Das Nationenturnier lebt

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Im Vorfeld der Europameisterschaft wurde in vielen Feuilletons und Kolumnen darüber geunkt, dass das Modell eines „Nationenturniers“ im globalisierten 21. Jahrhundert längst überholt sei. Das ist es aber ganz offensichtlich nicht.

von Björn Leffler

Eines schicke ich jetzt hier gleich mal direkt vorweg: Über die Ausschreitungen und Gewaltexzesse, die am Rande der aktuell laufenden Europameisterschaft immer wieder aufflammen und dem Turnier einen immer faderen Beigeschmack verpassen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht sprechen, da der Großteil der auftretenden Gewalttäter kein überbordendes Interesse am Fußball, sondern schlichtweg an der Gewalt hat, wie kürzlich auch die Vorkommnisse auf der Kölner Domplatte unterstrichen haben.

Um dieses Thema kümmern wir uns ein anderes Mal. Genauso aber, wie bei den Hooligans und Randalierern das Blut hochkocht, wenn sie sich mit verfeindeten Schlägern oder der Polizei duellieren können, kocht das Blut der – tatsächlichen, wirklichen – Fußballfans hoch, wenn es um ein sportliches Duell ihrer Nationalmannschaft gegen ein anderes europäisches Team geht. In verschiedenen deutschen aber auch in internationalen Medien war vor dem Turnier die Rede von einer globalisierten Welt und einer immer stärker werdenden Durchmischung der jeweiligen Bevölkerungen. „Eine Nation – Was ist das überhaupt?“ fragte beispielsweise der „Tagesspiegel“ und stellte die Sinnhaftigkeit solcher Turniere infrage.

Das klingt natürlich erstmal sehr überlegt und irgendwie richtig, in Zeiten von bilingualer Erziehung, umfassenden Integrationsprogrammen und einer allumfassenden Internationalisierung. Und vor einigen Jahren – vor der Griechenland- und der EURO-Krise – konnte man hier und da öfters von der Idee lesen, die nationalen Identitäten der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten zugunsten einer großen europäischen Nation aufzugeben, ganz nach nordamerikanischem Vorbild.

Das war unter anderem der Fall, als man den Medaillenspiegel der Olympischen Spiele 2012 einmal anders betrachtete, nämlich die europäischen Nationen zusammenfasste, um sie den Giganten aus den U.S.A. und China entgegenzustellen. Der „eigentlich korrekte Vergleich“, hieß es da. In einem anderen Kommentar äußerte sich WDR-Intendant Tom Buhrow enttäuscht darüber, dass sich die EU-Mitgliedsstaaten so schwer damit taten, ihre nationalen Interessen zugunsten der europäischen Idee aufzugeben, obwohl die Chance dazu längst da gewesen sei.

Dass wir im Rahmen der Flüchtlingskrise längst erkennen mussten, dass nationale Interessen sehr viel höher über den europäischen Zielen und Grundwerten stehen, lässt viele Anhänger einer europäischen Idee und politischer, kultureller, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Einheit Europas mit großer Sorge in die Zukunft blicken.

Dabei, und das muss man so klar sagen, war die Idee einer „europäischen Identität“ doch sehr naiv. Die Mitgliedsstaaten der EU sind durchaus starke Befürworter der europäischen Einheitsidee, mal mehr, mal weniger stark. Aber all den Denkern, Experten und Meinungsforschern wäre mit einem simplen Besuch im Fußballstadion sehr schnell klar geworden, dass den Menschen die nationale Identität noch immer sehr viel wichtiger ist als europäische Grundsätze. Die Begeisterungs- und Leidensfähigkeit, die sich auf den Tribünen abzeichnet, wenn Fans den Spielen ihrer Nationalmannschaft zusehen, ist sprichwörtlich beispielhaft.

 

Wer nun meint, dass man Lautstärke und Begeisterungsfähigkeit von Fußballfans nicht einfach mit einer Schablone auf die gesamte Gesellschaft übertragen kann, hat damit sicher nicht ganz unrecht. Es sollte allerdings nicht verkannt werden, dass insbesondere der Sport Fußball seit Anfang der 2000er Jahre längst keine Sportart im geschlossenen Kreis mehr ist. Fußball ist heute omnipräsent und so sehr viel akzeptierter als dies noch in den 80er und 90er Jahren der Fall war. Mittlerweile ist Fußball ein Familien- und Gesellschaftsphänomen, über das gesprochen, gestritten und gelacht wird – in nahezu allen Bereichen des Zusammenlebens. Und daher ist es wohl eben doch kein so schlechter Seismograph für eine Gesellschaft im Ganzen. Natürlich variiert dies von Nation zu Nation.

Aber auch in anderen Sportarten sehen wir immer wieder, wie wichtig der nationale Gedanke ist, etwa bei den Olympischen Spielen, um noch einmal dieses Beispiel zu nennen. Die Begeisterung der britischen Nation, die von sich selbst besoffen ihre sportlichen Erfolge während der Spiele in London 2012 unnachahmlich frenetisch feierte, kann hier genauso genannt werden wie die Begeisterung der Chinesen 2008 oder die der Russen während der letzten Winterolympiade in Sotschi.

