„Du fühlst Dich wie Kunstrasen“

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kunstrasen

Die ewig junge Diskussion, fast so leidenschaftlich geführt wie der Streit um passives Abseits: Naturrasen oder Kunstrasen – welches ist der bessere Untergrund, um darauf Fußball zu spielen? Eine Grundsatzdiskussion, eine Glaubensfrage, eine Weltanschauung. Vor allem in Berlin zeigen sich die Vor- und Nachteile von Kunstrasen in den unterschiedlichsten Facetten. Versuch einer Situationsbeschreibung.

von Björn Leffler

Der erste Kunstrasen der Welt wurde bereits 1966 in den U.S.A. verlegt – im Astrodome in Houston, auf einem Baseballfeld. Allerdings handelte es sich hier eher um eine Notlösung: aufgrund einer Fehlplanung beim Bau des neuen Stadions wuchs der Naturrasen nicht wie gewünscht. Lösung war eine Kunsttorfmatte, die mit dem natürlichen Rasen nur die Farbe grün gemein hatte.

Als Franz Beckenbauer und Pelé Ende der 70er Jahre gemeinsam für Cosmos New York auf Torejagd gingen, wurde dort bereits fast ausnahmslos auf Kunstrasen gespielt. In Deutschland hielt Kunstrasen erst deutlich später Einzug. Berlin ist – im Vergleich mit anderen Ballungszentren Deutschlands – ein wahres Kunstrasenmekka. Beispielsweise wird in Hamburg oder in weiten Teilen Nordrhein Westfalens überwiegend noch auf Asche oder Naturrasen gekickt. In der Hauptstadt hingegen lernt der Amateur- und Freizeitkicker sehr schnell, dass es hier in Sachen Spielbelag – mit wenigen Ausnahmen – nur eine Währung gibt, und die heißt: Kunstrasen!

Kunstrasen ist nicht gleich Kunstrasen!

Natürlich ist Kunstrasen nicht gleich Kunstrasen. Die Unterschiede sind mitunter frappierend. Häufig hängt die Qualität des Belages allein davon ab, wann der Rasen verlegt worden ist. Während die neueren Modelle, mit Gummigranulat aufgefüllt, mehrschichtig gepolstert und mit langen Kunststoffhalmen ausgestattet, einem natürlichen Boden fast ebenbürtig
sind (zuletzt wurde die komplette Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada auf eben diesem Belag gespielt), gleichen die ersten Modelle aus den 70er und 80er Jahren eher einer ausgetretenen Auto-Fußmatte.

Mittlerweile ist aus einer Nischenbranche ein florierender Wirtschaftszweig geworden. Dies hängt auch mit der Entwicklung des Produktes Kunstrasen zusammen. Die neuesten Modelle haben eine Beschaffenheit, die der von Naturrasen sehr nahe kommt. Noch allerdings liegen auf Berlins Sportplätzen die verschiedensten Arten von Kunstrasen, einige scheinen seit über dreißig Jahren nicht mehr erneuert worden zu sein. Immer wieder kommt es vor, dass man als Spieler von einem völlig neuartigen, bislang unbekannten Kunstrasenbelag überrascht wird.

Für die Heimmannschaft kann ein besonders skurriler und ungewöhnlicher Kunstrasenplatz natürlich ein großer Vorteil sein. Bis die Gastmannschaft sich auf die ungewohnt stumpfe, harte oder rutschige Kunststoffbürste eingestellt hat, kann es schnell zwei oder drei zu null stehen.

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Gegen Kunstrasen

In einem seiner bekanntesten Sketche („Die fünf Stufen des Alkoholgenusses“) berichtet Komiker Jürgen von der Lippe davon, wie er zu fortgeschrittener Stunde und mit reichlich Bier betankt, leidenschaftlich über Kunstrasen debattiert. Er ist dagegen.

Den Berliner Kunstrasen-Skurrilitäten scheinen ebenfalls kaum Grenzen gesetzt zu sein. Da tun sich knöchelhohe Quarzsandberge auf, ganze Rasenstücke fehlen und bilden gefährliche Kuhlen, einzelne Kunstrasenbahnen lösen sich, der Platz hat (vor allem im Winter) die Beschaffenheit einer Betonplatte oder das Rasenprofil ist aufgrund der jahrelangen Abnutzung auf dem Niveau rumänischer LKW Reifen.

