11mm – Sommeren ´92

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Auch das 13. Internationale Fußballfilmfestival 11mm ist vor Problemen des Geschäfts nicht gefeit. Die Bühne war gerichtet: die deutsche Erstaufführung des dänischen Spielfilms Sommeren ´92 im Rahmen des 11mm-Filmfestivals erhielt einen besonderen Sendeplatz und den Rahmen des großen Kinosaals als Verheißung eines wunderbaren Sonntag-Abend im Zeichen der Fußballgeschichte. Der Film erfüllte auch die hohen Erwartungen, lediglich der im Programm angekündigte Überraschungsgast erschien nicht zur launigen Gesprächsrunde nach dem Film. Tim Jürgens, Redakteur von 11 Freunde, musste dementsprechend in der Anmoderation des Films leider die Hoffnungen auf einen Protagonisten des EM-Finals von 1992 begraben. Einer der angedachten Kandidaten war Flemming Povlsen, der jedoch das Training eines dänischen Zweitligisten führen musste. Weiterhin angefragt wurde Henrik Andersen, der jedoch kurzfristig als Scout für Schalke 04 zu einem Spiel geschickt wurde und sich daher ebenfalls entschuldigen ließ. Mit der interessantesten Entschuldigung wartete jedoch Thomas „Icke“ Häßler auf, der wegen Drehaufnahmen zur RTL-Sendung „Let´s dance“ nicht dem fröhlichen Kinoereignis beiwohnen könne. Vielleicht wollte er aber auch nicht einer Filmvorführung beiwohnen, die schmerzliche Erinnerungen an ein historisches Finale hervorrufen würde. Die Flucht in den Tanzschritt als Therapieform.

sommeren

„We are red, we are white, we are danish dynamite!“

Der dänisch-britische Spielfim von Kasper Barfoed widmet sich einer der wunderbarsten Geschichten in der Geschichte des europäischen Fußballs. Es ist die Geschichte einer gespaltenen dänischen Mannschaft, die sich zwar nicht für die EM 1992 in Schweden qualifizierte, jedoch aufgrund einer UN-Resolution, die zum Ausschluss der jugoslawischen Mannschaft bei allen Sportveranstaltungen führte, kurzfristig doch noch zum Turnier eingeladen wurde und letztendlich Europameister wird.

Die Spieler wurden aus dem Urlaub gerissen und erneut konfrontiert mit dem unbeliebt harten Hund Richard Möller Nielsen, der das Team leidlich erfolglos trainierte und sich in dem Europameisterschaftssommer eher der Renovierung seiner Küche widmen wollte. Nun konnte er sich doch wieder dem Training seiner zerrissenen Mannschaft widmen, die ihn lieber gestern als heute loswerden wollte. Insbesondere der Konflikt mit den Laudrup-Brüdern führte ihn an den Rande der Entlassung. Auch während des positiven Turnierverlaufs wurde eher darüber diskutiert, warum das Team trotz des Trainers so stark spielt, als seine Leistungen anzuerkennen. Ein Mann mit einem schweren Stand steht im Zentrum der Geschichte des Films, der sich allen Widerständen zum Trotz in kauziger Manier durchsetzt.

Nüchtern gespielt von Ulrich Thomsen beobachten wir Richard Möller Nielsen in seinem Taktikkeller und an seinem Schreibtisch, wie er Namenzettel hin und her schiebt. Auf der anderen Seite steht die Mannschaft der besonderen Charaktere. Die selbstverliebt dargestellten Einzelkämpfer der Laudrup-Brüder, der unerbittliche Exzentriker Peter Schmeichel, der fußballtechnisch limitierte Spaßvogel John „Faxe“ Jensen und der treusorgende Familienvater Kim Vilfort, dessen Tochter Line an Leukämie erkrankt das Turnier verfolgt, und letztendlich den Kampf nicht gewinnt. Es sind diese Charakterstudien, die den Film auf eine besondere Ebene hieven. Vor allem die legendären McDonalds- und Minigolf-Ausflüge und die Einladung der Frauen und Freundinnen, welche eine interessante Hotelszenerie ergeben, bieten einen amüsanten Blick in das Innenleben der damaligen Mannschaft. Hinzu kommen dann die Originalszenen des Turniers, die mit nachgespielten Szenen der jeweiligen Spiele kombiniert werden.

Legendär und dennoch wahr: Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit, wodurch die teils überzeichnet wirkenden Charaktere verzeihbar sind, da sie Assoziationen zum realen Fußballgeschäft wecken und ironisch in Szene setzen. Würde man die Geschichte nicht kennen, würde man skeptisch beäugen, dass es mal wieder eine Underdog-Geschichte ist, bei der unverständlicherweise der Favorit – in dem Fall die damalige Weltmeistermannschaft Deutschlands – die aufstrebende Mannschaft unterschätzt und der kleine David mal wieder gegen Goliath über sich hinaus wächst. Dieser Film ist Realität und macht genau deswegen so viel Spaß. Schon allein wegen der schauspielerischen Interpretation der Großen des Fußballs ein unbedingt empfehlenswerter Film.

Axel Diehlmann

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