Dass Gastgeber-Nationen – vor allem so fragwürdige Kandidaten wie China oder Russland – solche Sportereignisse auch immer dafür nutzen, um sich zu profilieren und ihrer eigenen Nation ein großes, weltweit bestauntes Propagandafest zu schenken, ist unbestritten. Auch dies ist, so abstoßend es mitunter wirkt, ein Beweis dafür, wie hoch nationale Interessen im Vergleich zu gemeinsamen Zielen von Bündnispartnern angesiedelt sind.

Dass – und dies ist ebenfalls abstoßend, in einer noch sehr viel stärkeren Form – nationale Hardliner wie der französische „Front National“ oder die hiesige „AfD“ die Europameisterschaft und die während eines Turniers zur Schau getragene nationale Identifikation für ihre Zwecke zu missbrauchen suchen, lässt sich wohl kaum verhindern. Immerhin ist Möchtegern-Volksdeutscher Alexander Gauland mit seinem Boateng-Nachbarschafts-Zitat ein tatsächlich empfindliches Eigentor gelungen, so mitten hinein in die nationale Verbrüderungsstimmung, die ein Turnier stets so mit sich bringt.

Über den Sinn oder Unsinn, internationale Sportereignisse – wie nach der WM 1998 in Frankreich geschehen – als Triebfeder der Integration nutzen zu wollen, möchte ich mich hier gar nicht auslassen. Dass ein Wettstreit, in dem Nationen gegeneinander antreten, tatsächlich aber auch integrativen Charakter in den jeweiligen Ländern haben kann, lässt sich allerdings schon behaupten. Viel wichtiger ist hierbei aber, dass solche Veranstaltungen nicht dazu führen, dass Menschen in großem Maße ausgeschlossen werden. Das Gegenteil ist der Fall (Rechtsextreme Gruppierungen, die gern Kinderschokolade essen, lassen wir jetzt mal bewusst außen vor).

 

Selbst wenn die Menschen unterschiedliche Interessen oder Lieblingsmannschaften haben, wird das gemeinsame Erlebnis gesucht, ob in Wohnzimmern, Kneipen oder auf großen Public-Viewing-Veranstaltungen. Dieses und andere Turniere sind vor allem eins: eine große, gemeinsame Party. Das mag dem ein oder anderen zu oberflächlich und zu fröhlich sein, aus völkerverständigender Sicht ist daran aber überhaupt nichts auszusetzen. Ganz im Gegenteil.

So sollte es ja auch sein. Eine Europa- oder Weltmeisterschaft ist heute, in Zeiten weltumspannender Echtzeit-Vernetzung, die Möglichkeit, sich fachlich und intensiv oder zwanglos und oberflächlich über das Geschehen auszutauschen. Als kürzlich der Slowakei ein überraschender Sieg über das russische Team gelang, schickte ich per Facebook Grüße an den slowakischen Teil meiner Familie: „Slovensko, Slovensko!“ schrieb ich, mit ein paar Smileys dazu. Wenige Tage zuvor hatte ich Glückwünsche zum ersten Sieg des deutschen Teams erhalten. Eine unkomplizierte, fröhliche und vor allem von jeglichem Pathos befreite Art, die Magie eines großen Sportereignisses zu teilen. So passiert es in diesen Tagen millionenfach, genauso natürlich bei der parallel stattfindenden Copa America oder, später im Sommer, bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Ein anderes Beispiel für nationale Interessen ist der am kommenden Donnerstag zur Abstimmung stehende „Brexit“, ein möglicher Austritt der Briten aus der EU. Britannien hingegen ist nochmal ein ganz besonderes Beispiel für nationale Identität und Identitäten. Obwohl das Vereinigte Königreich formal als Staat gilt und mit einer „britischen“ Mannschaft an den Start gehen könnte, darf jede der zum Königreich gehörenden „Landesteile“ – Wales, Nordirland, Schottland und natürlich England – mit einer eigenen Mannschaft an sportlichen Wettbewerben teilnehmen. Wie weit entfernt ein gemeinsames, britisches Zusammengehörigkeitsgefühl hier ist, war kürzlich erst in der „Battle of Britain“ zwischen England und Wales zu bestaunen. An ein gemeinsames Europa hat hier schon gleich gar niemand mehr gedacht.

 

Ob es einem nun gefällt oder nicht – Wettkämpfe von Ländern und nationale Rivalitäten wird es, im Idealfall nur auf sportlicher Ebene, noch lange weiter geben. Das hat, wie es mit vielen Dingen im Leben eben so ist, sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Man muss aber wohl akzeptieren, dass auf dem alten Kontinent in absehbarer Zeit kein europäischer Superstaat nach U.S.-amerikanischem Vorbild entstehen kann und wird. Dafür sind die Geschichten der beiden Kontinente auch viel zu unterschiedlich.

Und die Europäer lieben ihren Fußball nun mal über alles, sehr viel mehr als die Europäische Union nämlich. Da verstehen sie überhaupt keinen Spaß. EU – okay, da machen alle mit, das wird schon irgendwie Sinn machen. Aber eine europäische Nationalmannschaft? Also bitte. Der Gedanke ist geradezu lächerlich!

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