Die besten und schlimmsten Weltmeisterschaften seit 1950 – Teil 1

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Es lebe die Retrospektive. Heute: Fußball-WM! Meine ganz persönliche – und absolut subjektive – Einschätzung, von grandios geil bis grandios gescheitert. Mit kurzer Erläuterung und – ich wollte das immer schonmal machen – einer Bewertungsskala in Sternchen, von 1 bis 5. Im ersten von zwei Teilen behandeln wir die Plätze 16 bis 11.

von Björn Leffler

Platz 16 – WM 2002 in Japan/Südkorea

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Ein absolut verdienter letzter Platz. Eine der aufgeblasensten Weltmeisterschaften aller Zeiten, mit über zwanzig Stadien. Und dies nur, weil die FIFA die WM an beide Nationen vergeben hatte, weil – typisch asiatisch – für beide Seiten eine Niederlage nicht infrage kam und bereits Unsummen in den Stadionbau und die Bewerbung investiert worden waren, auf beiden Seiten.

Die Stimmung in den Stadien war künstlich und hatte mit Fußballsachverstand wenig gemeinsam. Am lautesten wurde gejubelt, wenn irgendwo an der Mittellinie ein Fallrückzieher stattfand. Süd-Korea wurde auf fast peinliche Weise ins Halbfinale durchgepfiffen, wo man dann schon beinahe dankbar sein musste, dass die biederen Deutschen dem unrühmlichen Treiben ein schroffes Ende setzten. Noch schlimmer als die desolaten Schiedsrichter-Leistungen waren nur die drei aberwitzig hässlichen Maskottchen.

Weltmeister wurde Brasilien, eine Mannschaft die selbst nicht durch große Leistungen herausstach, aber wohl das beste Team eines schwach besetzten Jahrgangs war und immerhin Ronaldo und Ronaldinho in ihren Reihen wusste. Titelverteidiger Frankreich gelang nicht mal ein einziges Tor – irgendwie passend.

Platz 15 – WM 1962 in Chile

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Warum landet eine WM auf dem vorletzten Platz? Richtig, wenn sich kaum jemand daran erinnern kann. WM 1962 in Chile, klingelt’s da irgendwie? Komischerweise nicht. Weltmeister? Brasilien, okay. Pelé, genau… aber der war im Finale ja auch noch gesperrt, wie blöd. Wer war denn Gegner im Finale? Hmmm, mal scharf überlegen… richtig, die Tschechoslowakei.Ja, richtig gehört! Die standen tatsächlich mal im Endspiel, führten da sogar für zwei Minuten mit 1:0, wurden dann aber von Brasilien mit 3:1 überrannt, begünstigt durch diverse Torwart-Fehler von Schlussmann Schrojf.

Alles irgendwie wenig weltmeisterlich, genau wie die gesamte WM, die unter geringem Zuschauerinteresse und nur bruchstückhaft vorhandener spielerischer Brillanz litt.

Platz 14 – WM 1950 in Brasilien

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Da wird der ein oder andere empört aufschreien: „Was? Die WM in Brasilien auf Platz 14? Der Ursprung des Maracanaco? Warum das?“ Kann ich genau sagen: Eine WM ohne WM-Finale ist für mich keine richtige WM! So einfach ist die Laube. Und diese WM hatte kein Finale, sondern lediglich eine Art Endgruppe, in welcher der Sieger ausgespielt wurde. Wer auf diese Idee gekommen war, man weiß es nicht mehr. Am Ende will’s natürlich wieder niemand gewesen sein.

Nur durch Glück war das letzte Spiel dieser „finalen Gruppenphase“ – Brasilien gegen Uruguay – jenes Spiel, welches auch den Weltmeister küren sollte, und beide Teams konnten es in diesem Spiel noch werden. Beinahe wäre Uruguay durch ein 1:1 Weltmeister geworden, durch ein Unentschieden! Das Team gewann dann aber noch glücklich 2:1. Das aber immerhin vor 204.000 Zuschauern im neu erbauten, gigantischen Maracana von Rio. Dass das mit der WM ohne Finale eine Schnapsidee war, zeigte sich ab der nächsten Weltmeisterschaft. Denn es blieb die einzige ohne Endspiel. Glücklicherweise.

Platz 13 – WM 1978 in Argentinien

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Platz 13 für die heißblütigen Argentinier, warum dies denn nun? Na, ich kläre mal auf! Als die WM in Argentinien stattfand, regierte dort gerade die Militärjunta und folterte tausende von Argentiniern in ihren Gefängnissen, während viele andere auf ewig verschollen blieben. Argentinien war zu jener Zeit ein lupenreiner Unrechtsstaat, hatte die WM aber Jahre zuvor unglücklicherweise zugesprochen bekommen.Die FIFA hielt sich an ihre Zusage.

In Europa wurde mehrfach darüber diskutiert, die gesamte WM zu boykottieren, letztlich nahmen aber alle qualifizierten Teams teil. Bis auf die Heimspiele der Gastgeber war das Zuschauerinteresse überschaubar, und – wie schon 1974 – auf Viertel- oder Halbfinals hatte man leider erneut komplett verzichtet. Über eine zähe Zwischenrunde im Gruppenmodus konnte man sich fürs Finale qualifizieren.

