Die vermeintlichen Goldschürfer des Fußballs

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Der Deadline-Day macht wieder Furore und die Fußballwelt inszeniert wieder den Countdown der Hoffnung. Die Hoffnung im letzten Augenblick noch den Wohltäter schlechthin zu finden und rechtzeitig vor den anderen raffgierigen Sportdirektoren zu verpflichten. Nahezu um jeden Preis. Der sportliche Mehrwert ist fraglich…prognose1

 

Die Relevanz eines gesellschaftlichen Teilbereichs repräsentiert sich in unserer marktwirtschaftlich orientierten Welt in den in ihrem Kontext transferierten Geldbeträgen. Diesbezüglich ist der Fußball in den letzten Jahren nahezu in die Phalanx der Energiewirtschaft, der Sicherheitspolitik und die Kommunikationsbranche eingedrungen. Auch wenn es hierbei vielleicht nicht um die absoluten Beträge geht, die bei der Akquise neuer Projekte hin und her geschoben werden, so ist dennoch der Faktor Rendite in der letzten Dekade zu einem bestimmenden Faktor der Transferpolitik der Fußballvereine geworden. Neben der kurz- und mittelfristigen Verbesserung der Mannschaft, um aus dem Tabellenkeller zu gelangen oder die ersehnten Titel einzufahren, ist das Steigerungspotential des Marktwerts des zu verpflichtenden Spielers hochgradig transferrelevant geworden.

Die Erschließung von Märkten und die Entdeckung, Schleifung und der gewinnträchtige Weiterverkauf von Rohdiamanten ist zum ultimativen Geschäftsmodell des Vereinssports im Fußball geworden. Bestes Beispiele für die Orientierung der Bundesligisten an den neuen Märkten im Osten sind die Transfers von Ali Daei und Vahid Hashemian Anfang der 2000er zu den Bayern, von einem Chinesen namens Zhang nach Wolfsburg vor einigen Jahren oder eben auch eines Shinji Kagawa 2010 zu Borussia Dortmund. Diese stehen dabei nur repräsentativ für eine grundsätzliche Globalisierung der Fußballwelt, die maßgeblich in wirtschaftlichen Kategorien denkt. Denn: Lediglich der Transfer des Japaners war hierbei von überdimensionalen Erfolg gekrönt. Als Taktgeber, Wirbelwind und Publikumsliebling der Dortmunder Meistermannschaft von 2011 und 2012 verewigte sich der Japaner vor allem sportlich in den Notizbüchern der Fußballgeschichte. Bei vielen anderen stand der wirtschaftliche Entwicklungsimpuls im Vordergrund. Dass der eine oder andere zusätzlich noch ab und zu ein Törchen erzielte, war dabei eher lukrativ im Marketing-Bereich als ein sportlicher Mehrwert.

Die Transferpolitik der letzten Jahre ist in ähnlichem Sinne zu einem wirtschaftlichen Spekulationsprojekt geworden. Da gestandene Spieler des europäischen Fußballs nicht mehr zu haben sind, weil sie eher für ein fürstliches Gehalt den Kaderplatz 25 bei den Top-20 der Champions-League einnehmen, sind die meisten Vereine darauf angewiesen im trüben zu fischen. Dies wird durch die Manifestation der Verhältnisse durch eine Ausweitung der Champions-League und eine zunehmende Planungssicherheit der europäischen Top-Vereine noch verstärkt. Die Kader werden weiter aufgebläht und die Trainingsspiele der großen Vereine sind in der Tat wohl auf einem höheren Niveau als ein Großteil des Fußballs in den europäischen Ligen. Es wäre nicht verwunderlich, dass daraus in den nächsten Jahren auch noch Kapital geschlagen wird und die Vereine innerhalb ihres Clubs noch eigene Meisterschaften ausrufen und diese gewinnbringend vermarkten. Schließlich wollen sowohl die eigenen Spieler und die unersättlichen konsumorientierten Fans befriedigt werden.

