Kein Fußball am 01. Mai – Zeit für Politik

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Der 01. Mai und Fußball – unvereinbare Phänomene unserer Zeit. Die DFL vermeidet die Terminierung von Spielen der höchsten deutschen Spielklassen am Tag der Arbeiterbewegung, da seit drei Jahrzehnten die Polizei zur Sicherung des öffentlichen Raums und sozialen Friedens benötigt wird. Ausgangspunkt hierfür waren die Ausschreitungen vor 30 Jahren in Kreuzberg. Ein Tag, an dem auch Fußball im Olympiastadion stattfand, wie ein Video, das wir zufällig gefunden haben…

Der 1. Mai als Tag der Arbeit geht historisch auf den 1886 stattfinden Generalstreik der nordamerikanischen Arbeiterbewegung zurück, die sich am damaligen 01. Mai für die Durchsetzung des Acht-Stunden-Tages einsetzten. Die Wahl auf dieses Datum fiel in Anlehnung an die australische Arbeiterbewegung, die schon 1856 sich für diesen Arbeitsrhythmus einsetzten. Und so war es kaum verwunderlich, dass mit der Ausrufung der Weimarer Republik und der erstmaligen Etablierung des Sozialstaats eben diese Traditionen gestärkt und akzentuiert werden sollten. Einen entsprechenden Feiertag durchzusetzen gelang der damaligen Regierung jedoch gegen die bürgerliche Opposition nicht, so dass die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung dieses Thema freudig für ihre Propaganda nutzten und den 1. Mai zum Feiertag in Deutschland erklärten – natürlich national konnotiert. Dabei bezieht er sich eben auf die internationale Bewegung der Arbeiterklasse, die für ihre Rechte eintritt und insbesondere in den Regionen der Schwerindustrie zu Massendemonstrationen aufrief. Nichtsdestotrotz schmücken sich die politisch Verblendeten gerne heutzutage immer noch mit einem „Wir-habens-erfunden“-Emblem. Aber Geschichtsvergessenheit gehört bei diesen Gestalten ja zum leidigen Geschäft.

Der 1. Mai als Tag der Arbeiterbewegung wurde in Zeiten der politischen Konkurrenz zwischen der BRD und der DDR gleichsam entsprechend politisch inszeniert. So stand dem „Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“ in der DDR der bundesrepublikanische Tag des Friedens und der Völkerversöhnung bzw. Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde entgegen. Der 01. Mai ist damit historisch ein Tag des politischen Konflikts, der auf der Straße manifest wird.

Vor 30 Jahren erreichten die Demonstrationen in Berlin So 36 eine bisher unbekannte Dimension. Das Jahr 1987 als Inszenierungsjahr des Stadtjubiläums unterlag besonderen politischen Bedingungen und so wurde die autonome Hausbesetzerszene argwöhnisch betrachtet und spätestens infolge des Boykotts der Volkszählung politischen Sanktionen unterzogen. Die politische Stimmung im Umfeld des Internationalen Kampftags der Arbeit war entsprechend geladen, so dass das friedliche beginnende Straßenfest in den Abendstunden in einen revolutionären Kampfplatz transformiert wurde. Ausschreitungen und Straßenkämpfe zwischen autonomen Gruppen und der Polizei veränderten schlagartig die Wahrnehmung der Protestkundgebungen in Deutschland. Insbesondere in den darauf folgenden Jahren wurde der Maifeiertag als Tag des revolutionären Kampfes gegen das politische Establishment hochgradig symbolisch aufgeladen. Die 1990er Jahre in Kreuzberg waren geprägt von Unruhen und Provokationen. In den letzten Jahren wurde durch die neuerliche Etablierung des MyFestes die Veranstaltungen und Demonstrationen im Viertel SO36 wieder zusehends entpolitisiert. Sofern eine weitere Befriedung festzustellen ist, wäre eventuell in Zukunft auch wieder die Kombination aus vormittäglicher politischer Teilhabe inklusive Straßenfest und nachmittäglicher Fußballleidenschaft möglich. Das sähe dann ungefähr so aus:

Und nun hinaus zum 01. Mai! … Bei fehlendem politischen Interesse spielts einfach Fußball!

 

Axel Diehlmann

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