Das entscheidende Spiel, welches die Argentinier ins Endspiel und Erzrivale Brasilien nach Hause beförderte – ein 6:0 über Peru – steht bis heute unter dem schweren Verdacht, von der militanten argentinischen  Regierung gekauft worden zu sein. Im Finale trafen die Argentinier auf biedere Niederländer und holten erstmals den Weltpokal. Ein fader Beigeschmack aber blieb und bleibt bis heute.

Platz 11 (geteilt) – WM 1982 in Spanien

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Eigentlich schade, dass eine WM in so tollen Städten mit großartigen Stadien – Barcelona, Sevilla, Madrid, Valencia, Bilbao – nur auf dem geteilten 11. Platz landet. Das liegt unter anderem an den schwachen und kläglich gescheiterten Gastgebern, und daran, dass sich im Finale zwei Teams gegenüber standen, die spielerisch nicht zu den Glanzlichtern der Weltmeisterschaft zu zählen waren.

Die Deutschen, die in der Vorrunde noch unrühmlich durch den Nichtangriffspakt mit den Österreichern auffielen, und die Italiener, die sich irgendwie und aufgrund der überragenden Qualität ihres Torjägers Paolo Rossi gegen Brasilien und Argentinien durchsetzen konnten, trafen zum finalen Spiel um den Weltpokal aufeinander.

Man hatte im Vorfeld eher mit Zicos Brasilianern und Platinis Franzosen gerechnet. Die Franzosen allerdings konnten im – immerhin legendären – Halbfinale gegen die Deutschen ein zwischenzeitliches 3:1 in der Verlängerung nicht über die Zeit bringen, und Brasilien seine spielerische Klasse nicht in Tore umsetzen. Beide Teams sollten 1986 noch einmal ähnlich bitter am eigenen Potenzial scheitern. Das Finale gewann Italien dann verdient mit 3:1, und Torwart-Legende Dino Zoff wurde 40-jährig endlich Weltmeister.

Platz 11 ( geteilt) – WM 1958 in Schweden

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Pelés Stern ging auf bei dieser Weltmeisterschaft in Schweden. Wehrmutstropfen ist, dass die Gastgeber, die es bis ins Endspiel schafften, den Brasilianern hoffnungslos unterlegen waren und mit 2:5 abgestraft wurden. Im Halbfinale wurden die Deutschen besiegt, allerdings unter umstrittenen Begleiterscheinungen. Ein zweifelhafter Platzverweis für Verteidiger Juskowiak entschied das Spiel gegen den erneut starken Titelverteidiger, der in diesem Spiel das bis dahin klar bessere Team gestellt hatte. Deutschland gegen Brasilien wäre wohl das Finale der zwei stärksten Teams des Turniers gewesen.

Auf deutscher Seite mokierte man sich darüber hinaus, dass sogenannte „Einpeitscher“ das schwedische Publikum vor Beginn des Halbfinals aufgeputscht hatten und die Stimmung im Ullevi Stadion daher aggressiv und antideutsch gewesen sei. In den 50er Jahren tatsächlich eine sehr untypische Maßnahme.

Vielleicht landet diese WM auch einfach deshalb verhältnismäßig weit hinten, weil sie so recht lang her und einfach etwas in Vergessenheit geraten ist. So fair muss man ja sein. Was noch erwähnt werden muss: Brasilien spielte hier erstmals sein revolutionäres 4-2-4 und überraschte die (Fußball-) Welt damit völlig. Neben Pelé verzückte Außenstürmer Garrincha die Zuschauer mit seinen atemberaubenden Dribblings.

Platz 11 (geteilt) – WM 1974 in Deutschland

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Die erste WM auf deutschem Boden, leider nur auf westdeutschem Boden. Das Gastgeberland hatte sich eine Fülle von neuen Stadien gegönnt, aber nur ein einziges davon – das Dortmunder Westfalenstadion – war ein reines Fußballstadion. Der Rest – darunter das Düsseldorfer Rheinstadion, das Parkstadion Gelsenkirchen oder das Hamburger Volksparkstadion – waren riesige Betonschüsseln mit Laufbahn und ausladender Architektur, die nur wenige Jahre später zu unansehnlichen Sportstätten verkommen sollten.

Die Stimmung war, mit Ausnahme der Spiele der BRD, erwartungsgemäß mau, zudem hatten die Gastgeber häufig mit schlechtem Wetter und Regen zu kämpfen. Die Wasserschlacht von Frankfurt, als den Gastgebern ein glückliches 1:0 gegen Polen gelang, fand unter eigentlich irregulären Bedingungen statt, und selbst nach dem Endspielsieg der Deutschen schien die ganz große Euphorie nicht aufkommen zu wollen im weiten Rund des Münchner Olympiastadions.

Eine seltsam stimmungsarme WM, die aber immerhin zwei großartige Protagonisten hatte, die ihre Mannschaften ins Endspiel führten: Johan Cruyff und Franz Beckenbauer.

 

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