Abschied vom Bernabéu

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Borussia Dortmund gastiert heute wahrscheinlich zum letzten Mal im altehrwürdigen Estadio Santiago Bernabeu de Madrid. Nachdem vor fünf Jahren eine Delegiertenversammlung des Vereins den Umbau des Stadions in Auftrag gegeben hat und 2012 die Stadtverwaltung dem Projekt zustimmte ist nunmehr auch die letzte Hürde für die Maßnahmen genommen. Der oberste Gerichtshof in Madrid hatte den Bebauungsplan im Februar 2015 für nicht rechtmäßig erklärt, da die ökologischen Ausgleichsmaßnahmen nicht auf andere Stadtteile der spanischen Hauptstadt übertragen werden können. Schließlich erzielten die Stadt und der Club vor zwei Monaten eine neue Einigung , so dass Real Madrid den an der Westseite gelegenen Paseo de Castellana nun in die Neubauplanungen mit einbeziehen und gegen vereinseigenes Gelände im Barro Carabanchal tauschen kann. Die architektonische Federführung übernimmt das renommierte deutsche Architekturbüro GMP in Zusammenarbeit mit L35 Architects und Ribas & Ribas.

Das moderne Stadion wird damit zu einer typischen Multifunktionsarena, die als Shoppingwelt mit Fußballbegleitprogramm daherkommt. Dem neumodischen Schnickschnack entsprechend gibt es natürlich ein verschließbares Dach, um die Inszenierung bei jeder Wetterlage in Perfektion umsetzen zu können. Auch ansonsten wird an alles gedacht, was den zahlungswilligen Komfortkunden bei Laune halten könnte. Eventuell gibt es ja dann auch gleich ein Torgestell-Reparaturdienst.

Die historische Spielstätte wurde von 1944 bis 1947 mitten im Stadtzentrum erbaut und gehört damit zu den wenigen verbliebenen städtischen Arenen. Das erste Spiel im damalig unglaubliche 75.000 Zuschauer fassenden Nuevo Estadio Chamartín konnte Real Madrid am 14. Dezember 1947 mit 3:1 gegen Os Belenense für sich entscheiden. 1953 wurde die Kapazität des Stadions nochmalig um 50.000 Plätze auf eine Gesamtzuschauerzahl von 125.000 aufgestockt. Durch die strengen Regularien im Kontext der der Weltmeisterschaft von 1982 verringerte sich die Kapazität wieder auf 90.000. In den 90ern konnten dann durch Umbaumaßnahmen wieder mehr als 105.000 Hinchas das Speilgeschen verfolgen. In der Moderne angekommen, können heute „lediglich“ noch 81.044 Zuschauer mit weißen Taschentüchern in der Heimspielstätte der Königlichen, die seit 1955 nach dem langjährigen Spieler, Trainer und Präsidenten Santiago Bernabéu benannt ist, allwöchentlich Platz finden.

Wir finden es jedenfalls ein wenig schade, dass wieder mal ein Stück Fußballgeschichte überbaut wird und zu einem identitätslosen UFO in der Stadtstruktur wird, bei dem man es lediglich am Geräuschpegel erkannt, dass es sich um ein Fußballstadion eines der größten Vereine der Geschichte handelt. Ein Blick in die Geschichte können wir uns dementsprechend auch nicht verkneifen.

Es wäre schön, wenn Borussia Dortmund sich heute anständig von einer architektonischen Ikone des spanischen Fußballs verabschiedet und erstmalig im Santiago Bernabéu gewinnt. Es könnte die letzte Möglichkeit hierfür sein…

 

Axel Diehlmann

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