zu verhindernde Abstieg stellt diesen Kostenplan nun schon von Beginn an auf wackelige Beine. Letztendlich wird der Verein unter dem Wettbewerbsdruck wohl zusammenbrechen, da mit der Bindung der Finanzen an das Stadion in klammen Zeiten auch die Fördermittel für den Nachwuchs wohl eher schlecht freigelegt werden können. So werden weiterhin die badischen und schwäbischen Junioren hoher Qualität wohl eher bei der benachbarten TSG Hoffenheim sowie dem VfB Stuttgart und dem SC Freiburg geeignete Entwicklungschancen sehen. Das Fundament bricht weg, während die Spitze des Eisbergs im heftigen Wind erodiert. Ein Teufelskreislauf, der die Kehrseiten unserer Unterhaltungsindustrie offenbart. Die kleinen und schwachen suchen verzweifelt nach Anschluss und begeben sich in Abhängigkeiten. Die sportliche Schere geht auf und eine zentrale gesellschaftliche Triebkraft geht in großen Teilen unseres Landes nach und nach verloren: der Verein als soziale Struktur. Ersetzt wird er mehr und mehr durch marktgerechte Fassaden.

 

Axel Diehlmann

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