Ein neues Idol: Birkir Bjarnason

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Die Süddeutsche Zeitung titulierte ihn als Schrecken Cristiano Ronaldos. Der Isländer Birkir Bjarnason war wohl der aufmüpfigste unter den aufmüpfigen Isländern im ersten Gruppenspiel gegen die wie gewohnt gestriegelten Portugiesen. Der Torschütze zum Ausgleich ist der Prototyp des leidenschaftlichen Stirnbietens gegen die auf Hochglanz polierte Beletage des Weltfußballs.

Am Ostkreuz in Berlin brandete Jubel auf, als Island kurz nach der Halbzeit gegen Portugal den Ausgleichstreffer markieren konnte. Der Torschütze Birkir Bjarnason drehte derweil ab und jubelte ausgelassen mit seinen Team-Kameraden unter betörendem Jubel der isländischen Fangemeinde. Nach einer intensiven Partie trennten sich die beiden Teams mit 1:1 und ebneten den Weg für die wunderschönen Geschichten im Umfeld von überraschenden Erfolgen von Außenseitern gegen den vermeintlich haushohen Favoriten. Es war das erste Tor Islands bei einer Endrunde und steht somit symbolisch für die Etablierung des isländischen Fußballs in Europa. Birkir Bjarnason war mit seinem Tor und insbesondere seiner Spielweise maßgeblich beteiligt. Die isländische Nationalmannschaft hat den Status des Außenseiters zugunsten des Underdogs abgelegt und dabei war diese noch vor 13 Jahren ein Spiegelbild der Biederkeit des deutschen Fußballs.

Der 06. September 2003 schrieb eine der wohl bekanntesten Fußball-Anekdoten der jüngeren Vergangenheit. Nach einem 0:0 der deutschen Nationalmannschaft beim krassen Außenseiter Island im Rahmen der EM-Qualifikation wurde der scheinbar etwas gereizte Nationaltrainer Rudi Völler durch die Berichterstattung der Herren Delling, Netzer und Hartmann zum rhetorischen Ausbruch getrieben.

„Aber ich kann diesen Käse nicht mehr hören! Und bei jedem Spiel, wenn wir kein Tor geschossen haben, ist dann noch ein tieferer Tiefpunkt, als wir eigentlich schon hatten. So einen Scheiß. … Das ist für mich das Allerletzte. Muss ich ehrlich sagen.In welcher Welt lebt ihr denn alle? … Ihr müsst doch mal von eurem hohen Ross runterkommen. Was ihr euch immer alle einbildet, was für einen Fußball wir in Deutschland spielen müssen. … Früher, der Günter (Netzer), was die für’n Scheiß gespielt haben. Die haben doch Standfußball gespielt!

Rudi Völler war Nationaltrainer einer Mannschaft, die gespickt war mit den Herren Ramelow, Böhme und Janker – er war also Kummer gewöhnt und leicht auf die Palme zu bringen. Auch war er nachvollziehbar davon überzeugt, dass es keine „Kleinen“ im Fußball mehr gäbe und eine Berichterstattung, die diese Mannschaften nicht ernst nehme einem überholten Chauvinismus gleichkomme. Dementsprechend sensibel reagierte er auf die Anspruchshaltung der Medien. Legendär wurde seine Wutrede dann durch einen Kommentar zur Rolle Waldemar Hartmann bei der Berichterstattung, der diesem sogar einen lukrativen Werbevertrag eingebracht hat: „Du sitzt hier locker bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken und bist schön locker.“

Island sei Dank, dass wir dies erleben durften. Während die deutsche Nationalmannschaft nach einem erneuten Tiefpunkt bei der Europameisterschaft 2004 durch Jürgen Klinsmann und Joachim Löw übernommen wurde und innerhalb eines Jahrzehnts mit Hilfe einer neuen Generation außerordnetlich guter Fußballer an die Weltspitze zurückgebracht wurde, entwickelte sich insgeheim auch der isländische Fußball weiter. Nahezu klammheimlich wurden ansehnliche Ergebnisse in den Qualifikationsrunden eingefahren, auch wenn die Teilnahme an einer Endrunde bis zu dieser EURO nicht vergönnt war. In der Qualifikation zum Turnier in Frankreich bekamen es nun aber unter anderem die Niederländer bitter zu spüren, dass Island inzwischen eine ernstzunehmende Fußballnation geworden ist. Mit 1:0 und 2:0 setzten sich die Mannen um Sigurdsson, Finnbogason und Bjarnason gegen die Niederlande durch und qualifizierten sich als Gruppenzweiter hinter Tschechien für ihr erstes großes Turnier.

Beim Spiel Island gegen Portugal trafen Welten aufeinander. Auf dem Platz wie auch auf den Tribünen. Die martialisch wirkenden Gesänge der lustigen Isländer trafen dort auf den melodischen Fado der Portugiesen. Auf dem Platz trafen fein herausgeputzte Herren mit gegelten Frisuren auf bärtige, langhaarige Typen mit Baumfäller-Attitüde. Die einhergehende Umdeutung der Erscheinung auf den jeweiligen Spielstil ist dabei mit wenigen Ausnahmen zutreffend. Wäre der portugiesische Abwehrrecke Pepe nicht so ein absurder Schauspieler und Provokateur könnte man ihn glatt für einen Isländer halten. Das isländische Kollektiv überzeugte derweil mit Dynamik, Entschlossenheit, intelligenter Zweikampfführung und Einsatzwille. Die technischen Fähigkeiten waren denen der Portugiesen zwar unterlegen, aber das zählt im Zweifelsfall eben alles nicht so viel. Im großen Kollektiv stach einzig Birkir Bjarnason hervor, der unermüdlich mit wallender Mähne den Ball in Richtung portugiesischen Kasten trieb. Seine Belohnung hat der Gegensatz zu Typen wie Cristiano Ronaldo mit dem punkteinheimsenden Tor erhalten. Birkir Bjarnason positionierte Island auf der großen Fußballbühne.

Axel Diehlmann

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