Nächtliche Legenden der Torwand

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Wenn zu später Stunde im Aktuellen Sportstudio auf die Torwand geschossen wird, komme ich nicht umhin, dem spannenden Schauspiel zu frönen. Ich kann nicht anders. Das geht nicht nur mir so, sondern Millionen von TV-Zuschauern. Aber warum eigentlich? 

von Björn Leffler

Als ich am vergangenen späten Samstagabend auf der Couch aufwachte, lief im Fernsehen noch der Schluss des Aktuellen Sportstudios im ZDF. Für mich war es Zeit, mich mühsam hinüber ins Schlafzimmer zu quälen, also setzte ich mich auf und trat verschlafen meinen Weg auf die andere Seite des Flurs an. Dann aber hielt ich plötzlich inne, verharrte einen Augenblick vor dem Fernseher und ließ mich wieder aufs Sofa fallen.

Was war passiert? Etwa eine halbe oder Dreiviertelstunde vorher war ich beim ermüdenden Talk zwischen Katrin Müller-Hohenstein und Mario Gomez eingenickt. Ich war nie ein Fan der Interviews im Sportstudio. Währenddessen lässt es sich daher stets herrlich einlummern. Nun aber stand Mario Gomez mit konzentriertem Blick in der Mitte des TV-Studios, die Augen fokussiert auf den Ball und das anvisierte Ziel: die Torwand!

Gomez murmelte noch so etwas wie „…muss auf jeden Fall einen mehr treffen als letztes Mal“ und zirkelte dann den ersten seiner sechs Bälle in Richtung Torwandloch, rechts unten. Gomez trat, wie es mittlerweile so üblich ist, gegen einen Fußball-Amateuer an, der beim Wettstreit um die meisten Treffer an der Torwand selbstverständlich etwas gewinnen konnte, irgend einen Fonds oder eine Reise oder so ein Gedöns. Aber darum geht es den faszinierten Zuschauern – inklusive mir – natürlich nicht.

Aber worum geht es uns dann? Was ist so faszinierend daran, meine eigentlich müde Seele – und noch viel müder war der Körper – noch einmal für fünf weitere Minuten wach zu halten, nur um Mario Gomez an der Torwand zu bestaunen? Vermutlich will man einfach nur sehen, wie sich hoch bezahlte Fußballer bei einer Spielart verdingen, bei der man selbst schon unzählige Male versagt hat. Und labt sich dann am Versagen des Profis bei eben jenem simplen Spiel. Oder man staunt ehrfürchtig.

Das ZDF selbst wollte das Torwandschießen bereits vor Jahrzehnten abschaffen, weil sie es für zu unmodern hielten. Aber nach großen Protesten der Zuschauer wurde es wieder in die Sendung genommen. Aktuelles Sportstudio ohne Torwandschießen, das ist quasi undenkbar. Und was hat es nicht schon für legendäre Auftritte gegeben! Günter Netzer, in schwarzer Lederjacke (und -hose), netzte lässig-locker fünfmal ein. Genauso wie „Kaiser“ Franz Beckenbauer, der bei seinem Versuch in den 70ern ebenfalls nur einmal versagte. So auch später „Tante Käthe“ Rudi Völler. Sagenhafte Trefferquoten.

Der Franz ist ja eh der deutsche Fußball-Primus, also hat er auch an der Torwand noch einen draufgesetzt und Jahre später, Anfang der 90er Jahre, noch einmal einen Ball vom Weißbierglas aus ins Loch gesetzt. Kein Problem für den Franz, der traf von überall, sprichtwörtlich. Ein paar Jahre später versuchte sich dann auch Mario Basler an der Torwand, war ob der vorangegangenen kritischen Fragen von Moderator Günter Jauch aber so gefrustet, dass er die Bälle mit maximaler Höchstgeschwindigkeit Richtung Torwand donnerte und dabei die Studioeinrichtung zerdepperte. Was Jauch wiederum höchst amüsiert zur Kenntnis nahm.

Was es auch ist, die Faszination an diesem dämlich-simplen Fußballspiel – drei unten, drei oben – hat die Jahrzehnte überdauert, bis heute. Am schönsten sind die Dinge meist, wenn man sie sich nicht so recht erklären kann. Daher lassen wir es also auf sich beruhen und warten auf den nächsten Samstag und schauen, wer sich dann an der Torwand versucht. Denn, eines hat es noch nie gegeben: sechs Treffer an der Torwand. Weder Völler, noch Netzer oder Beckenbauer konnten „die perfekte Serie“ spielen.

Vermutlich war es – ganz unbewusst – das Warten auf dieses perfekte Spiel, was mich am letzten Samstag wach hielt, um Mario Gomez beim Kicken zuzusehen. Er scheiterte recht deutlich, so viel bleibt festzuhalten. Das Warten geht also weiter. Das nächtliche Torwandvergnügen demnach auch. Irgendwas würde sonst auch fehlen.

 

Und hier ist er nochmal im laufenden Bild: Franz Beckenbauers sensationeller Weißbiertreffer an der Torwand:

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