Legendär sind auch die Verletzungen, die man sich auf dem unnatürlichen Geläuf zuziehen kann. Jede Grätsche – das weiß jeder Vorstopper Marke „Eisen-Hannes“ zu berichten – kann zu kriegsverletzungsähnlichen Hautabschürfungen führen. Dreh- und Abstoppbewegungen lassen Gelenke und Sehnen innerhalb von Minuten um Jahre altern. Und jeder Amateurfußballer weiß um die Rutschgefahr der üblichen Abflussgitter am Rande der Kunstrasenplätze.

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Für Kunstrasen

In besagtem Sketch sitzt Jürgen von der Lippe Stunden später noch immer in der Kneipe seines Vertrauens. Nach einigen weiteren Gläsern Bier diskutiert er immer noch über Kunstrasen. Nun ist er dafür.

Argumente für Kunstrasen gibt es natürlich ebenso viele. Keine Wildschweinherde kann mehr den liebevoll gepflegten Rasenplatz innerhalb von Minuten zum Gemüseacker umpflügen. Teure Saat- und Düngervorräte werden nicht gebraucht. Rasenmäher, Linienkalk, Bewässerungsanlage, Platzwart – all diese kostspieligen Utensilien sind mit der Einführung des chemischen Ersatzrasens praktisch überflüssig geworden.

Den Vereinen spart dies eine Menge Geld und ermöglicht es ihnen zudem, große Flächen für den Spiel – und Trainingsbetrieb nutzbar zu machen. Die Belastbarkeit eines Kunstrasens übersteigt bei weitem die Lebensdauer eines Zwergkaninchens, die Robustheit eines Traktorreifens und die Winterresistenz des Berliner Straßenbelages.

Dem handelsüblichen Kunstrasen kann eigentlich nichts etwas anhaben – es sei denn, man macht sich mit Flammenwerfer und Kettensäge ans Werk. Dieser Fall jedoch ist dann sicher in den Garantieleistungen des Herstellers abgesichert. Doch nicht nur die Robustheit des Plastikrasens spricht für ihn; keine Maulwurfshügel, Grasbüschel, fiese Steinchen im Boden oder sinuskurvenartige Erdgefälle stören das Rollen und Prallen des Balles. Dies macht es den Spielern aber auch immer schwerer, Ausreden für technische Fehler und Unzulänglichkeiten in der Ballbehandlung zu finden – am ebenen Kunstgrün kann es ja nicht gelegen haben.

Ganz gleich, ob man nun Befürworter oder Gegner des künstlich gefertigten Grüns ist, in Berlin jedenfalls kommt man daran schlichtweg nicht vorbei. Es gibt praktisch kaum eine Sportanlage im Stadtgebiet, die nicht über mindestens einen Kunstrasenplatz verfügt – meist als Trainings- oder Ausweichplatz für die Naturrasenplätze, welche üblicherweise den Pflichtspielen der Männermannschaften vorbehalten sind.

Eine Trendwende dieser nun seit Jahrzehnten voranschreitenden Entwicklung ist nicht abzusehen. Selbst im Profifußball hat der Kunstrasen mittlerweile Einzug gehalten, einige Vereine experimentieren seit einigen Spielzeiten mit einer Mischung aus Kunst- und Naturrasen.

Ein Aspekt des modernen Fußballs, an das sich auch ausgemachte Fußballnostalgiker wohl oder übel gewöhnen werden müssen – ob sie wollen oder nicht.

Kurz vor Ende seines Alkoholdeliriums – noch immer sitzt Jürgen von der Lippe in Zapfhahnnähe – charakterisiert er kurz seine körperliche und geistige Verfassung:

„Du fühlst dich wie Kunstrasen!“

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

 

Es sei denn, man möchte sich zum Thema Kunstrasen noch weiter informieren, dann helfen die Erklärkünstler der „Sendung mit der Maus“ gern weiter!

 

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