Gewachsen auf Beton?

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Berlin Wedding - Boateng brothers

In unregelmäßigen Abständen beschäftigen wir uns mit der fußballerischen Wandkunst, die sich durch die Straßen und Häuserschluchten zieht und hier und da das Erscheinungsbild Berlins bereichert. Eines der prägnantesten Kunstwerke ist im Wedding anzutreffen. Inhaltlich ist es allerdings leider nicht ganz stimmig.

von Björn Leffler

Wenn man im Berliner Stadtteil Wedding von der Osloer Straße kommend mit dem Auto die Badstraße in Richtung Innenstadt fährt, kommt man gar nicht daran vorbei. An der Kreuzung Badstraße / Pankstraße prangen ihre drei Gesichter überlebensgroß auf einer Häuserwand. Es sind die Gesichter der Gebrüder Boateng, die im (fußballerischen) Wedding omnipräsent zu sein scheinen.

Und die Story scheint auch großartig zu passen: die Brüder Boateng, natürlich mit Migrationshintergrund, haben sich von ganz unten – aus dem Wedding eben – nach ganz oben gespielt, in den Profifußball. Zumindest zwei der drei Brüder, nämlich Kevin Prince und Jérôme. Der dritte im Bunde, George, war – so sagt man – eigentlich der talentierteste von ihnen, wusste mit seinem Talent aber nicht allzu viel anzufangen und landete statt in der Profimannschaft von Hertha BSC zwischenzeitlich im Moabiter Gefängnis.

Kevin Prince und Jérôme aber, die haben es geschafft. Vor allem Jérôme sticht heraus, schließlich führte ihn sein Weg von Hertha BSC über den HSV und Manchester City zu einem der erfolgreichsten Vereine der Welt, dem FC Bayern München. Mit den Münchnern gewann Jérôme nicht nur mehrere nationale Titel, sondern 2013 auch die Champions League. Ein Jahr später dann folgte sogar noch die ultimative Krönung, die ein Fußballer erfahren kann: Jérôme Boateng wurde mit der deutschen Nationalmannschaft in Rio Fußball-Weltmeister.

Und das alles begann in – Wilmersdorf! Wie bitte!? Ja, ganz recht. Denn entgegen der simplen Botschaft, die auf der Weddinger Häuserwand geschrieben steht („Gewachsen auf Beton“) ist Jérôme nicht im Wedding aufgewachsen, sondern bei seiner Mutter im weit entfernten und gutbürgerlichen Wilmersdorf. Die drei Brüder haben zwar einen gemeinsamen Vater – Prince Boateng – aber unterschiedliche Mütter. Und genauso unterschiedlich verliefen auch ihre Leben. Auch dann noch, als sie den Kontakt zueinander hergestellt  hatten und gemeinsam Fußball spielten.

Ein „Weddinger Junge“ jedoch, das ist Jérôme Boateng auch in späteren Jahren nicht geworden. Er blieb bei seiner Mutter wohnen und besuchte später, als Hertha BSC schon längst die Fühler nach ihm ausgestreckt hatte, die Poelchau-Oberschule im Olympiapark. Also nichts da mit Ghetto-Kid, auch wenn den Medien diese Story noch heute herrlich leicht von der Feder geht. Fakt aber ist: Jérôme Boateng, der mit Abstand erfolgreichste der drei auf die Hausmauer gepinselten Brüder, kommt nicht aus dem schwierigen Arbeiter- und Migrantenviertel Wedding, sondern ist mutmaßlich eher auf Rasen oder Kunstrasen zum talentierten Fußballer herangewachsen, und nicht nur auf Beton.

Allzu genau nahm es der Urheber des Wandportraits offensichtlich nicht, es ging wohl eher darum, eine gute Story zu erzählen. Denn die ließ sich Sponsor „Nike“ schließlich einiges kosten, um mit seiner Botschaft „Gewachsen auf Beton“ so prominent auf der Häuserwand prangen zu können. Der US-Sportartikelhersteller war es nämlich, der das Wandbild anfertigen ließ. Und mit überflüssigen Details haben es die Amerikaner ja erfahrungsgemäß nicht so ganz.

Auch wenn die Weddinger Jérôme Boateng gern als einen der „ihren“ sehen würden, die Karriere des „wahren Weddingers“ Kevin Prince ist ganz sicher auch nicht zu verachten. Profi-Stationen wie Tottenham Hotspurs, AC Mailand oder Schalke 04 kann wohl nicht jeder vorweisen, und schon gar keinen „Scudetto“, den Boateng mit dem AC Milan in der Serie A gewann. Zwei WM-Teilnahmen mit der ghanaischen Nationalelf runden diese ebenfalls beeindruckende Karriere – Stand heute – noch ab.

Dennoch, es bleibt dabei, der scheinende Stern auf dem Wandbild der drei so unterschiedlichen Brüder ist und bleibt Jérôme. Der wurde in einer Talkrunde vor einigen Jahren gefragt, was er als erstes gemacht hat, als die rauschenden WM-Feierlichkeiten 2014 am Brandenburger Tor überstanden waren. „Ich bin nach Hause zu meiner Mutter gefahren.“ antwortete Jérôme. „Sie hat mir meine Leibspeise gemacht: Fischstäbchen mit Kartoffelbrei.“

Das klingt nun wirklich ganz und gar nicht nach Wedding. Schon eher nach Wilmersdorf.

 

Wer mehr über die Brüder Boateng erfahren möchte, kann dies in Michael Horenis Buch „Die Brüder Boateng“ nachlesen.

2 Gedanken zu „Gewachsen auf Beton?

  1. Zustimmung zum Artikel. Aber was genau klingt an Fischstäbchen mit Kartoffelbrei „nun wirklich ganz und gar nicht“ nach Wedding? Zu abgehobene Oberschichtenmahlzeit oder was?

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