Der Monat der Langfristigkeit

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Im tiefsten Herbst gehen die Blicke meist voraus. Angesichts der trübe dahindarbenden Pracht der Natur um uns herum, machen wir uns kollektiv Gedanken über das hoffentlich baldigst anstehende Frühjahr. Zeit genug, um Pläne zu schmieden und Zukunftsvisionen tatkräftig anzugehen. Gleichermaßen stellt sich die Lage auch im Fußball dar.

Langfristiges Denken ist in diesen Wochen des dunklen November en vogue. Die Verhältnisse in der aktuellen Saison sind weitestgehend ausgehandelt und können lediglich durch unerwartete sportliche Höhenflüge, finanzielle Kraftakte oder unglückselige Miseren noch vollends aus den Fugen geraten. Im mit Spielen prall gefüllten November lässt sich anhand der Tabellen in Bundesliga, Europapokal auch ein Kräfteverhältnis aussagekräftig ablesen, wodurch konsistente Einordnungen vorgenommen werden können und der Verbesserungsbedarf offensichtlich wird. Zur Reflexion haben wir in Zeiten, in denen uns schon das Wetter veranlasst im Büro zu verweilen, auch genug Zeit. Diese gilt es zu nutzen, wenn man das Frühjahr und den Sommer genießen will.

„Auf lange Sicht wollen wir da oben ran und die Großen ärgern.“ So oder so ähnlich wird derzeit gerne formuliert vor dem Hintergrund eines stabil verlaufenen Saisonstarts der Mittelklassevereine. Genau für diese stehen in diesen Wochen entscheidende Momente der Weichenstellung an. Schon in der Winterpause drohen verzweifelte Topclubs die Leistungsträger der kleinen solide gführten Vereine loszueisen, um der eigenen Mannschaft doch noch den notwendigen Impuls zu verleihen und die Saisonziel zu erreichen. Als netter Nebeneffekt wird dann auch gleich ein unverhoffter Konkurrent ein wenig geschwächt. Spätestens aber in der Sommerpause nach der Saison wird aber über die Weiterentwicklung der gesamten Vereinsstrukturen entschieden, dessen Pfadabhängigkeit im sportlichen Erfolg zu suchen ist.

Dementsprechend gilt es schon jetzt die wichtigsten Verträge unter Dach und Fach zu bringen, so dass ja keiner auf die Idee kommt, monetäre Abwerbeversuche, die nicht dem Wert der erhofften sportlichen Entwicklung entsprechen, auszuführen. Die konzeptionelle Ausrichtung des Vereins findet für die Vereine, die sich vermeintlich sicher fühlen schon in der jetzigen Phase statt, so dass man dem ein oder anderen Fußballer gerne mal einen unterschriftsreifen Vertrag unter den Weihnachtsbaum legt. Dabei lässt es sich natürlich auch schön verzocken. So mancher Verein, der die Hinrunde im gesicherten Mittelfeld der Bundesliga abschloss und dann wider Erwarten noch durchgereicht wurde, saß plötzlich auf nunmehr fehlkalkulierten Verträgen fest. Insbesondere für Eintracht Frankfurt wurde der Abstieg 2012 dadurch enorm teuer und die langfristigen Planungen des Winters komplett über den Haufen geworfen.

Trotzdem ist es natürlich ratsam schon jetzt die Planungen für die Zeit der kommenden Saison anzugehen. Schließlich gibt es auch auf dem Transfermarkt kaum eine kühlere Jahreszeit. So ist es kaum verwunderlich, dass die Verhandlungen von Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund bezüglich der Personalie Ömer Toprak offenbar abgeschlossen sind, Robert Lewandowski bei den Bayern vor der Vertragsverlängerung steht und Pierre-Emerick Aubameyang sich offenkundig gen Manchester City orientiert. Vakante Verträge, die in diesen Wochen nicht verlängert werden, stehen spätestens ab dem Frühjahr vollends zur Disposition. Bei allen geht es wohlgemerkt um das Transferfenster im Sommer. Angesichts der Relevanz dieser Personalien für die Ausrichtung der Mannschaft und des Vereins wird hieran aber schon jetzt ordentlich gefeilt. Der Weihnachtsmann ist zwar kein Osterhase, aber die Sportdirektoren agieren schon jetzt wie fleißige Eichhörnchen und versuchen ihre Vorzeige-Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Der November ist meist keine Zeit für überbordenden Aktionismus. Wer nun noch kurzfristig versucht, die Geschicke schlagartig umzulenken, der verkennt meist die prekäre sportliche Situation. Der Hamburger SV ist hierfür meist ein gutes Beispiel, der die fehlerhafte Kaderplanung in diesen Wochen gerne alljährlich dem Trainer-Team in die Schuhe schiebt. Ein klares Konzept ist hierbei nur selten zu erkennen. Dafür gibt es dann aber regelmäßig die großen Namen auf den letzten Drücker der jeweiligen Transferfenster. Eine Vereinspolitik, die letztendlich den Bundesliga-Dino die heißgeliebte Stadion-Uhr kosten wird. Es sei denn, sie schaffen es den Monat November als das zu akzeptieren, was er ist. Eine Zeit der Planungen „auf lange Sicht“ anstatt weiterhin einen impulsiven Aktionismus auszuleben.

Auch in institutioneller Hinsicht geht es derzeit ans Eingemachte. Die Verhandlungen der Medienrechte und Beteiligungen der Vereine an den sportlichen Erfolgen des Verbandes gehen in die entscheidende Runde. In vielerlei Hinsicht stehen entscheidende Wochen an, die nur durch eine nachhaltige und vor allem besonnene Strategie der beteiligten Sportdirektoren und Manager eine blühende Zukunft verspricht. Und nun: Raus zum Baumschnitt!

 

Axel Diehlmann

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