Budenzauber war einmal…

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Derzeit manövrieren sich wieder die alten Herren mit den Wohlstandsbäuchen über die überdachten Kunstrasenplätze. König Fußball entzieht sich den eisigen Temperaturen und überlässt das Feld den Veteranen des Sports, die in den Hallen der Republik den Nostalgikern eine kleine Show abliefern. Mit großem Fußball hat das ganze nur noch bedingt zu tun. Ein Blick zurück auf die großen Zeiten des Budenzaubers…

Wir sind ja alle nicht aus Zucker und daher regenfest. Winterfest sind wir hierzulande aber nur bedingt. Alljährlich begibt sich die Bundesliga in den fußballerischen Winterschlaf und die Mannschaften verziehen sich in südliche Gefilde, um marketinggerechte Trainingslager zu veranstalten. Es ist jedoch nicht allzulange her, dass hierzulande der Winter als willkommener Grund für die Austragung der Hallenmasters genutzt wurde. Die Bundesliga hielt Einzug in die Halle.

Seit den 1970er Jahren wird Fußball in Deutschland auch professionell in der Halle gespielt. Zunächst vorrangig im Amateur- und Jugendbereich ein Thema, wurde der Hallenfußball als Möglichkeit zur Überbrückung der Winterpause entdeckt. Das erste professionelle Hallenturnier fand im Januar 1971 in der Berliner Deutschlandhalle vor 34.500 Zuschauern statt. Gastgeber und Gewinner der Veranstaltung war Hertha BSC. Das weitere Teilnehmerfeld umfasste die Bundesligisten Eintracht Braunschweig, Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach sowie die Regionalligisten Tennis Borussia und Wacker 04. Die erste wichtige Modifikation wurde schon im Laufe des Turniers vorgenommen. Nachdem am ersten Abend nur wenige Bälle in den Netzen der Handballtore landeten und die Hälfte der Spiele gar torlos blieben, wurden Tore durch heute noch gültige Maßstäbe ersetzt. Seitdem wird in der Halle auf Tore der Größe 5m x 2m gespielt.

Ab den 1980er Jahren erlebte der Hallenfußball einen großen Aufschwung und der DFB rief die Hallenmasters in Leben, an denen die Vereine teilnehmen konnten. Landauf landab fanden in den 1990er Jahren Hallenturniere statt, bei denen die teilnehmenden Vereine Wertungspunkte erringen konnten, um sich für das große Finale der Hallenmasters zu qualifizieren, welches wechselweise in München oder Dortmund ausgetragen wurde. Einige Teams spielten mehrere Turniere, um sich für das lukrative Abschlussturnier zu qualifizieren. Die 1990er Jahre waren die große Zeit des Budenzaubers und die Hallenmasters ein renommiertes Turnier. Entsprechend spielten die Stars der Liga auch im Winter in der Halle. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen übertrug die Endrunde live. Auch die erfahrensten Schiedsrichter des DFB wurden entsandt und die Fans auf den Rängen erfreuten sich der dargebrachten Relevanz und strömten in die Hallen.1998 wurde dann der Hallenpokal ausgerufen und das Qualifikationssystem reformiert. Die Teams wurden fortan einem Turnier zugeordnet, um zunehmendem Termindruck entgegenzuwirken. Der Budenzauber wurde formalisiert. Problematisch daran war die zunehmend geschlossene Gesellschaft, die der Grundidee der Hallenturniere widersprach, bei den Amateurvereine, wie auch Vereine aus dem Ausland sich mit den Bundesligisten in der Halle messen konnten. Die einschneidende Problematik lag jedoch in den Auswirkungen auf den Spielbetrieb der Rückrunde. Die Relevanz der Hallenmasters widersetzte sich der Logik einer konsequenten Vorbereitung auf die großen Aufgaben im Spielbetrieb im Frühling. Hinzu kamen einige Verletzungen, die den professionellen Hallenfußball in Misskredit brachten.

Demzufolge entsandten die großen Vereine in den 2000er Jahren im besten Fall noch ihre Jugendabteilung. Dies führte zu einer spielerischen Entwertung der Turniere und inzwischen sind die Turniere in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Nichtsdestotrotz wird weiterhin in der Halle Fußball gespielt – auch wenn unter vollkommen unterschiedlichen Vorzeichen: Auf der einen Seite die fußballerische Zirkusmanege für ehemalige Fußballer, bei der die Fans ihre Triktos signieren lassen können und auf der anderen Seite die durchprofessionalisierte Futsal-Abteilung. Die aktiven Fußballspieler der 1. und 2. Bundesliga bleiben dem Geschehen inzwischen fern.

Bevor wir uns also wieder den tristen Veranstaltungen der Gegenwart widmen, blicken wir doch einmal zurück auf das Finale der Hallenmasters von 1997 zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem FC Bayern München. Im Finale gelang Marco Reich für den FCK kurz vor Schluss der ersten Hälfte der Ausgleich gegen die favorisierten Bayern mit Mario Basler, Alexander Zickler, Marcel Witeczek und Co. In der zweiten Hälfte setzte sich der damalige Zweitligist klar durch. Das entscheidende Tor erzielte Martin Wagner, der gleichzeitig auch Torschützenkönig des Turniers wurde. Otto Rehhagel konnte seinen ersten Titel mit den Lauterern entgegennehmen und Giovanni Trappatoni schaute dumm aus der Wäsche. Die Inszenierung gipfelte in der Queen-Hymne „We are the Champions“.

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