Digitaler Kulturenkampf: Pro Evolution Soccer vs FIFA

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von Martin Lüthe

Während die europäischen Top-Profiligen aus dem Winter herausgekommen sind und Champions- und Europa League in die K.O.-Phase gehen, ist es die Zeit relativer Ruhe im Netz, dort, wo es um digitalen Fußball geht. Denn, wie jedes Jahr, folgt auch der spannende Konkurrenzkampf der beiden großen digitalen Fußballserien – Konami‘s Pro Evolution Soccer und EA Sports FIFA – einer eigenen saisonalen Logik: zum Saisonbeginn, der sich mit dem des nicht-digitalen Fußballs deckt, schicken für gewöhnlich Konami und EA Sports ihre beiden Spiele ins Rennen, mit reichlich Marketing, mit ausgiebigen Präsentationen auf dem Messezirkus und mit dem für die Gaming-Branche typischen Tamtam im Internet.

Auch im Gaming-Journalismus werden dann die Messer gewetzt, und jedes Portal schickt einen Schreiberling für einen Vergleich der beiden Spiele ins Rennen, wohl wissend, dass diese vergleichenden Beiträge mit Spannung erwartet werden und somit eine gewisse Aufmerksamkeit erzeugen: König Fußball zieht auch hier. Sobald die Spiele dann auch offiziell veröffentlicht sind, eben etwa im September, kommen die Spieler oder User zu Wort und dann wird es spannend; also nicht wirklich, aber vielleicht ein bisschen!

 

Spannend ist weniger, dass die Spieler Meinungen haben, welches das bessere oder schlechtere Spiel ist. Spannend ist vielmehr die Intensität, mit der die Debatte darum geführt wird. Spannend ist vielleicht auch das richtige Wort, denn verwunderlich ist es nicht wirklich, weil verschiedene Faktoren die Intensität der Debatte und sich gegenseitig befeuern.

Erstens, findet das Gros der Auseinandersetzung im Internet statt, diesem virtuellen Raum, bei dem man das Gefühl nicht los wird, dass hier besonders Jene zu Wort kommen, die man eigentlich am wenigstens hören will. Das Internet selbst hält für unterschiedlich aggressive Typen von Diskutanten ein Portfolio an Bezeichnungen bereit, und diese wurden natürlich nicht eigens für Fans des digitalen Fußballs erfunden. Kurzum also: auch die FIFA-PES Debatte folgt den Mustern der Internetdiskussion, für die oft eines sicher gilt: Eskalation, Beschimpfung und Verleumdung fühlen sich besser an als Kompromissbereitschaft und ernsthafte Reflektion.

Zweitens, reproduzieren natürlich die Fans der jeweiligen Serie auch die Polarisierung, die in diesen Zweikampf zweier Spiele quasi schon von vornherein eingeschrieben ist. Alles, was Konami und EA machen, tun sie natürlich immer auch mit Blick auf die Konkurrenz bzw. den einen, den einzigen Konkurrenten. Dies liefert dann auch die Steilvorlage für die Spieler, jedes der beiden Spiele schon immer auch durch den Konkurrenten zu denken. Ich selber, zum Beispiel, spiele PES und wie sollte ich nicht permanent daran erinnert werden, dass ich keine Bundesliga spielen kann – also keine schon vorab lizensierte – wenn ich doch genau weiß, dass das irgendwas mit EA und den exklusiven Lizenzvereinbarungen zu tun hat.

 

Ein dritter Faktor scheint mir aber ganz besonders entscheidend, nämlich die Tatsache, dass FIFA und PES mittlerweile einen eigenen Bereich innerhalb der Fußballkultur darstellen und die Debatte somit auch der Rhetorik und den Sprachmustern des Fußballdiskurses und der Fankultur folgt. Und das heißt natürlich, dass wir alle geneigt sind, unsere jeweilige Entscheidung für eines der beiden „Teams“ immer wieder – und auch für uns selber – zu plausibilisieren und gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen die eigene Leidenschaft auch rational begründbar zu machen. Jeder eingefleischte Dortmund-Fan weiß natürlich, wie schwer es ist, blau und weiß einfach als eine mögliche Farbkombination unter dem Himmel zu verstehen oder – Gott bewahre! – dieser Kombination gar ästhetisch etwas abzugewinnen.

Durch die extreme Zuspitzung auf die zwei großen Anbieter stellt sich Jahr um Jahr ein ähnlicher Effekt ein, also gewissermaßen der „Derby-Effekt“. Bei in Serie erscheinenden digitalen Spielen stellt sich dann zusätzlich die Gewöhnung an eine der digital entworfenen Welten ein: die „engine“ des Spiels, also das physikalische Erleben der programmierten Welt, auch die Ballphysik, die im motion-capture erfassten Spielermodelle, die Stadien, Trikots, sowie die jeweils eigenen Spielmodi und Menüdesigns mögen sich gar nicht mehr in dem Maße unterscheiden wie unsere Gewöhnung an eine dieser Welten uns vermuten lässt. Dortmund und Schalke sind ja auch nur zwei – mehr oder weniger – professionell geführte und strukturierte Fußballvereine im Ruhrpott. Nur, zugegeben, es macht halt wenig Sinn, so darüber nachzudenken, weil unser Erleben hiervon ein ganz anderes ist.

Und somit ist es dann doch mehr als nachvollziehbar, dass die Anhänger von FIFA den Professionalismus des Branchenprimus, die Spannweite der Lizenzverträge und die überzeugende, detailgetreue Darstellung des Stadionerlebnisses Fußball als Fans feiern und als Spieler zu schätzen wissen, während die deutschen Fans von PES sich wohl fühlen in ihrer Rolle als Fans des Underdogs, als kleiner und familiärer Kreis von Bastlern und „wahren Kennern“ der ambitionierten digitalen Simulation, für die sich schon im Wort Simulation die ganze Ernsthaftigkeit ihres Engagements ausdrückt. Eines jedoch gilt sowohl für die FIFA Serie als auch für PES, was man über den wahren Fußball nie sagen darf, ohne zu recht dafür im hohen Bogen aus der Fankurve geworfen zu werden: Leute, es ist doch nur ein Spiel!

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