Die Mehrheit der Vereine hat sich entsprechend der Kaderpolitik der Großen des Geschäfts zu Zuarbeitern degradiert. Die Ausbildung von talentierten Profis zur Verstärkung der eigenen A-Mannschaft ist nur noch bedingt der logisch zielführende Weg der sportlichen Weiterentwicklung. Vielmehr wird versucht über die wirtschaftliche Rendite eine mühsame sportliche Entwicklung zu überspringen. Um dies zu erreichen, wird jedoch die eigene Emanzipation aufgegeben und sich den bestehenden Strukturen untergeordnet. Seit Jahren hat sich der portugiesische Fußball der spanischen Vereinspolitik untergeordnet und stattet seine Spieler mit absurden Ausstiegsklauseln aus. Die großen spanischen Vereine fühlen sich derweil durch diese Klauseln nicht eingeschränkt, sondern vielmehr animiert, diese Millionenbeträge im hohen zweistelligen Bereich zu berappen, weil diese gleichsam mit einer entsprechenden Schlagzeile verbunden sind. Die Strahlkraft des Vereins und der einhergehenden Marketingmaschinerie wird hierdurch ins Unermessliche gesteigert. Auf der Strecke bleiben die kleinen und mittleren Unternehmen – Pardon Vereine. Die Diskrepanzen wachsen, die Vereinsstrukturen werden ausgehöhlt und alle rennen dem schnellen Geld hinterher. Der zeitgenössische Fußball ist vergleichbar mit einem Aktienmarkt.

Auch wenn diese Entwicklungen und Zustände zu unserem gesellschaftlichen Alltag gehören, ist es doch befremdlich, wie diese Entfremdung vom Fußball durch den Branchenprimus Sky gefeiert wird. Heute ist wieder Deadline-Day und mit der Inszenierung wird der traditionellen Fußballvereinskultur ein weiterer Sargnagel verpasst. Der heutige Tag wird im fußballwirtschaftlichen Bereich wieder durch blinden Aktionismus gekennzeichnet sein und diejenigen Vereine, die sich daran nicht beteiligen, sind die Spielverderber des Geschäftsmodells. Die Transfers des Winters sind insbesondere aufgrund der fehlenden spielerischen und gemeinschaftlichen INtegration in die Mannschaften schwierig. Insbesondere für diejenigen, die kurzfristig heute verpflichtet werden und entsprechend als Heilsbringer dargestellt werden. Die entsprechenden Erwartungen sind eigentlich nur durch gestandene Profis zu erfüllen, die aber eben nunmal nicht zu haben sind. Ab und zu ist ein Glückstreffer dabei, aber dies stellt eben jene Ausnahme dar, die die Regel bestätigt. Dazu kommt: Die gerne als „Mondpreise“ titulierten Transfersummen, die im Winter aufgerufen werden, sind im vielfachen Fall labile Seifenblasen, die schon bald wieder platzen. Nur lernen die meisten nichts daraus und freuen sich schon auf die nächste Transferperiode, um erneut das Glück walten zu lassen. Eventuell findet sich ja dann wieder die Nadel im Heuhaufen, die sich nur ein Jahr später wieder verkaufen lässt. Schönstes Beispiel hierfür ist der Hamburger SV, der kontinuierlich überteuerten „Ramsch“ einfährt. Das Credo „Die Rendite ist alles“ führt meist zu einem sportlichen und wirtschaftlichen Niedergang. Nur den wenigsten ist der glückliche Aufstieg vergönnt. Daher sind es eben auch jene wirtschaftlich potenten Vereine, die in den letzten Jahren die Bundesliga anführen. Sie können sich die transferpolitischen Ausrutscher locker leisten, die die anderen ins Verderben stürzt.

Dass diese marktwirtschaftliche Kultur sich auch auf die Spieler und Mannschaften niederschlägt, liegt in der Natur der Sache. Welcher Spieler hat schon Lust sich zu integrieren und eine neue Sprache zu lernen, wenn er eh davon ausgehen (muss) nur anderthalb Jahre in einem trostlosen Stadion an einem Auobahndreieck zu verweilen. Der Identifikationsverlust im Fußball ist hausgemacht und die Inszenierung des Deadline-Days stellt die entsprechende mediale Perversion dar.

Axel Diehlmann

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