Die „Schande von Gijón“ als Vorbild

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Der Nichtangriffspakt von Gijón ging in die Fußballgeschichte ein und wurde gleichsam mit einer Terminplan-Änderung beantwortet. Von 1982 an wurden die letzten Spiele im Rahmen eines Liga-Systems immer zeitgleich ausgetragen. Zurückblickend auf die Entwicklung des Fußballs in den letzten Jahrzehnten könnte nun gerade in der Wettbewerbsverzerrung eine Handhabe gegen den Ausverkauf der Fußballkultur liegen. Ein Plädoyer für eine temporäre Trickserei!

gijon

Die „Schande von Gijón“ gilt als eine der traurigsten Episoden des deutschen Fußballs. In der Vorrunde der WM 1982 in Spanien trafen Deutschland und Österreich im letzten Vorrundenspiel aufeinander mit der Kenntnis des Ergebnisses der konkurrierenden Algerier, die tags zuvor ihr letztes Gruppenspiel bestritten und nun bangen Blickes auf das Resultat des DFB gegen die Ösis warten mussten. Nach der frühen Führung der deutschen Mannschaft stellten beide Teams das Fußballspielen ein und schoben sich gelangweilt den Ball hin und her. Das 1:0 würde beide Mannschaften in die nächste Runde hieven, warum also ein Risiko eingehen? Die Wettbewerbsverzerrung war unverfroren offensichtlich, so dass die versammelte Fangemeinde erbost war ob des Verrats an dem Sport. Auch die Presse reagierte entsprechend: In Spanien erschien das Ergebnis des Spiels gar in der Sparte der polizeilichen Meldungen.

Die Partien der letzten beiden Bundesliga-Spieltage werden auch in Reaktion auf die „Schande von Gijón“ stets zeitgleich ausgetragen. Zentraler Termin ist der traditionelle Samstag-Nachmittag halb vier. Innerhalb von zwei Stunden wird heute und am nächsten Samstag ordentlich am Tableau geschraubt und die Dramaturgie zwischen Hoffen und Bangen bringt letztendlich parallel glorreiche Gewinner und große Verlierer hervor. Es ist eine besondere Stimmung, die in den Stadien der Republik alle Ereignisse miteinander verschmelzen lässt. Auf den Tribünen werden wieder eingefleischte Fans und Statistik-Freaks mit einem Ohr am Radio kleben, um die Ergebnisse der anderen Partien im geistigen Blick zu behalten, während die eigene Mannschaft auf dem Feld um Titel, Platzierungen oder gar um die Existenz kickt. Die Pläne der DFL die Bundesliga-Spieltage über vier Tage auf mehrere (Sende-)Termine zu strecken, könnte dabei zu ungewollten Problemen im Wettbewerb führen. Zwar sollen die letzten Spieltage weiterhin gleichzeitig ausgetragen werden, aber die Entscheidungen um Titel und Abstieg fallen ja derzeit auch gerne mal im März. Daher wäre es wohl eigentlich ratsam, die Spiele über die gesamte Saison zugunsten des Wettbewerbs und der  reisewilligen und planungshungrigen Fans terminlich zu komprimieren.

Nun gibt es hierbei aber offensichtlich Diskrepanzen bezüglich der Vermarktungsstrategie des Fußballgeschäfts und einhergehend kommen wir zu der provokanten Forderung einer bewussten Wettbewerbsverzerrung, um die Selbstreinigungskräfte des Sports anzustoßen. Der Zeitpunkt war niemals so günstig wie derzeit und notwendig ist es allemal. Die UEFA, die DFL und Sky nutzen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, um daraus eine Werbefläche zu machen. Der Fußball lernt im Zuge dessen die Schattenseiten der Totalkommerzialisierung kennen. Gleichsam befinden wir uns in einer Situation, in der die Fans auf die Barrikaden gehen angesichts zukünftiger Montagsspiele und der allgemeinen Tendenz die Anstoßzeiten eher den TV-Interessen unterzuordnen. Gleichzeitig erleben wir angesichts der bajuwarischen Dominanz der Liga eine selten dagewesene Langeweile im Titelkampf. Aufstrebende Konkurrenten der Münchner wurden und werden systematisch über Transfers entkräftet. Werder Bremen, Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund können ein Lied davon singen, wie sich die Herausforderung der Bayern auf die eigene Kaderplanung auswirkt. Auch Leipzig wird dies in den nächsten Wochen wohl zu spüren bekommen. (Wir sind übrigens die ersten, die melden, dass Naby Keita zu den Bayern wechselt – nur mal so gestreut) Demzufolge blicken die meisten Fußballfans fasziniert auf den spannenden Abstiegskampf, der noch eine gewisse Bandbreite an Emotionen bereit hält. Es gäbe aber auch eine Variante des progressiven Umgangs mit dieser trostlosen Situation: die Wettbewerbsverzerrung.

Einfache Lösung: die Vereine schließen sich zusammen und schustern den Bayern die Titel zu (was sie ja teilweise angesichts der Themen Totalrotation oder Kartenflut sowieso teilweise schon tun). Dazu werden alle Spiele über drei Jahre lang zwar gespielt, aber torlos gestaltet. Die Fans bleiben zu hause oder fahren an den Strand. Einfach mal ein wenig die Zeit genießen und schauen, was am Wochenende noch so geht, während sich die Medien mit den schweren Rücksäcken der TV-Verträge in den leeren Stadien sich dem trostlosen Gekicke widmen (müssen). Um dies in Zukunft zu vermeiden und den medialen Kollaps zu verhindern, setzt der DFB dann unter Druck von Sky alle Spiele komprimiert an ein oder zwei Terminen am Wochenende an. Wenn diese organisatorischen Schritte getan sind, kehren die Fans und der Wettbewerb zurück. Die Bundesliga wäre wiederbelebt. Während dieses Zeitraums kann intensiv Jugendarbeit betrieben werden und die eingesparte Kraft eventuell gar in einen Europapokalsieg umgemünzt werden. Verrückte Idee, aber angesichts der aufkommenden Langeweile muss manchmal auch ungewöhlich gedacht werden. Die „Schande von Gijón“ würde gleichsam umgedeutet in eine Heldenverehrung der Männer, die visionär eine Handlungsanleitung gegen das allmähliche Sterben der Fußballkultur gegeben haben. Dann gäbe es nur noch die Algerier, die irgendwie entschädigt werden müssen. Aber da lässt sich ja dank des aufgestockten Teilnehmerfeldes der Weltmeisterschaften sicherlich eine Lösung finden. Also Sport frei und öfter mal ne ruhige Kugel schieben!

 

Axel Diehlmann

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