…ach und ganz nebenbei ist dann auch noch EM!

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Die Gastgeber der aktuellen EURO 2016 in Frankreich sind nicht wirklich zu beneiden. Das Turnier wird begleitet von so vielen Unwägbarkeiten und Nebenkriegsschauplätzen, dass der Fußball sehr viel spürbarer als sonst zu dem degradiert ist, was er eigentlich ist: reine Nebensache.

von Björn Leffler

Es fing alles schon nicht sonderlich gut an, als gleich am ersten echten Spieltag der Europameisterschaft Horden englischer und russischer Fans die Innenstadt von Marseille in ein wahrhaftiges Trümmerfeld verwandelten und im Innern des Stadions randalierten und Schlägereien anzettelten. Was aus Sicht der Organisatoren eine unschöne Ausnahme bleiben sollte, bildete leider den Auftakt in eine Europameisterschaft, er es einfach nicht so recht gelingen will, in Fahrt zu kommen. Die Gründe dafür sind vielfältig, und wie sagt man so schön? Manchmal kommt alles zusammen.

Was erstmal etwas abgedroschen daherkommt, muss im Falle dieser EM wohl aber wirklich bemüht werden. Mit den Ausschreitungen in Marseille war es vorerst leider nicht getan, es gab weitere Ausschreitungen in den Spielorten und Stadien, durch kroatische, deutsche oder türkische Fans. Auch die Russen und Engländer traten nach ihrem unrühmlichen Auftakt in Marseille einige weitere Male aufs Tableau, was die UEFA im Falle Russlands dazu nötigte, der Mannschaft bei einem weiteren Verstoß einen Ausschluss vom Turnier anzudrohen. Ein Schritt, der in den vergangenen Jahrzehnten nie nötig gewesen war. Die Umsetzung war aufgrund der schwachen Leistungen der „Sbornaja“ glücklicherweise dann nicht mehr notwendig.

Im Vorfeld der EM hatte aber ein ganz anderes Thema ganz oben auf der Sorgenliste der Organisatoren gestanden, und zwar der drohende Terror durch mögliche Selbstmordattentäter. Nach den verheerenden Anschlägen in Paris und Brüssel in den vergangenen Monaten wurde Frankreich im Vorfeld des Turniers derartig hochgerüstet, dass schon vor dem ersten gespielten Ball jegliche Leichtigkeit des Turniers verloren gehen musste. Die zentrale Fanmeile am Pariser Eiffelturm wird an Spieltagen so hermetisch abgeriegelt, dass sie von den Organisatoren zum „sichersten Ort Frankreichs“ erklärt wurde. Als potenzieller Besucher des Turniers fragte man sich in den Monaten vor dem Turnier fast täglich, ob es die Franzosen wohl hinbekommen werden, ein Turnier ohne den ganz großen Terroranschlag und ständige Sorgen um die Sicherheit zu veranstalten. Sportliche Erfolge oder Misserfolge des eigenen Teams waren da eher selten zentrales Thema der Gedankenspiele.

Als würde dies nicht eigentlich schon reichen, tobte und tobt in Frankreich seit Monaten ein heftiger Kampf um Arbeitsmarktreformen, der große Teile der Bevölkerung empört und sie zu hunderttausenden auf die Straßen treibt. In Frankreich ist – mal wieder – die ganz große Streit- und Streikkultur ausgebrochen, und die machte auch vor der Europameisterschaft nicht halt. Gleich zum Start des Turniers legten auch die Fluglotsen die Arbeit nieder, so dass es den Organisatoren nur mit Notfallplänen und sehr viel Improvisationstalent gelang, alle prominenten und weniger prominenten Gäste und Besucher ins Land zu bekommen.

 

Überhaupt scheint in Frankreich selbst die ganz große Euphorie auch nicht recht aufkommen zu wollen. Die Auftritte des Teams waren bislang überwiegend verkrampft und zäh, meist konnten die Spiele nur durch brillante Einzelaktionen des mit großartigen Individualisten besetzten Teams umgebogen werden, wie zuletzt gegen Irland. Die Stimmung in den Stadien bei den französischen Heimspielen war dann auch nicht immer berauschend. Außerhalb der Spielorte fällt es Touristen mitunter schwer, etwas von der „EM-Euphorie“ mitzubekommen. Wenn der Gastgeber selbst nicht spielt, gibt es nur wenige Bars oder Restaurants, die ein paar Bildschirme aufstellen und die Spiele zeigen. Selbst die Fanmeilen in den Spielorten sind zum Teil derartig verwaist, dass schon jetzt klar ist, dass es für viele Städte ein großes Minusgeschäft werden wird. Da kann man von Glück reden, dass die Iren und ihre Fans es bis ins Achtelfinale geschafft haben und mit ihrer wunderbaren Laune etwas Leichtigkeit in diese „EURO“ zaubern konnten.

Apropos Achtelfinale: Zum ersten Mal wird ein Modus ausgespielt, der das Turnier – zumindest gefühlt – völlig unnötig in die Länge gezogen hat und Mannschaften in die K.O.-Runde gespült hat, die dort normalerweise nichts zu suchen gehabt hätten (wie beispielsweise Nordirland oder Portugal, ohne den „Kleinen“ wie Nordirland den Erfolg zu missgönnen). Das Ende der Vorrunde und der Beginn des K.O.-Systems, nun noch mit einer zusätzlichen Achtelfinal-Runde, wurde sprichwörtlich herbeigesehnt. Während bei einer Weltmeisterschaft drei Vorrunden- und vier K.O.-Runden-Spiele gelerntes und geliebtes Prozedere sind, wirkt der Modus für eine EM aufgeblasen und mitunter fast ermüdend, da die teilnehmenden Teams sehr häufig in den jeweiligen Qualifikationsspielen gegeneinander antreten.

Als wäre all dies nicht schon genug, brach nun am vergangenen Donnerstag die Volksabstimmung über den „Brexit“, den Austritt Großbritanniens aus der EU, über die wehrlose „EURO 2016“ herein wie ein Orkan. Die anstehende Spaltung der Europäischen Union und die möglichen Folgen haben die mediale Landschaft des Kontinents in den letzten Tagen derart dominiert – und werden dies noch weiter tun – dass der Fußball und das Turnier in Frankreich vollends zum Außenseiter degradiert wurde.

Das ist insofern sehr erstaunlich, als dass man sich in den vergangenen Jahren ob der übertriebenen Begeisterung in den teilnehmenden Ländern schon fragen musste, ob die Menschen keine anderen Sorgen haben als das nächste Viertelfinal-Duell bei der Fußball-Europameisterschaft. Wir lernen nun: doch, haben sie. Und zwar eine ganze Menge, und die treten in diesem Sommer sehr geballt in Erscheinung.

Das Turnier in Frankreich ist dennoch ein gut und aufwendig organisierter Wettstreit, der vor allem mit den nun begonnenen K.O.-Spielen deutlich an Fahrt aufgenommen hat, auch wenn einige der Partien unter einem fast unerträglichen spielerischen Niveau zu leiden hatten. Mit dem heutigen Duell der Spanier gegen die Italiener und den anstehenden, hochkarätigen Viertelfinalduellen wird sich der Fokus der Öffentlichkeit, zumindest für eine Weile, aber wieder fast voll und ganz auf den Fußball richten. Es ist diesem Turnier so langsam dann auch wirklich zu wünschen.

 

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