Der Dorfplatz

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Die Anfänge meiner Spielerkarriere waren von ein paar Widrigkeiten begleitet, die wir mit Kreativität und Sturheit aus dem Weg räumten. Dass ich damit mal in der Presse lande, hätte ich natürlich nie gedacht…

von Björn Leffler

Ganz am Anfang, irgendwann so um 1994 oder 1995, gab der Platz ein jämmerliches Bild ab. Er lag in der Mitte des winzigen brandenburgischen Dorfes Zöllmersdorf. Das Gras war offenbar seit Jahren nicht gemäht worden, und die zwei uralten, metallenen Tore standen windschief in die Erde gerammt, natürlich ohne ein Tornetz. Es war nicht unbedingt das, was man eine einladende Sportstätte nennen würde. Niemand hatte hier für Jahrzehnte gegen einen Ball getreten.

Aber erstmal war mir das egal. Es war die Zeit, in der ich begann, selbst Fußball zu spielen. Zuhause – das war damals der gutbürgerliche Stadtteil Hermsdorf im Norden Berlins – spielte ich auf der Straße, fast immer für mich allein. Ich war Dauergast in den Vorgärten der Nachbarschaft und spielte Doppelpass mit der hohen Bordsteinkante. Vielmehr ging da nicht.

Daher war dieser kleine Platz, so unwirtlich er auch daherkam, schonmal ein Fortschritt. Er besaß zwei Tore, die Grundvoraussetzung für ein Fußballspiel. Das kleine Dorf Zöllmersdorf in der Niederlausitz ist meine eigentliche Heimat, weshalb ich bis heute häufig zu Besuch bin. Damals verbrachte ich einen Großteil meiner Ferien und Wochenenden auf dem Bauernhof meiner Großeltern. Und als dann relativ unerwartet das Interesse für den Fußball in mir keimte, wusste ich erstmals auch etwas mit diesem Platz in der Dorfmitte anzufangen, auf dem normalerweise nur die Zelte für das alljährliche Dorffest aufgebaut wurden. Mehr spielte sich dort normalerweise nicht ab.

Nach einem reichlich erfolglosen Versuch, auch im hüfthohen Gras Fußball zu spielen, konnte ich meine Tante dazu überreden, den Platz für uns (mich und meine drei Cousins, die hin und wieder hinzukamen, und ein paar Jungs aus dem Dorf) zu mähen. Nun hatten wir also einen Wembley-artigen Teppich, auf dem wir unsere infernalischen Schlachten austragen konnten. Meistens spielten wir ein Zwei gegen Zwei, was uns konditionell in kurzer Zeit sehr weit nach vorn brachte. Unser Wembley-Teppich befand sich auf einem unfassbar hügeligen Geläuf, so dass wir am Anfang häufig mit den Gegebenheiten des Platzes zu kämpfen hatten. Den Platz als uneben und abschüssig zu bezeichnen, wäre dramatisch untertrieben. Aber das brachte uns natürlich auch technisch stark voran.

Auf der einen Seite war der Platz durch die Dorfstraße begrenzt, auf der anderen Seite durch den kleinen Fluss „Beke“, der einmal direkt durchs Dorf fließt. Was häufig – sehr häufig – dazu führte, dass wir den Ball aus dem Wasser fischen mussten, bis die „Beke“ ihn davontragen konnte.  Irgendwann war es uns auch zuwider, nach jedem Tor dreißig Meter weit zu laufen, um den Ball zu holen. Immerhin befand sich hinter einem der beiden Tore die Friedhofsmauer, aber viel zu häufig landete der Ball nicht an der Mauer, sondern auf dem Friedhof selbst, was vor allem meine Großmutter erzürnte, die sich im Dorf bis heute federführend um Friedhof und Kirche kümmert.

Uns war also klar: wir mussten diesen Platz einer ganz klaren Professionalisierung unterziehen. In den Untiefen der Dachboden- und Kellergewölbe meiner Großeltern fanden wir nach langem Suchen ein altes, rissiges Fischernetz. Unsere Rettung! Wir schleppten das gigantische Teil zum Sportplatz und hievten es provisorisch über die Tore, nachdem wir es zuvor in zwei Teile geschnitten hatten. Wir hatten jetzt also einen richtigen Sportplatz, mit geschnittenem Rasen und zwei Toren, die mit Tornetzen ausgestattet waren. Was heute nach einer Selbstverständlichkeit klingt, war im Osten Deutschlands wenige Jahre nach der Wende in den meisten Gemeinden eine absolute Ausnahme. Die Tatsache, dass wir nun also über einen solchen Platz verfügten, rettete uns definitiv die Sommerferien!

Wir spielten uns also  auf unserem neuen, großartigen Fußballplatz die Füße wund, sprichwörtlich vom Sonnenaufgang bis zu dem Zeitpunkt des Abends, wo wir einfach nichts mehr sehen konnten. Dabei nahmen wir in unseren endlosen Spielen, in denen es um nicht weniger als Ruhm und Ehre (zumindest innerhalb der Familie) ging, wenig Rücksicht auf die ruhebedürftigen Einwohner des Dorfes und kreischten unsere Begeisterung oder wahlweise Enttäuschung ungeniert in die Stille der ländlichen Idylle hinein. Was auf wenig Begeisterung traf.

