Der Bannkreis

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Der öffentliche Raum ist ein Wunderwerk gesellschaftlicher Kommunikation. Lebenswege kreuzen sich, Individuen erleben sich als Teil von Gemeinschaften und integrieren sich beziehungsweise isolieren sich im sanften Hauch der Anonymität. Während dies für die meisten von uns gelebte Realität ist, gibt es neben uns auch noch Personen des öffentlichen Lebens, für die der öffentliche Raum nur bedingt ein offener Kommunikationsraum ist. Vielmehr erscheint alles vorbestimmt, wenn die Prominenz zuschlägt. Mit Arne Friedrich am Hauptbahnhof von Hannover…

Zum Glück gibt es das Transportunternehmen Deutsche Bahn. Mit gehobener Zuverlässigkeit manövriert der nahezu monopolistisch agierende Staatskonzern tagtäglich Hunderttausende Menschen von A nach B. Dass in dem komplexen System der technischen Infrastruktur letztendlich Menschen am Werk sind, die gut und gerne Fehler machen können, krank sind oder eben schlecht gelaunt, wird dabei oft vergessen. In hübscher Kontinuität begegnen einem daher an deutschen Bahnhöfen und in den Zügen die besondere Spezies der Nörgler, die lediglich auf den Moment warten, in denen eine Verspätung durchgegeben wird, um dann in heiterer „Ich-habs-doch-gewusst“-Attitüde wie aufgeblasene Gockel umherstolzieren und loszupoltern. Dann wird auch schnell und gerne das Smartphone gezückt, um die Anzeigetafel zu fotografieren, um die Verspätung sogleich seinen Mitstreitern zu Hause vor den Deetz zu knallen.

Dabei muss man der Deutschen Bahn manchmal auch einfach dankbar sein für die überraschenden Situationen, die sie uns in schöner Regelmäßigkeit beschert – wohlgemerkt ohne ironischen Unterton, denn was wäre die Welt ohne ein gewisses Chaos? Gestern durfte ich dank einem betriebsinternen Problem der deutschen Bahn Arne Friedrich von der Liste der im Stadtraum anzutreffenden Fußballer streichen. Durch Verzögerungen im Betriebsablauf füllte sich am gestrigen Donnerstag der Bahnsteig 9/10 des Hannoveraner Hauptbahnhofes mit zahlreichen Fahrgästen nach Berlin. Unter ihnen war neben mir auch Arne Friedrich, der in Konversation mit seiner Begleitung vertieft auf den Zug nach Berlin wartete. Während ich in einigem Abstand meinen Nachmittagssnack zu mir nahm, beobachtete ich das Geschehen in seinem Umfeld.

Der Bahnsteig war gut gefüllt und dennoch bildete sich rund um Arne und seine Begleitung ein gewisses Vakuum, welches höchstens durch umherschweifende beobachtende Blicke gefüllt wurde. Die Sorge vor zu viel Aufdringlichkeit sorgte dafür, dass alle mit zwei Meter Abstand an dem ehemaligen Fußballer vorbeitrotteten. Zwar ist Arne kein bunter Hund, den man auf 500m Entfernung in der Menschenmenge ausmachen kann, aber zumindest in fußballaffinen Kreisen gehört er eben schon zu den Spielern mit Wiedererkennungswert. Immerhin war er neben seiner prägnanten Rolle für die Berliner Hertha Nationalspieler und ist nach seiner aktiven Karriere immer noch geschätzter Gesprächspartner der Medien und daher wiederkehrend Gast in unseren heimischen Wohnzimmern.

