Der Schlangen-Wahnsinn

Veröffentlicht am Veröffentlicht in STADT(t)räume

1

Eine Stadt steht an: Berlin im Halbfinal-Fieber

von Björn Leffler

Ob Europa-Center, Olympiastadion, Geschäftsstelle oder Hauptbahnhof: An allen Hertha-BSC-Fanshops bildeten sich gestern ab 06:00 Uhr in der Früh lange Schlangen, um an Tickets für das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund zu gelangen. Wohlgemerkt, gestern war erst Start des exklusiven Mitgliederverkaufs. Jedem Mitglied standen bis zu vier Tickets zu. Wenn man den gestrigen Tag miterlebt hat, ist es schwer, zu glauben, dass zum Start des freien Verkaufs am 1. März überhaupt noch Tickets zur Verfügung stehen werden.

Ich hatte, naiverweise, geglaubt, dass der sonst völlig unfrequentierte Fanshop im Hauptbahnhof zum Geheimtipp werden könnte und fand mich dort um Punkt 10:00 Uhr ein (Start des Vorverkaufs), um schnell mal Halbfinal-Tickets abzugreifen und die weiteren Besorgungen des Tages vorzunehmen. Als ich die Rolltreppe hinunter fuhr, sah ich schon mehrere Leute aus dem Fanshop heraus in den Bahnhof hinein stehen. Mit ungläubigem Auge verfolgte ich die Schlange, die sich einmal quer durch den ganzen Bahnhof bis zum McDonald’s-Restaurand auf der anderen Seite zog. Da ließ ich das erste Mal den Kopf hängen und verabschiedete mich von meinen übrigen Tagesplänen. Jetzt galt es nur noch: Tickets bekommen, egal wie!

2

Als ich mich ganz am Ende der Schlange einreihte, war mir noch nicht bewusst, wie kalt es werden würde. Für lange Wartezeiten war ich irgendwie nicht gerüstet. Geschätzt 1.000 Leute standen vor mir, vielleicht noch mehr. Am Anfang war die Stimmung in der Schlange noch recht entspannt. Hier und da entstanden erste Fachgespräche, und über die gesamte Dauer der Wartezeit kam es immer wieder zu amüsanten Begegnungen mit erstaunten Reisenden, die sich fragten, weshalb sich denn hier eine so gigantische Schlange bildete. Glücklicherweise – aus ihrer Sicht – standen die Leute nicht am DB-Reisezentrum an.

Nach einer Stunde hatte ich mich um ca. 20 Meter nach vorn bewegt. Ein Mann hinter mir hatte offensichtlich ebenfalls nicht mit so viel Wartezeit gerechnet und rief im Büro an: „Schicken sie mir mal den Azubi her!“ Das war natürlich clever! Besagter Azubi kam denn auch und fügte sich demütig in seine Aufgabe. Der Chef war klar in seinen Ansagen: „Wenn sie an dieser Säule sind, rufen sie mich an. Dann komme ich. Zwischendurch können sie sich gern einen Kaffee holen, die netten Herren hier halten ihnen sicher ihren Platz frei.“ Zustimmendes Gemurmel und Kopfnicken. Der aus Sachsen-Anhalt stammende Azubi erlebte also einen Vormittag der besonderen Art und machte dabei gleichzeitig eine Menge neuer Bekanntschaften.

3

Zwei Stunden später versuchten die ersten, per Smartphone ein Ticket über den Online-Shop zu buchen, erfolglos. Im Fanshop selbst angestrengtes Abarbeiten, und der Kampf mit der Technik. Mehrfach funktionierte der Server nicht mehr, und bei jedem erfolgreichen Neustart ging ein höhnisches Jubeln durch den Bahnhof. Man nahm es also typisch berlinerisch, aber noch überwiegend locker. So locker es eben ging. Ich hatte mich bis auf 50 Meter an den Fanshop herangewartet.

Eine weitere Stunde später kippte die Stimmung dann langsam, zwei Fans pöbelten sich lautstark an. Der Vorwurf: ER hätte sich vorgedrängelt, woraufhin SIE ihn wüst beschimpfte und mit der Hinzuziehung der Polizei drohte. Allgemeines Gelächter, das wäre doch mal eine gelungene Unterhaltung für die frierenden Wartenden. Ich hatte mir zwischenzeitlich eine Zeitung geholt, zitterte dann aber so sehr, dass ich das Lesen einstellen musste, da das rhythmische Rascheln der Zeitung die Umstehenden sichtlich erheiterte. Dann doch lieber einen Kaffee.

5

 

Nach fast vier Stunden enterte ich den Fnshop und hatte dann wenig später meine Tickets, Gott sei Dank. Die Schlange hinter mir war allerdings noch längst nicht abgearbeitet. Was für ein Hype um die Alte Dame, dass ich sowas noch erleben darf! Dachte ich jedenfalls so bei mir, während ich zur Straßenbahn wetzte, die wohlige Wärme der BVG als Ziel. Gott, war ich durchgefroren. Durchgefroren, aber glücklich. HA HO Halbfinale.

Selbst die Presse machte die Warterei heute zum großen Thema. Die letzte Warteschlange, die in Berlin so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, war wohl die Schlange zur MoMa-Ausstellung an der neuen Nationalgalerie. Das war vor über zehn Jahren. Das will schon was heißen.

6

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.