Europa ohne Bundesliga: Endlich wieder Krise!

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Nachdem mit dem FC Schalke 04 am Donnerstag auch der letzte Bundesligist in Europa die Segel streichen musste, scharren Hierzulande die Kritiker und Berichterstatter wieder mit den Hufen: Endlich wieder Krise, endlich wieder alles schlimm in Bundesliga-Deutschland!

von Martin Lüthe

Zwar sind nahezu alle Kommentare zu den Halbfinalspielen in Champions- und Europa League ohne deutsche Beteiligung reflektiert genug, das Ausscheiden Dortmunds mit dem Anschlag auf den Bus der Mannschaft zu relativieren, aber dennoch hallt das Ausscheiden von Schalke 04 und dem FC Bayern deutlich nach.

Warum Deutschland – mal wieder – nicht konkurrenzfähig ist, hat viele Gründe, wie man dann schnell erfahren kann. Jörg Jakob, leitender Redakteur einer führenden deutschen Sportzeitung, führt eine knackige These von drei vermeintlich fehlenden „W“s ins Feld: Wettbewerbshärte, Widerstandsfähigkeit und Winner-Mentalität. Alle drei natürlich fehlen den deutschen Teams womöglich. Als zentraler Beweis hierfür dient vor allem die Bilanz deutscher Teams gegen spanische Mannschaften: die letzten zwölf Duelle gingen hier aus Bundesliga-Sicht jeweils verloren. Hierzu müsse man nun Antworten finden.

In den Kommentarspalten zum Thema verbreiten sich dann verschiedene, sich teilweise widersprechende Ideen zum Umgang mit der „Krise“. Einen ziemlich verführerischen Ansatz findet man, wie sollte es anders sein, in der Konkurrenzlosigkeit der Bayern und ihrer umtriebigen Einkaufspolitik, die sich angeblich immer auch zum Ziel setzt, die nationale Konkurrenz weiter zu schwächen. Dieser Alleingang der Bayern wird seitens der Bundesligafans sicherlich nicht zu Unrecht beäugt und dennoch taugt er nur wenig, um die vermeintliche Krise in Europa zu erklären.

 

Schließlich hat sich dieser Leitfaden bajuwarischen Transferschaffens in den letzten zwanzig Jahren ja nicht irgendwie signifikant verändert, die betroffenen Konkurrenten sind halt andere und vielleicht weniger geworden. Und wirklich niemand, der bei Trost ist, kann von einer Krise bei den Bayern reden, auch wenn sie nun seit sage und schreibe vier Jahren nicht mehr die Champions League haben gewinnen können. Juventus Turin mag übrigens das passendste Pendant zu den Bayern sein und die haben es dieses Jahr wieder – wie Bayern sonst auch zuletzt beständig – unter die letzten vier geschafft.

Und überhaupt: wie erklärt man sich denn dann die viel auffälligere Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit der Stärke einer Liga im europäischen Vergleich; nämlich jene der englischen Premier League. Guckt man hier genau hin, bietet sich genau das gegenteilige Argument zur Plausibilisierung an: Die nationale Konkurrenz von gleich bis zu sechs ständigen Meisterschaftsanwärtern führt dort womöglich zum schlechten Abschneiden in den internationalen Wettbewerben. Und paradox ist die Debatte nicht nur in diesem Punkt. Schließlich liest man doch gleichzeitig immer, wie berechenbar Europa- und Champions League geworden sind; mit immer den gleichen Teams, die am Ende den Pokal unter sich ausmachen – scheiden die Bayern aber dann mal aus, dann stimmt auch irgendwas nicht.

Hier zeigt sich aber vor allem eines, nämlich dass die Debatte von Leidenschaft, Vermutungen und Emotionen geprägt ist, auch wenn sie in der Verkleidung des Rationalen daherkommt. Ins diesjährige Halbfinale der Europa League haben sich mit Lyon, Celta Vigo, Ajax Amsterdam und dem großen Manchester United vier Teams aus vier unterschiedlichen nationalen Ligen ins gekämpft und kämpfen müssen: gleich drei von vier (!) Viertelfinal-Rückspielen gingen dabei in die Verlängerung. Klar ist die Europa League immer noch ein gewöhnungsbedürftiger Wettbewerb, aber diese Viertelfinalrunde hat doch wahrlich Europapokalflair versprüht.

 

 

Die frisch ausgelosten Halbfinalspiele der Champions League bringen uns (zum Glück) das Madrider Stadtderby und mit Juventus gegen Monaco den Vergleich einer alten, europäischen Dame mit einer talentierten Überraschungsmannschaft, die spätestens mit dem Auswärtsspiel bei Manchester City den diesjährigen Wettbewerb sichtbar aufgewertet hat. Was soll es also, dass es die Bayern nicht geschafft haben und dass Schalke in Überzahl in der Verlängerung der letzte Punch gefehlt hat? Warum muss das immer symptomatisch für etwas Größeres, zum Beispiel eine Krise der Liga, stehen und woher kommt die Haltung, dass man immer mindestens ein Team aus der Bundesliga in einem europäischen Finale erwartet?

Ist es wirklich so schwer zu akzeptieren, dass in zwei Spielen manchmal die Mannschaft weiter kommt, von der man es erwartet und manchmal halt nicht – das ist doch genau das wunderbare an diesem Spiel und an einem Wettbewerb, der zumindest in Teilen aus einer K.O.-Runde besteht. 180, maximal 210 Minuten auf Augenhöhe: In der Tragik des Ausscheidens der Bayern und dem Weiterkommen Ajax Amsterdams zeigen sich doch die Komplexität und Kontingenz des Spieles auf schaurig-schöne Art und Weise.

Und, wer weiß, vielleicht köpft Sami Khedira ja Juventus Turin zum Henkelpott, mit der für ihn typischen schwäbischen „Winner-Mentalität“.

 

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