Trainingslager am BER

Trainingslager am BER

Wie bei jedem Bauvorhaben, das in Berlin diskutiert wird, war auch bei unserem Umbau-Konzept für das Berliner Olympiastadion das Negativ-Beispiel „BER“ unausweichlich. Egal, wie konstruiert der Zusammenhang auch sein mag, die „BER“-Keule kommt in Berlin mit traumwandlerischer Sicherheit. Hier ist unser (bierernstes) Konzept, um diesem Umstand endlich ein Ende zu bereiten.

von Björn Leffler

Nur wenige Stunden, nachdem unser Umbaukonzept für das Berliner Olympiastadion online war, rieselten die ersten „BER“-motivierten Kommentare rein. Deren Inhalt ist schnell wiedergegeben. „Baut doch erstmal den ‘BER‘ fertig, bevor ihr mit der nächsten Schnapsidee kommt“ ist der eine Tenor dieser Kommentare. „Das kostet wieder Unsummen von Geld, der ‘BER‘ ist noch nicht mal fertig und schon teuer genug“ war ein anderer Tenor.

Gut, es war uns bewusst. Sobald es in Berlin einen infrastrukturellen Vorschlag oder auch nur ein Ideenkonzept gibt, kommt die „BER“-Meute daher und prügelt alles kurz und klein mit dem Argument, dass wir ja nicht mal einen Flughafen bauen können, warum also sollten wir IRGEND ETWAS ANDERES ANFANGEN?

Ein wahrlich konstruktiver Denkansatz in einer dynamischen, wachsenden Millionenmetropole. Berlin ist ja in den Augen jener „BER“-Verfechter ein so grauenhafter Moloch, dass es eigentlich nur helfen kann, hier wegzuziehen. Komischerweise sind sie immer noch hier, die „BER“ler, und viele andere kommen jährlich hinzu. Berlin wächst im Jahr um die Größe einer mittelgroßen deutschen Stadt. Wohl doch nicht ganz so schlimm hier? Hm, Verflucht. Aber der Flughafen!

Das stetige Wachstum stellt die Stadt jedenfalls vor infrastrukturelle Herausforderungen, die – ja, liebe „BER“ler, so ist es nunmal – gelöst werden müssen, auch wenn der Flughafen noch immer nicht fertig ist. Es müssen Wohnungen, Schulen, Kitas, Straßen, Verkehrsverbindungen und Verwaltungsstrukturen aufgebaut werden.  Und genau dies passiert in Berlin, tagtäglich.

Und das – Skandal, Skandal – obwohl wir IMMER NOCH NICHT DEN FLUGHAFEN FERTIG HABEN! Die „BER“ler, die jeden Beitrag und jeden Artikel dafür nutzen, ihren Unmut in die Welt zu schreien, kommen überhaupt nicht damit zurecht, dass es in Berlin auch Bauvorhaben gibt, die völlig normal und ohne größere Probleme vorankommen. Aber es macht eben nicht so viel Spaß, über einen skandalfrei verlaufenden Schloss-Neubau, einen verhältnismäßig ruhigen U-Bahn-Bau (fragt mal in Köln nach!) oder die Neubebauung des Hauptbahnhofs- und Heidestraßen-Areals zu sprechen.

Nein, das will der „BER“-Mob nicht. Er sieht sich als Mahner für die gute Sache, für die märkische Sparbüchse, für die gemäßigte, auf das Nötigste reduzierte Stadtentwicklung. Mit anderen Worten: sie sind erstmal gegen alles andere. Besonders stark traten sie auch auf, als das Tempelhofer Feld mit Wohnungen, einer Bibliothek und einem bitter benötigten Klinik-Neubau bebaut werden sollte.

Die freibleibende Grünfläche – größer als der Tiergarten – war ihnen nicht groß genug, und sie schrien laut genug, um eine Mehrheit gegen die Bebauung mobilisieren zu können. Anstatt einen Neubau für 300 Mio. € am Rande des Tempelhofer Feldes zu realisieren, muss nun das völlig marode Urban Krankenhaus für 650 Mio. € saniert werden. Drachen auf der Wiese steigen lassen ist eben wichtiger als eine hochwertige medizinische Versorgung. So sieht sinnvolle Verweigerungspolitik aus.

Aber wir schweifen ab! Wie kommen wir nun also raus aus dieser ewig gleichen Schleife, die jedem, der in Berlin mit einer innovativen Idee um die Ecke kommt, das Warnschild „BER! BER! BER!“ vor die Nase hält? Wir haben da – Achtung, innovation! – einen Vorschlag. Eines der wenigen Dinge, die in Berlin wirklich gut funktioniert, ist doch der Profisport. Behaupten wir jedenfalls, wir kennen uns damit aus, glaubt uns das mal.

