Eine SMS zum Abschied

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Henrik Mkhitaryan hat Schluss gemacht mit Borussia Dortmund. Per SMS. „Ich wechsele zu Manchester United“ soll der reduzierte Inhalt der Textnachricht sein, die beim Trainer Thomas Tuchel eingegangen sein soll. Eine Zweckehe findet nun ihren entsprechenden Abschluss.

Es war im Frühjahr 2013 als die Ankündigung des Wechsels von Mario Götze zum FC Bayern München die gerade so wunderbar erscheinende  Fantasiewelt des BVB ordentlich ins Wanken brachte. Der Legende der befreundeten Jungspunde folgend fegte die Mannschaft damals infolge von zwei deutschen Meisterschaften durch die europäischen Stadien. Borussia Dortmund war in ungeahnte Dimensionen vorgestoßen und sah sich schnell mit einer neuen Anspruchshaltung konfrontiert. Neben dem emotionalen Riss, die der Transfer Götzes auslöste, war insbesondere das entstehende sportliche Vakuum zu füllen. Hierbei erinnerte sich die Troika Klopp-Watzke-Zorc alsbald an Henrik Mkhitaryan von Schachtjor Donezk, der im Achtelfinale der damaligen Champions-League-Saison gegen Dortmund antrat und im Verbund mit Douglas Costa und Dario Srna die Mannschaft des BVB vor einige Probleme stellte.

Der junge Armenier bestach mit Spielübersicht, Schnelligkeit und Präzision – ein Mann wie gemacht scheinbar für das Kloppsche System. Die Verhandlungen stellten sich damals als Hängepartie heraus. Das finanziell absurd stark aufgestellte Schachtjor Donezk und der Spielerberater Mina Raiola pressten jeden einzelnen Euro aus Michael Zorc heraus, den sie auch nur ansatzweise in seinem Blick wähnten. Mkhitaryan wurde nicht zuletzt dadurch zum Rekordtransfer von Borussia Dortmund und sah sich einhergehend mit der Titulierung als Götze-Nachfolger einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt. Dieser konnte er zunächst auch weitestgehend – inklusive kleinerer Startschwierigkeiten – entsprechen. Das fußballerische Können war von Anfang an offensichtlich, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Mkhitaryan für den BVB die ganz großen Momente bescheren würde.

Im Viertelfinale der Champions-League 2013/14 sollte es zu einem solchen Moment kommen. Real Madrid war zum Rückspiel nach Dortmund angereist mit einem 3:0-Erfolg im Gepäck und wähnte sich entsprechend sicher. Cristiano Ronaldo saß auf gut gelaunt auf der Bank und verfolgte eine Partie, die den Königlichen vollkommen aus den Händen glitt. Schnell stand es 2:0 für den BVB nach zwei Toren von Marco Reus und Real Madrid fand einfach nicht ins Spiel zurück. Es roch derart nach Verlängerung, dass auf den Tribünen die Zuversicht auf einen weiteren legendären Moment gegen Real ins Unermessliche stieg. Die Euphorie war genauso groß wie die Fallhöhe. Mitte der zweiten Halbzeit hatte Borussia Dortmund die Abwehrreihe um Ramos und Pepe erneut überspielt, der Ball kam zu Mkhitaryan, der Iker Casillas umkurvte und den Ball Richtung leeres Tor schob. Die Zuversicht war in diesem Moment jedoch größer als die Präzision. Der Ball trudelte an den Pfosten und versetzte ein ganzes Stadion in Schockstarre. Der BVB verlor den notwendigen gehoben Spielfluss und schied gegen die Madrilenen aus.

Das Ausscheiden gegen Real Madrid, das verweigerte Tor im DFB-Pokalfinale 2014 und der Wechsel Robert Lewandowskis ebenfalls zu den Bayern waren ein Dreiklang der Enttäuschungen, der die Abwärtsspirale der Saison 2014/15 und das Ende der Ära Jürgen Klopps einleitete. Der verkopfte Fußballer Mkhitaryan ließ sich wie so viele von der negativen Atmosphäre anstecken und  verlor zuerst seine Durchsetzungskraft und dann sein Selbstvertrauen, dass ohnehin dank der Situation gegen Real stark in Mitleidenschaft gerissen wurde. Nun setzten die üblichen Prozesse einer vermeintlichen Spitzenmannschaft während einer enttäuschen Saison ein. Die Arrivierten werden als „über den Zenit“ tituliert und die neueren als „Fehleinkäufe“ abgestempelt, was auch Mkhitaryan betraf und ihm erste Wechselgedanken beschert haben dürfte. Ein Abgang damals und kaum einer hätte ihm eine Träne nachgeweint. Er wäre in die Geschichtsbücher eingegangen als gescheitertes Talent.

