„Besser hier als in Nordkorea.“

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Jürgen Klopp ist zurück in Dortmund und kann seine Freude darüber nur kaum verbergen. Im Viertelfinale des UEFA-Cups treffen Borussia Dortmund und der Liverpool FC aufeinander und selten wirkte das sportliche Geschehen auf dem Platz so sehr überdeckt von all den großen Geschichten und Emotionen, die dieses Spiel umrahmen. Fest steht: Auf dem Programm stehen großartige Fußballabende im Westfalenstadion und an der Anfield Road. Jürgen Klopp muss sich mit seiner Vorfreude darauf wahrlich nicht allein fühlen. Einzig den Hype darum empfindet er als Störfaktor, wobei dieser einfach tief in unsere Fußballseele blicken lässt.

„Besser hier als in Nordkorea“ war der einschneidende Satz auf der gestrigen Pressekonferenz im Vorfeld des heutigen Hinspiels in Dortmund. Jürgen Klopp antwortete damit in seiner typischen Art auf die gewohnten Suggestivfragen der versammelten Journalisten. Es ist eine dieser Aussagen, die in den Raum geworfen werden, um zu viel emotionale Nähe zu vermeiden. Es sind eben jene kleinen situativen Ausflüchte, die tief blicken lassen, da offensichtlich Gefühle unterdrückt werden. Es ist ein besonderes Spiel: für Jürgen Klopp und für alle Fußballromantiker, die es mit dem BVB halten.

Gelegentlich fragt man sich trotz eines Selbsteingeständnisses der nostalgischen Verklärung, worin diese enge Verbindung zwischen Borussia Dortmund, den Fans und dem Trainerteam um Jürgen Klopp begründet ist. Die Antwort ist scheinbar komplex und beruht jedoch letztendlich auf einem Wort: Emotionalität. Es war eine unheimlich intensive Zeit des sportlichen Aufstiegs einer aufstrebenden und an den Erfahrungen wachsenden jungen Mannschaft und einem leidenschaftlich begleitenden Trainerteam.

Aus der Erfahrung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der Borussia heraus und der Wahrnehmung der Mannschaft als Ansammlung von Legionären war die Stimmung im BVB-Fanlager in den Jahren vor Klopp geprägt von Verlustängsten und einer gewissen Distanziertheit. Der „schlafende Riese“ Borussia Dortmund war lediglich zu einer Hülle verkommen, deren Marktwert sportlich und wirtschaftlich abgründig war. Auch wenn man als BVB-Fan den Herren Kringe, Tinga, Wörns, Petric und Co. nicht genug danken kann, dass sie mit ihrem Einsatz den kriselnden Club halbwegs ordentlich damals in der Liga gehalten haben, so richtig warm wurde auf den Tribünen niemand mit diesem mannschaftlichen Ensemble. Im April 2008 standen die Schwarz-Gelben nichtsdestotrotz im Finale des DFB-Pokals und verloren es erst nach Verlängerung mit 1:2 gegen die Bayern. Mladen Petric erzielte in der Schlussminute den Ausgleich, Luca Toni erneuerte dann in der 103. Minute die Führung. Auch wenn im Nachhinein das Ergebnis knapp wirkt, Borussia Dortmund und Bayern München trennten Welten. Ein Gewinn des DFB-Pokals hätte sich wohl angefühlt, wie der vermeintliche Gewinn des Weltmeistertitels 2002 durch die damals doch sehr biedere deutsche Nationalmannschaft. Es war das letzte große Spiel unter der Führung von Trainer Thomas Doll, der mit dem BVB in den Bundesliga auf Rang 13 einlief. Der sportliche Umbruch und Neuaufbau war überfällig.

