Szenerien der Ohnmacht

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Einfach weitermachen! In einer verrückten Welt voller Idioten halten wir uns an unserem selbst auferlegten Regelwerk fest, um einer eingehenden Reflexion nicht zu viel Platz zu gewähren. Welche skurrilen Blüten dies treibt, konnte man gestern Abend anschaulich im Rahmen des Champions-League-Viertelfinals zwischen Borussia Dortmund und der AS Monaco beobachten.

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Als die Mannschaften von Borussia Dortmund und der AS Monaco gestern abend zu früher Stund das Feld betraten, erklang die Hymne der Champions-League und setzte der Szenerie seinen gewohnten Gipfelpunkt auf. Unmittelbar davor sorgte die Fußballhymne „You´ll never walk alone“ für eine betretene Stimmung auf den Traversen des Westfalenstadions zu Dortmund. Die ansonsten gerne feucht fröhlich niedergeschmetterte Gesangseinlage kam gestern recht nachdenklich daher. Der Grund hierfür war und ist allen bekannt, die ein waches Augen auf das politische oder im Zweifelsfall auf das sportliche Geschehen in unserem Alltag haben. Ein Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB endete für Marc Bartra und einen weitere Person im Krankenhaus. Die Sicherheitsmaßstäbe, die nunmehr Verkehrsmittel von prominenten Sportlern erfüllen, verhinderten wohl schlimmeres. Der Rest der Mannschaft kam mit einem Schock davon.

Die Täterschaft ist bisher ungeklärt. Zwar gibt es einige Bekennerschreiben, die jedoch laut aktuellem Nachrichtenstand eher einen fingierten Eindruck machen. Der Versuch fremden Gruppierungen die Täterschaft unterzujubeln weist dabei eher auf einen inländischen Täterkreis hin, die mit ihrer Aktion eben kein Symbol ihrer kruden Weltanschauung setzen wollen, sondern einen feigen Anschlag aus der eigenen Deckung initiieren, nur um dann den Miesepeter an die vermeintliche Konkurrenz weiterzuschieben. Auch wenn es nicht gänzlich egal ist, wer konkret für diesen Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund verantwortlich ist, so ist es letztendlich auch nicht sonderlich wichtig. Die Dummheit ist unter den verschiedenen Ethnien, Gemeinschaften und (Haupt-)Religionen ohnehin gleich verteilt. Es sind oftmals Gruppierungen, die aus ihrer selbst auferlegten Untauglichkeit zur Kommunikation und Empathie in die Hierarchisierung flüchten. Diese absurde Abgrenzungslogik gegenüber divergierenden Weltanschauungen resuliert eben aus der Unfähigkeit mit Differenz umzugehen und diese als persönliche Herausforderung und Chance zur Weiterentwicklung aufzufassen und eben nicht als kollektive Bedrohung zu betrachten.

Auch wenn die Täter vermeintlich nicht zur Reflexion in der Lage sind, so sind wir in solchen Situation jedoch gleichsam gefragt unser Handeln zu hinterfragen. Lässt sich einfach so weitermachen? Welche ist die „richtige“ Herangehensweise? Gibt es übergeordnete Verpflichtungen, die über der eigenen persönlichen Verarbeitung rangieren? Die Fremdbestimmung ist Teil unseres Alltags. Jedoch schätzen wir allesamt auch das Gefühl der Entscheidungsfreiheit unseres Handelns. Der Mannschaft von Borussia Dortmund fiel vorgestern abend die Verstrickung in die Unterhaltungsindustrie der europäischen Sportkultur auf die Füße. „The show must go on“ war das Motto, das die beiden Mannschaften zum Nachholtermin etwa 22 Stunden nach dem Anschlag auf den Rasen manövrierte. Die schnelle Neuansetzung des Spiels durch die UEFA wurde anhand der Logik des engen Terminplans durchgedrückt, ohne mit Fingerspitzengefühl und wachem Geist die Dimensionen des Anschlags zu hinterfragen. Für Menschlichkeit ist in dem wirtschaftlichen System Fußball eben nur bedingt Platz.