Die Vereine dieser grauenhaften Stadt spielen in ihren Ligen häufig um Meisterschaft, Pokal und europäische Titel mit, sogar die Fußballteams reihen sich mittlerweile im oberen Tabellenviertel von erster und zweiter Bundesliga ein. Das zieht eine Menge sportbegeisterter Berliner an, die die Zeit in den Stadien und Arenen der Stadt gern nutzen, um sich davon abzulenken, dass die deutsche Hauptstadt noch immer keinen Flughafen hat (bis auf Schönefeld und Tegel natürlich, aber die sind ja schon ganz alt).

Nun ist es also an der Zeit, den Berlinern etwas zurück zu geben! Anstatt viele teure Millionen für neue Spieler auszugeben, sollten die großen Berliner Sportvereine – allen voran Hertha BSC und der 1 .FC Union – ihre potenziellen Transferausgaben für die neue Saison der Stadt Berlin vermachen, um damit die letzten Arbeiten am BER abschließen zu können. Eine Finanzspritze, um endlich voranzukommen am großen Berliner Image-Fiasko.

Auch die teuren Trainingslager in Spanien oder Portugal sollten in diesem Jahr ausfallen. Viel sinnvoller wäre es doch, die Mannschaften statt auf dem Platz alternativ auf der BER-Baustelle schwitzen zu lassen. Keine Steigerungsläufe und Taktik-Schulungen. In der Sommerpause 2017 werden Kloschüsseln installiert, Brandschutztüren verschraubt und Entrauchungsanlagen gesäubert und getestet, bis dat Ding endlich funzt! Das ist mindestens genauso anstrengend wie zweimal täglich Training in der mallorquinischen Sonne, so viel ist mal sicher. Und definitiv sinnvoller.

Und wenn schon die beiden Fußballclubs der Stadt mit so gutem Beispiel vorangehen, werden sich sicher auch ALBA, die Eisbären, die Füchse, die Volleys und vielleicht sogar die Wasserfreunde Spandau nicht lang bitten lassen und kräftig mit anpacken. Und, vielleicht, wer weiß es schon, wird im Zuge dieses Engagements eine riesige, alles umfassende Berliner Bewegung entstehen. Die Stadt könnte sich entschließen, alle anderen Baustellen der Stadt ruhen zu lassen, sämtliche Arbeitskräfte zum „BER“ zu beordern und alle Finanzmittel, die noch für 2017 zur Verfügung stehen, in den Flughafen zu stopfen, so dass dieser endlich in diesem Jahr fertig wird. Hunderttausende von Menschen, die tagtäglich auf der „BER“-Baustelle Fugen schmieren, Platten verlegen, Scheiben putzen, Gepäckanlagen testen und Schilder anbringen.

Damit es endlich aufhört, das „BER“-Gejammer, das seit Jahren jedes noch so winzige Bauvorhaben der Stadt überschattet. Nur die „BER“ler selbst, die ewig Mahnenden und Nölenden, werden auch dieses Mal nicht dabei sein. Sie werden sich das ganze aus der Ferne ansehen und mit zuverlässiger Sicherheit darüber quengeln, was gerade wieder so alles schiefläuft und wie schlimm doch die ganze Situation der Stadt Berlin ist, dieses Aleppo Mitteleuropas, wo nichts, einfach gar nichts funktioniert. Allein wenn wir schon an den nächsten Winter denken, oh weh oh weh! Und was wollen überhaupt die ganzen Flüchtlinge hier, es ist doch alles total schlimm hier, wir haben unsere eigenen Probleme.

Aber, auch hier haben wir einen (innovativen) Vorschlag! All den Nörglern und Pöblern sollten die Sportvereine der Stadt, nachdem der „BER“ dann in einem gemeinsamen Kraftakt fertig gestellt wurde, kompromisslos gegenübertreten und ihnen mit der mächtigsten Waffe des Sports antworten: dem Stadionverbot! Jawohl, IHR müsst leider draußen bleiben! Aber im Stadion werden die Herrschaften dann ja eh nicht mehr sitzen wollen, denn sie können ja dann den ganzen Tag fliegen, fliegen, fliegen. Von ihrem neuen „BER“!

Dann sind vielleicht einmal alle zufrieden. Doch halt, nicht so schnell! Da war ja noch die Sache mit dem Olympiastadion und dem Umbau zur reinen Fußball-Arena! Die Nörgler und Grantler werden wohl nicht eher ruhen, bis auch diese Idee zerredet und durchbeleidigt wurde – oder sie dann umgesetzt ist. Wäre natürlich auch irgendwie langweilig, wenn es anders wäre. Berlin braucht das scheinbar.

Aber wie sagt man so schön: Aus den hitzigsten Debatten entstehen häufig die besten Ideen. Wir sind also auf einem guten Weg!

 

© Björn Leffler 2017