Eine Insel in Aufruhr

Veröffentlicht am Veröffentlicht in STADT(t)räume

Die isländische Nationalelf hat Europa beeindruckt und wurde nach dem Viertelfinal-Aus bei der EM-Endrunde in der Heimat euphorisch empfangen. Die Isländer haben nun vollends ihre Liebe zum Fußball entdeckt und feiern das Überraschungsteam, welches darüber hinaus die Sympathien Europas eingeheimst hat, wie einen wahren Champion. Der obligatorische Doppeldecker-Bus manövrierte sich durch die Straßen Reykjaviks, welche als niedliche nordische Kulisse eines Prozessionswegs herhielten. Angekommen am Ort des mittlerweile europaweit bekanntgewordenen Platz namens Ingolfstorg wurde die Mannschaft, die gentlemanlike sich der freudestrahlenden Menge präsentierten, mit dem Chant der EURO beklatscht. Weil es trotz der allmählichen Verwässerung durch den impressiven Rhythmus übernehmende konkurrierende Fanlager verdammt beeindruckend ist, hier das Video:

Angesichts dieser Bilder scheint da etwas am Erwachen zu sein. Das rhytmische Klatschen suggeriert, dass dort ein schlafender Riese erweckt werden soll, ähnlich wie King Kong, der zur Opfergabe herbeigerufen wird. Auch das berühmte Jurassic-Park-Glas mit der konzentrischen Wellenbildung des Wassers ließe sich auf die gewaltige Choreographie der Isländer zurückführen. Island ist jedenfalls mit Hammerschlag und Stimmgewalt auf der europäischen Fußballbühne aufgetaucht.

Auch wenn die Mannschaft erst bei der diesjährigen EURO richtig Geschichte geschrieben hat, lohnt sich natürlich ein Blick hinter die Kulissen. Die isländische Fußballausbildung macht aus der „Not“ eine sehr geringe Bevölkerungsanzahl zu haben eine Tugend. Kaum irgendwo in Europa ist der Ausbildungsschlüssel derart gut für die Kinder im Fußballtraining. Trotz der Witterungsbedingungen gibt es hervorragende Trainingsbedingungen und gut ausgebildete Trainer; neue Fußballplätze wurden flächendeckend in Nachbarschaft zu Schulen gebaut. So gut wie jeder Fußballclub Islands verfügt über eine eigene Sporthalle, um auch im tiefsten Winter zu trainieren. Die Förderung schlug sich in Quantität und Qualität nieder. Im Jahr 2012 war Island noch auf Platz 133 der FIFA-Weltrangliste, heutzutage ist die Nationalmannschaft im erweiterten Kreis des europäischen Fußballs etabliert.

Nicht zuletzt ist es offenbar die Mentalität der Isländer, die sie zu solchen Leistungen befähigt. Auch im Handball sind die Isländer trotz einer geringeren Auswahl an Spielern absolute Weltklasse, während die Basketballer zumindest in Europa mithalten können. Inzwischen gesellt sich der Fußball mit aller Austrahlungskraft hinzu. Die besondere Sympathie für die isländische Mannschaft begründet sich auch in den unprätentiösen Charakter, der auch mit dem Status des Halb-Profis zu tun hat. Wer sich nicht nu auf den Fußball konzentriert, sondern nebenbei auch noch ernsthafte Berufe ausübt, sieht den Fußball als das, was er ist: die schönste Nebensache der Welt, die mit aller Leidenschaft aber ohne selbstzerstörerische Verbissenheit ihre Großartigkeit entfaltet.

Wir sind jedenfalls dankbar für den isländischen Auftritt auf der so durchinszenierten Fußballbühne und wünschen uns für die Zukunft noch mehr dieser Charakterköpfe mit der puren Freude am Spiel und der Magie der fußballerischen Gemeinschaft. Wir werden es begleiten mit einem demonstrativen HUH ! Den Abschied von der EURO nutzen wir um euch noch ein paar Impressionen des isländischen Fußballs zu bieten, die unser Herz erwärmen…

Level Playing Field

Panaorama

Fylkir football field in Reykjavik

Axel Diehlmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.