Nuri Sahin und Papastatopoulos Sokratis zielten genau auf diesen Aspekt als sie nach dem Spiel zu ihrer Stimmungslage befragt wurden. Sie seien Familienväter und keine Tiere war die Quintessenz der Aussagen. Die Gladiatoren in der Manege hatten mitnichten das Bedürfnis an jenem Abend Fußball zu spielen – sie wollten zur Ruhe kommen und die Vorkommnisse verarbeiten. Diese Gelegenheit wurde ihnen nur unter Aufgabe ihres Traums durch die Sportpolitik eingeräumt. Entweder friss oder stirb. So einfach ist das. Thomas Tuchel bezeichnete dies sowohl im Vorfeld des Spiels als auch bei der Pressekonferenz nach dem Spiel als Gefühl der Ohnmacht. Am Konferenztisch in der Schweiz sei über die eigenen Köpfe hinweg entschieden worden, ohne auf die Bedürfnisse der Protagonisten einzugehen. Der gestrige Champions-League-Abend wurde zum Zeichen einer entrückten Welt der Systemköpfe, die im kontinuierlichen Weitermachen ihre Obsession sehen. Gerne wird dann der „Man darf sich nicht von den Leuten alles kaputt machen lassen“-Satz als Argumentation herangeführt. Eine Logik, die im gleichen Maße fehlende Empathie beweist.

Was wäre, wenn wir einfach mal alles stehen und liegen lassen und eingestehen, dass wir kein Bock haben unter diesen Vorzeichen weiterzumachen. Muss die Kapelle weiterspielen, bis das Boot sinkt? Was bringt uns dieser normative Druck? Wir könnten auch einfach demonstrieren, dass wir frei von Zwängen (insbesondere den selbst auferlegten) Mitmenschlichkeit als oberste Maxime betrachten und natürlich nicht weiterspielen, wenn die Folgen eines Attentats auf einen Mitspieler noch nicht absehbar sind, beziehungsweise eine gesamte Mannschaft des Turniers als Anschlagsziel auserkoren wird. Der gesamte Spieltag der Champions-League hätte ausgesetzt werden können und den Freiraum geschaffen, die Rolle des Sports für eine politische Gesellschaft zu hinterfragen. Eventuell hätte dies der UEFA gut zu Gesicht gestanden. So hat sie sich erneut als bürokratisches Monstrum definiert, welches aus allen Beteiligten das maximal Mögliche herauspresst. Spieler, Trainer und Funktionäre – alle gefangen in der Ideologie des Fußballs, welche durch eine sektenähnliche Organisation pervertiert wird.

Den einzigen Lichtblick in dieser Szenerie der Ohnmacht setzten die Fans des BVB und der AS Monaco, die sich solidarisierten und unterstützten. Der Hashtag bedforawayfans war der Beweis für die Hilfsbereitschaft vieler Menschen und darüber hinaus dafür, wozu soziale Medien fähig sind. Sie sind eben nicht nur Werbeplattformen, sondern Mittel des menschlichen Austauschs. Die Anhänger des BVB nahmen hunderte Monegassen in den heimischen Wohnungen auf und setzten das Fundament internationaler Freundschaften. Während die Menschen vor Ort die Zeichen der Zeit erkannten und sich engagierten, wurden in den Organisationskomitees der UEFA wahrscheinlich schon die Vermarktungsrechte des Nachholspiels verhandelt. Die Diskrepanzen werden halt insbesondere in schwierigen Zeiten besonders offensichtlich. Der Fußball in seiner verbindenden Kraft entfaltete sein Potential jenseits des Stadions – innerhalb war es eine teilweise absurde Szenerie, in der Spieler ihre auferlegte Pflicht erfüllten.

Die kollektive Macht der Anhängerschaft wurde nicht zuletzt durch eine simple und dennoch großartige Choreographie der Südtribüne demonstrativ zur Schau gesetzt. Das Emblem des BVB prangte über 90 Minuten von der Südtribüne. Die gestern etwas ruhigere Anhängerschaft inszenierte sich als Kernstück des Vereins, als Träger seiner Werte und Geschichte. Wohlgemerkt lässt sich eine solche Choreo nicht innerhalb weniger Stunden herstellen. Die Deutung dieser emblematischen Inszenierung ist daher eine nachträgliche unter veränderten Vorzeichen. Angesichts der Vorkommnisse und sportpolitischen Folgeentscheidungen wirkte die Tribüne jedoch wie eine trotzig empor gestreckte Faust. Eine Szenerie mit Symbolwirkung, aber auch der Trotz ist ein Zeichen der Ohnmacht…

 

Axel Diehlmann

 

 

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