Dieses Mal konnte ich es nicht!

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Häufig hört man Dinge und spricht nicht aus, was man denkt. Man schluckt die hässlichen Worte herunter, um der Harmonie willen. Aber manchmal geht das einfach nicht.

von Björn Leffler

Da saßen wir also, in einer eigentlich vollkommen unkomplizierten Mittagspause, inmitten eines netten, eigentlich völlig unkomplizierten Gesprächs. Nur um uns Sekunden später vollkommen unversöhnlich gegenüber zu sitzen.

Was war passiert?

Es war eine gewöhnliche Mittagspause unter Kollegen, und meine Kollegin sinnierte über den sich anbahnenden Sommer 2016. Und was sie so alles zu unternehmen gedachte. Neben einigen Konzerten, Reisen hier und dorthin, Partyplänen, erwähnte sie fast beiläufig: „…ach und Fußball-WM ist ja auch wieder, cool dann feiern wir wieder auf der Fanmeile.“

Zuerst einmal korrigierte ich sie natürlich, dass wir keine WM, sondern eine EM in diesem Sommer haben würden. „Achso, ja… gut. Das ist ja eigentlich egal“, erwiderte sie.

Und Obacht! Das bis dahin nette, harmlose Gespräch driftete nun in seine gefährliche Phase. Ich sah sie an und sagte: „WENN wir etwas zu feiern haben.“ Eigentlich unwichtig, zu erwähnen, dass ich kein Mensch bin, der auf der Fanmeile auf der Straße des 17. Juni Fußballfeste feiert, aber es sei dennoch kurz angemerkt. Darüber aber konnte ich hinwegsehen.

Sie sah mich verständnislos an. Ich wusste natürlich, warum. Ihre Formel war einfach. WM = Deutsche Nationalelf = Schwarz Rot Geil. Ich dachte noch kurz, ach unterdrück es doch einfach, lass es einfach.

Aber dieses Mal konnte ich es nicht.

Ich sagte: „WENN wir etwas zu feiern haben. Das ist doch immer abhängig vom Ausgang des Spiels. Und man holt nicht jedesmal automatisch den Titel.“

Nun verstand sie. „Achsoooo… Naja, ob sie nun gewinnen oder nicht, das ist ja nicht so wichtig, Hauptsache wir können geil feiern.“

Meine Augenhöhlen verfinsterten sich zu düsteren Schießscharten. Ich dachte nochmal kurz darüber nach, es nicht zu sagen.

Aber dieses Mal konnte ich es nicht.

Ich setzte an. „Weißt Du, das ist genau das, was mich an diesen Turnieren stört. Es gibt Millionen von Leuten, die meinen, daraus eine einzige große Gaudi machen zu müssen, völlig unabhängig vom sportlichen Wettstreit. Von dem es aber nun einmal abhängen sollte, ob man sich freut oder nicht.“

Oha. Das konnte sie so natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Und sie kam mit dem Totschlagargument: „Jeder kann ja wohl Fußball schauen, wie er will!“ In diesem Moment dachte ich noch: lass es. Sag einfach „Ja, du hast recht. Sorry.“ Und gut ist.

Aber dieses Mal konnte ich es wirklich nicht.

Ich setzte an. „Weißt Du… während es dich überhaupt nicht kümmert, wie das Spiel, was wir da gerade ansehen, ausgeht und du schon überlegst, wo wir danach das Ergebnis (oder was auch immer!!) feiern gehen, habe ich bereits jeden Fingernagel meines Körpers abgenagt und zittere leidend dem Abpfiff entgegen – oder hoffe auf die eine, rettende Aktion, die uns doch noch in die nächste Runde oder ins Endspiel bringt.“

Sie wollte ansetzen: „Ach k…“ Aber ich unterbrach sie wüst: „Während du morgen schon gar nicht mehr weißt, gegen wen die Nationalelf überhaupt gespielt hat, brennt sich bei mir jede Minute dieses Spiels in meine fußballerische DNA ein. Und wenn wir ausscheiden, und du nach dem Spiel trotzdem feierst und dich am nächsten Tag einer anderen Freizeitbeschäftigung nachgehst, ist mein Herz wieder einmal gebrochen, und eine weitere schmerzhafte Niederlage wird einer langen Reihe von Nadelstichen hinzugefügt.“

Sie erwiderte: „Na nun übertreib mal nicht!“

Mit versteinertem Gesichtsausdruck monologisierte ich: „Bulgarien 1994. Kroatien 1998. Portugal 2000. Brasilien 2002. Tschechien 2004. Italien 2006. Spanien 2008. UND Spanien 2010. Italien 2012. Sagt dir das überhaupt was? Irgendwas??“ (Mittlerweile war ich laut geworden.)

„Nein, das sagt mir nichts, und ich will auch gar nicht wissen, wovon du redest! Wie kann man nur so verbissen sein?“

Sprach sie und ließ mich sitzen. Und ich, noch immer die Faust geballt, wusste, dass ich soeben die Pause vermasselt und auch das Verhältnis zu meiner Kollegin nachhaltig gestört hatte. Mist.

Aber es war dennoch richtig. Es musste einfach mal raus. Viel zu oft schluckt man sie herunter, die Wut über die widerliche schwarz-rot-goldene Feierkultur, die bei so vielen „Fans“ überhaupt gar nichts mit sportlicher Begeisterung und schon gar nichts mit Fachverstand zu tun hat. Und die, die wirklich mitfiebern, in Misskredit bringen.

So oft habe ich es runtergeschluckt. Es ertragen. Still innere Schreikrämpfe ausgehalten.

Aber dieses eine Mal konnte ich es nicht.

 

P.S.: Besagte Kollegin und ich haben trotz des Ausscheidens der Nationalmannschaft im Halbfinale bei der EURO 2016 heute wieder ein völlig normales Verhältnis 😉

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