Jürgen Klopp war vom ersten Tag an Symbolfigur des Aufbruchs und erfüllte langsam aber nachhaltig die Erwartungen. Er strukturierte die Mannschaft um und baute auf junge entwicklungsfähige Spieler. Die Installation des „Kinderriegels“ (Mats Hummels und Neven Subotic anstelle von Robert Kovac und Christian Wörns) sollte der erste große Entwicklungsimpuls sein. Marcel Schmelzer wurde aufgrund der Verletzungsanfälligkeit des Publikumslieblings Dédé die linke Seite anvertraut. Nuri Sahin kehrte vom Leihgeschäft mit Feyenoord Rotterdam zurück und erhielt die tragende Rolle im Mittelfeld. Inklusive dem sich stetig steigernden „Kuba“ Blaszczykowski erhielt die Mannschaft ein Gerüst für die Zukunft. Ein Jahr später installierte Klopp Sven Bender, Kevin Großkreutz und Mario Götze in das Team. Die Entscheidungen saßen, die Entwicklung schritt stetig voran. Borussia Dortmund kehrte ins internationale Geschäft zurück. Anfangs wirkte sich die jugendliche Unbekümmertheit in der Liga zwar positiv aus, international fehlte jedoch oft die Cleverness. Offenbar war jedoch stets: diese Mannschaft entwickelt sich nachvollziehbar und ihr Trainerteam gleich mit. Der Erfolg war zwar nicht planbar, aber schien vorprogrammiert.Spätestens mit den Glücksgriffen Shinji Kagawa und Robert Lewandowski sowie der Rückholaktion von Marco Reus erhielt die jüngere Geschichte von Borussia Dortmund Züge eines Märchens.

Die Integration der jungen Kerle in das Team aktivierte auch die Fan-Szene aufs Neue. Nahezu familäre Gefühle gegenüber den jungen Talente sorgten neben dem zunehmenden Erfolg für eine unheimliche Identifikation mit der Mannschaft. Jürgen Klopp als leidenschaftliche Vaterfigur am Spielfeldrand und humorvoller Repräsentant in einer Fußballwelt, die in Deutschland zum Staatsakt verkommen war, tat sein Übriges. Das Feuer war entflammt, die totale Hingebung war spürbar. Pure Emotion, das verkörperte insbesondere Klopp und begeisterte folglich viele für die Borussia. Gleichzeitig betonte er stets: Beim BVB spielst du nicht im Vorbeigehen. Entweder du bist hier mit allem, was du hast und geben kannst oder du lässt es. Mit Erfolg: der Verein, der vor wenigen Jahren noch am emotionalen, spielerischen und wirtschaftlichen Abgrund stand, befand sich plötzlich auf Augenhöhe mit den Bayern und wusste auch auf europäischer Bühne zu überzeugen. Der 3:1-Erfolg in München, das 5:2 im Pokalfinale gegen die Bayern, die Nachspielzeit gegen Malaga und das 4:1 gegen Real Madrid waren abgesehen von den errungenen Titeln die emotionalen Höhepunkte einer glorreichen Zeit.

Neben den Erfolgen waren es vor allem die Enttäuschungen auf hohem Niveau, die Jürgen Klopp mit der Fankultur des BVB verbandelte. Die Niederlage im Champions-League-Finale gegen Bayern 2013, die Pokalfinalniederlage aufgrund des zu Unrecht aberkannten Tores von Hummels ein Jahr später und letztendlich die unerklärliche Nierderlagenserie in der Saison 2014/15, die Fragen aufworf. Auch wenn die Borussia die Kehrtwende schaffte und in den UEFA-Cup einzog, das Projekt Klopp und BVB wurde beendet. Im wahrsten Sinne anständig: sportlich und emotional. In diesen beiden Punkten liegt die Grundlage für die große Geschichte des heutigen Abends.

Da kommt einer zurück, für den Fußball immer Herzensangelegenheit war und ist. Seine Vereine und seine Mannschaften bleiben immer die seinen, weil er sich seinen Projekten vollkommen hingibt. Dementsprechend kann er die Suggestivfragen gut verstehen, sie entsprechen seiner emotionalen Nähe zu seiner Vergangenheit. Nichtsdestotrotz sieht er den sportlichen und emotionalen Auftrag der Gegenwart: Liverpool wieder an die Spitze zu führen. Für die Geschichte und Zukunft eines Vereins, dessen Fankultur zu den großen Mythen des Weltfußballs gehört. Es ist kein Wunder, dass einer wie Klopp in Liverpool Trainer wurde. Und einhergehend ist es auch nicht verwunderlich, dass er gerne über die Parallelen zwischen beiden Vereinen spricht, weil er dadurch über seine Begeisterung für den Fußball sprechen kann. Und eben jene Begeisterung schwappt auf uns Fußballromantiker über. Da spricht einer aus dem Herzen und redet uns daher nach dem Sinn. Es geht um irrationale Leidenschaft, die unser Leben trägt und dennoch wandelbar sein muss. Erst durch bewusst oder unbewusste Veränderung und einhergehend erweiterte Erfahrungen lassen sich diese bewerten. Daher fühlt sich Jürgen Klopp auch in Dortmund besser aufgehoben als in Nordkorea.

Axel Diehlmann

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