„Union schießt übers Ziel hinaus“

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„Scheiße … wir steigen auf“ tönt es derzeit von den Traversen der Alten Försterei und die Botschaft kommt nicht von ungefähr. Was in der restlichen Republik für Freudensprünge aufgrund der Kultur des Understatement und der beißenden Ironie sorgte, repräsentiert in Unioner Kreisen gleichsam eine vermeintlich berechtigte Sorge um den Verlust der so heiß geliebten heimischen Atmosphäre – trotz aller Euphorie hinsichtlich des sportlichen Höhenflugs.

Der Trotz gehört zum Programm. Einem Verein mit oppositioneller Geschichte gebürt es nicht, euphorisch umherstolzierend zu protzen. Gleichsam macht sich spätestens nach dem Vereinsrekord mit sechs Siegen infolge, der Union Berlin  rechtzeitig vor der Länderspielpause auf den Sonnenplatz der Tabelle hievte, langsam eine gewisse Selbstsicherheit bezüglich der sich vollziehenden Revolution breit. Als Union im Herbst 2013 das letzte Mal an Platz 1 der Tabelle der 2. Bundesliga zu finden war, titulierte der Stadion- und Pressesprecher Christian Arbeit diesen als „den schönsten Nichtabstiegsplatz“, was damals auch kaum als Understatement wahrgenommen wurde. Inzwischen haben sich die Zeiten ein wenig geändert und die Ansprüche sind mit den Leistungen gewachsen, auch wenn bei vielen Unionern aufgrund der überzeugenden Rückrunde im Jahr 2017 ungläubiges Staunen zu beobachten ist. Diese Jahr scheint der große Coup möglich und die langfristige „Mission Top 20“ scheint in dieser Saison umsetzbar und die sich selbst erfüllende Prophezeiung sorgt wie die unvermeidliche Reflexion der eigenen Vereinskultur innerhalb der Herausforderungen der kommerzialisierten Fußballwelt.

Die Eisernen aus dem schönen Berliner Südosten sind derzeit sportlich ungebremst in Richtung Bundesliga unterwegs. Eventuell nicht spielerisch auf dem allerhöchsten Niveau schaffen sie es derzeit jedem Spiel dennoch über längere Zeit ihren Stempel aufzudrücken. Die Defensive steht und vorne werden Chancen weitestgehend effektiv genutzt. Für eine solche Verhaltensweise gibt es die weithin gängige Phrase „im Stile einer Spitzenmannschaft“, die so lange unvereinbar mit dem Treiben der Unioner auf den Spielfeldern der Republik war. Zu schwankend waren die Leistungen der vergangenen Jahre, in denen zwar das Potential der Mannschaft zu erkennen war, aber dennoch kaum Umsetzung fand. Insbesondere die kontinuierlich auftretenden Fehlstarts in die Saison dominierten den Saisonverlauf in negativer Art und Weise. Nachdem diese Saison dies weitestgehend vermieden wurde, etablierte sich Union im Umfeld der Spitzengruppe und manövrierte sich mit sieben Siegen aus acht Partien ungeschlagen nun Ende März an die Tabellenspitze. Nun gilt es den Verlockungen der Bundesliga sportlich zu erliegen den aktuellen Trend zu verstetigen, so dass am Ende eine rotweiße Aufstiegsfeier die Straßen Berlins prägt.

Wir könnten nicht wir bleiben, wenn wir dauerhaft in der Bundesliga spielen

Der Vereinspräsident Dirk Zingler schätzte 2011 die Vorteile einer Mitgliedschaft in der Bundesliga unter Abwägung der eigenen Vereinskultur als gering ein. Die gelebte Vereinskultur von Union Berlin sei nicht unbedingt kompatibel mit den Prämissen des professionellen Spitzenfußballs. Nichtsdestotrotz wird er als Fußballfan und letztendlich auch Geschäftsmann mit einem Auge Richtung Bundesliga geschielt haben. Nur war diese vor sechs Jahren noch gefühlte Jahrzehnte entfernt und Union noch längst nicht so stabilisiert wie es derzeit scheint. Es war dementsprechend ein guter Zeitpunkt, um die eigenen Ansprüche ideologisch zu unterfüttern. Nun ist mehr möglich und der Verein muss nun einen Weg finden, sich selbst auch im Hinblick auf die Kommerzialisierungszwänge zu profilieren.

Dirk Zingler möchte daher nun die Vereinskultur des 1. FC Union nach Deutschland tragen. Als mitgliedergeführter Verein repräsentiert Union Berlin eine diametral verschiedene Herangehensweise an das Fußballgeschäft und muss dementsprechend auch stark im Austausch mit den Mitgliedern die einzelnen Schritte abwägen. Die große Stärke der Vereinskultur ist als Korrektiv der kommerziellen Dynamik auch eine Heruasforderung für die Vereinspolitik – insbesondere sofern der Anspruch entsteht sich nicht nur unter den besten 20, sondern eventuell den besten 15 Vereinen Deutschlands zu etablieren. Die Hinwendung zu den Anforderungen der DFL und den wirtschaftlichen Verwertungsinteressen scheint auf den ersten Blick unumgänglich. Es wäre wünschenswert, wenn eher Union die DFL verändert, als wenn die DFL Union Berlin verändert. Spätestens dann würden wohl nicht wenige Anhänger sich zurücksehnen in die Unterklassigkeit, wo zumindest ansatzweise authentische Freiräume geboten sind.

Die Wohnzimmer-Atmosphäre bei Union Berlin würde mit der Mitgliedschaft in Liga 1 auf den Prüfstand kommen. Kaum vorstellbar scheint schon jetzt, dass Sky seinen lästigen Moderatorentisch mit den treudoofen Tomaten, die daran Platz nehmen, direkt vor der Waldseite aufstellen. Eindemonstrativer Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit würde Bahn brechen. Gleichzeitig müssten sich die Alteingesessenen mit dem Ansturm sogenannter Erfolgsfans anfreunden, die ihnen (zumindest bei gutem Wetter) die angestammten Plätze auf der Gegengerade streitig machen würden. Hinzu käme dann noch die Ausweitung des Sitzplatz-Bereiches entsprechend den Statuten der DFL und einhergehend ein Eingeständnis gegenüber den sportpolitischen Regeln entgegen den eigenen Vorstellungen. Nicht nur der Rest der Saison bleibt dementsprechend spannend.

Für den deutschen Fußball wäre eine Mitgliedschaft des 1. FC Union Berlin in der Bundesliga ein großartiges Geschenk. Da käme ein Verein nach oben, der Tradition, Geschichte und Fußballkultur in die gähnende Langeweile großer Teile der Fußballwelt des Oberhauses bringen würde. Wenn die Unioner nur ansatzweise so eisern sind, wie sie sich in den über 50 Jahren Club-Geschichte präsentiert haben, könnte der FCU als Orientierungspunkt einer vermeintlich untergegangenen Welt taugen.Nicht zuletzt für Berlin wäre ein zweiter Bundesliga-Club ein wunderbares Erlebnis. Diese Stadt, die so lange ohne Bundesliga-Zugehörigkeit auskommen musste, würde die Überkompensation verdienen…

 

Axel Diehlmann

 

P.S. Als kleines euphorisches Schmankerl noch demonstrative Freude an den kleinen Dingen…

 

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