Mehr Begeisterung weckte in den umliegenden Dörfern schnell die Aussicht auf ein Fußballspiel unter „professionellen Bedingungen“. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass wir über einen Rasenplatz mit benetzten Toren verfügten, und so wurden die fußballspielenden Dorfjugenden der umliegenden Ortschaften immer häufiger vorstellig, um sich mit uns zu duellieren. Ein großartiger Spaß. Da wir bereits wochenlang Vorsprung hatten, was Geläuf und Platzmaße anbelangte, klatschten wir so ziemlich jedes Team, was uns vor die Füße kam, ungehobelt aus dem Dorf.

Dabei hatten wir so viel Freude, wie ich sie im Fußball später selten – weder im Verein, noch in der Freizeitmannschaft – erlebt habe. Wir, die außerhalb des Platzes meist völlig zerstrittenen Vettern, wurden auf diesem Grün zu einer unschlagbaren Einheit. Wieder und wieder zappelte der Ball in den Fischernetzmaschen unserer Gegner. Das machte so viel Spaß, dass ich dann sogar den Ferienbesuch bei meinen Großeltern verlängerte und bis zum letzten Tag vor der Schule blieb, um das fußballerische Mekka im Spreewald-Delta auskosten zu können.

Unser famoser Platz hatte sich offensichtlich nicht nur bis zur Dorfjugend der umliegenden Gemeinden herumgesprochen. Auch die Presse schaute eines Tages vorbei. Ein Reporter der „Lausitzer Rundschau“ kam eines schönen Tages auf unseren heiligen Rasen gestapft, um ein paar Fotos von uns zu machen, während wir so vor uns hinkickten. Ich spielte gerade mit zwei Jungs aus dem Dorf, und stolz wie Bolle ließen wir uns natürlich bei der Ausübung der für uns wichtigsten Sache der Welt ablichten. Und, tatsächlich, einige Wochen später prangte unser Bild groß in der Zeitung.

 

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Gute Spiel- und Sportmöglichkeiten haben die Kinder in der Gemeinde Zöllmersdorf.“ Wer hätte gedacht, dass ich es mit meiner Initiative einmal bis in die Lokalpresse schaffe! Natürlich war es vermutlich nur ein Zufall, dass der Reporter an diesem Tag bei uns vorbeischaute, aber damals schien die Sache glasklar zu sein – weil wir aus diesem alten, hässlichen Acker einen passablen Sportplatz gemacht hatten, kam die Presse vorbei, um sich ein Bild von der ausgezeichneten Lage zu machen. Aus heutiger Sicht ist es vielmehr amüsant, was damals als „gute Spiel- und Sportmöglichkeiten“ bezeichnet wurde, wenn man das windschiefe Tor und das traurige Tornetz im Hintergrund begutachtet. Aber das Ganze ist eben auch schon über 20 Jahre her.

Mit dem Platz ging es von nun an aber tatsächlich bergauf. Während mein Opa ab und an vorbeischaute und uns nochmal demonstrierte, wie man richtige Ecken schießt (in Gummistiefeln!), kamen auch mein Vater und einige meiner Onkels in den Folgejahren auf den Geschmack, dort mit uns Fußball zu spielen. Auf dem Platz wurde wieder so viel gekickt und gegrätscht wie seit den 70er Jahren nicht mehr. Einige Jahre später, als ich schon nicht mehr ganz so häufig zugegen war wie noch Anfang und Mitte der 90er, wurden die alten Tore endlich gegen ein paar neue ausgetauscht, ein Paar Handballtore, mit Holzpfosten und undurchlässigen Netzen, ein großer Schritt nach vorn. Heute stehen auf dem Platz, der regelmäßig gemäht wird, zwei dieser gruseligen aber unkaputtbaren Metalltore, die es auch in Berlin in zahlreichen Käfigen und auf vielen Bolzplätzen gibt. Der Rasen ist dicht, und irgendwann wurde der Platz sogar mal gewalzt, so dass die einstige Hügellandschaft heute tatsächlich einem richtigen Fußballplatz ähnelt.

Ab und an spiele ich dort auch noch, auch wenn es selten geworden ist. Aber die heutige Dorfjugend nutzt den Platz, der sich im Vergleich zu den 90er Jahren in einem wirklich guten Zustand befindet, heute wieder aktiv zum Fußballspielen. Der Dornröschenschlaf, der jahrzehntelang vorgeherrscht hatte, scheint glücklicherweise überwunden zu sein. Immerhin dazu habe ich wohl einen kleinen Beitrag geleistet, was mich stets mit dem Gefühl von Zufriedenheit wieder nach Berlin fahren lässt.

Die Erinnerungen an den ersten Sommer auf diesem Platz bleiben für immer, und sie werden auch für immer positiv gefärbt sein. Ganz egal, wie groß die Differenzen später wurden, die sich zwischen mir und meinen Cousins zuweilen aufgetan haben. Der Fußball verband uns in diesem Sommer und in den Jahren danach. Wenn wir gemeinsam auf dem Platz standen, war alles gut. Manchmal kann man eben nicht mehr verlangen als das.

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