Also stand er gestern mitten auf diesem Bahnsteig wie ein Fels in der Brandung, an den sich die umherschweifenden Möwen nicht so wirklich ran trauen. Schließlich kann man ja nicht jemand Wildfremden im Stadtraum einfach so ansprechen. Dies gehört sich nicht in der Mentalität unseres Kulturkreises. Gleichzeitig sah man in den Köpfen der meisten Umherstehenden die Rädchen knattern. So fremd ist er doch gar nicht, der gute Arne. Er ist doch einer von uns und hat uns schon so viele positive Emotionen verschafft, so dass wir jetzt doch gar nicht so zögerlich sein müssten uns bei ihm zu bedanken und ein paar Schulterklopfer zu verteilen. Die „Einer-von-uns-Mär“ ist ja schließlich einer der elemantaren Identifikationsbezüge zum geliebten Verein. Dennoch bemerken wir in der Konfronatation mit den entsprechenden Personen, wie fremd sie uns doch sind. Hierin äußern sich sogleich die verqueren Verstrickungen unserer medialisierten Welt, in der wir glauben Menschen zu kennen, die rein gar nichts mit unserem Leben zu tun haben. Sie sind Teil unserer Identität ohne realer Bestandteil unseres Lebens zu sein. Während Arne für uns ein bekannter Typ von nebenan ist, sind die meisten von uns für ihn beliebige Fremde. Und dieses asymmetrische Verhältnis offenbart sich dann ohnegleichen im öffentlichen Raum im Kontext einer zufälligen Begegnung. Schließlich handelte es sich hier nicht um ein „meet&greet“, wie es so schön noch in den 90ern hieß. Das Treffen ist nicht ausgemacht, man kann nichts einfordern. Ohne abgesteckte Rahmenbedingungen keine Kommunikation.

Es ist eine eigentliche recht schöne mitteleuropäische Charakteristik den Respektsabstand einzuhalten. Die Kommunikation findet darüber hinaus gerne leicht seitlich zueinander gestellt statt, um den konfrontativen Charakter herauszunehmen und den Gesprächsraum zu öffnen. Auch in Restaurants sitzen viele Menschen gerne nebeneinander anstatt sich gegenüber zu positionieren. Die Mehrheit unseres Kulturkreises geht höchst sensibel mit Gesprächssituationen um. Dementsprechend gibt es auch kaum überstürzte Handlungen und so konnten Arne und seine Begleitung auf die Institution des Bannkreises vollends vertrauen. Ein Hauch von Privatsphäre mitten im Trubel. Übertragen wir die selbe Situation auf einen vergleichbaren argentinischen Spieler wie zum Beispiel Mauricio Pochettino, der nicht zu den größten seiner Zunft gehörte, aber eben dennoch kontinuierliches Mitglied der Nationalmannschaft war, der eventuell am Bahnhof in Cordoba auf seinen verspäteten Zug wartet, wäre dieser wohl mit Zuneigung überwältigt worden. Auch in Japan können sich die Nationalspieler nicht so recht auf der Straße blicken lassen. Hier geht das, auch wenn man sich wohl kontinuierlich beobachtet fühlt.

Die Situation beobachtete ich aus einiger Entfernung für etwa zehn Minuten. Lediglich einer der den Bannkreis umschweifenden Männer konnte sich in diesem Zeitraum aufraffen, den inner circle zu betreten. Ein ca. 50jähriger Mann mit Pauli-Schal nutzte die Gelegenheit zu einem kleinen launigen Gespräch. Arne reagierte gewohnt lässig und konnte sich nach wenigen Sekunden wieder auf seinen mehr oder minder geplanten Bannkreis verlassen. Denn die anderen Personen registrierten die Intervention des Pauli-Fan zwar, nutzten die Situation aber nicht für sich aus und ärgerten sich danach wohl noch ein paar Minuten, dass sie diese Chance liegen gelassen haben. Das Vakuum war wiederhergestellt, die Barriere zu hoch. Während unsereins also sich mit den nervösen Anfragen bezüglich der Durchsagen des Zugpersonals rumschlagen muss („Habense jetz eigentlich schon was durchgesagt, wie dis jetze hier weiterjehn soll? Nee wa, booah, immer Ärger mit denen…“), durfte Arne genüsslich seine Konversation weiterführen. (Ehemaliger) Fußballprofi müsste man sein.

 

Axel Diehlmann

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