Jürgen Klopp beendete damals die Diskussion über eine Neuausrichtung der Mannschaft mit seinem Rücktritt vom Trainerposten beim BVB. Der „große Kopf“ musste weg, um neue Kräfte freizulegen ohne die Gesamtstruktur der Mannschaft infrage stellen zu müssen. Diese Taktik sollte aufgehen. Der Nachfolger Thomas Tuchel versetzte Borussia Dortmund mit einer veränderten Taktik und einem neuen Geist sofort wieder in die Lage auf höchstem Niveau Fußball zu spielen. Einer der von der veränderten Idee und Ansprache insbesondere profitierte war Henrik Mkhitaryan, der zum Top-Scorer der Bundesliga avancierte. Seine Schnelligkeit, seine Spielübersicht, seine Präzision wurden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren. Mkhitaryan wurde nun als Kopf der Mannschaft herzlich geliebt von Fans und Umfeld, den verunsichernden Liebes- und Selbstvertrauensentzug des vorherigen Jahres wird er dabei jedoch nicht vergessen haben.

Dementsprechend ist der Vereinswechsel nun auch keine großartig emotionale Angelegenheit für den Armenier. Seine Tauglichkeit für die Bundesliga hat er dank des letzten Jahres mehr als bewiesen, die traumwandlerische Leidenschaft für den BVB konnte er nicht mehr spüren. Das letzte Jahr war eine Zweckehe zwischen Mkhitaryan und dem BVB, bei der es beiden Seiten darum ging, sich selbst und gegenseitig zu beweisen, dass man für Höheres berufen ist. Dieser Anspruch wurde fast auf die Spitze getrieben, erfuhr jedoch mit Enttäuschungen im DFB-Pokalfinale und im UEFA-Cup gegen Liverpool eine dramatische Abfuhr. Sinnbildlicher konnte die Zeit des Armeniers bei Borussia Dortmund nicht beendet werden – aller sportlichen Entwicklung unter Thomas Tuchel zum Trotz. Nun ging es nur noch darum, eine neue Inspiration und sportliche Herausforderung zu finden.

Nun geht es also zu Manchester United, einem der größten und ausstrahlungskräftigsten Vereine des Weltfußballs, der nun mit Hilfe des neuen Trainers José Mourinho auch noch mit Zlatan Ibrahimovic anbändelt. Da spielt die dürftige letzte Saison der Red Devils, die lediglich zur Qualifikation zur Europa-League reichte, nur noch eine untergeordnete Rolle. Manchester United ist nun ein und alles, Borussia Dortmund und die deutsche Bundesliga stellte sich in den letzten drei Jahren als Zwischenstation heraus auf dem Weg zur Beletage des Fußballgeschäfts. Im legendären Old Trafford erwartet Mkhitaryan den Glanz der Historie und die Verheißung einer glorreichen Zukunft – neben dem großen Geld natürlich.

Das große Geld ist es nun auch, dass dem bevorstehenden Wechsel seine entscheidende marktwirtschaftliche Komponente verleiht und die entsprechende Nüchternheit der beiderseitigen Beziehung herausstellt. Für Fußballromantik ist zwischen dem BVB und Mkhitaryan kein Platz – es war lediglich ein Erfolgsrezept. Mkhitaryan wollte weg und seine Zukunft nicht indirekt an die von Mats Hummels und Ilkay Gündogan gebunden sehen, was Hans-Joachim Watzke mit seinem Ausschluss, dass alle drei den Verein verlassen würden, im Frühjahr getan hatte. Mkhitaryan musste sich dementsprechend in Sippenhaft sehen, was eventuell auch zu Einschränkungen der sportlichen Entschlossenheit geführt hat. Im Elfmeterschießen des DFB-Pokalfinals ließ er Sokratis und Bender den Vortritt anstatt als abschlussstarker Spieler die Verantwortung zu übernehmen und selbst anzutreten. Thomas Tuchel nahm ihm infolge der Niederlage diese Haltung vor versammelter Presse übel. Ohne direkt seinen Namen zu nennen, war der Verweis auf ihn offensichtlich und der stille Armenier hatte in diesem Moment seinen größten Unterstützer verloren. Der Wechsel, der schon eine Weile im Kopf herumgeschwirrt haben dürfte, war spätestens in diesem Moment vorprogrammiert.

Nun begann der Rosenkrieg, der insbesondere durch seinen abgezockt polternden Spielerberater Raiola geführt wurde. Der Spieler habe schon längst die Zusage im Sommer zu wechseln und Manchester United sei sein Traumverein, betonte Raiola in aller Öffentlichkeit. Watzke wollte derweil von dieser Vereinbarung nichts wissen und pochte gelassen auf die Vertragssituation, die Mkhitaryan noch ein weiteres Jahr in Dortmund sah. Es war das gewohnte Klappern des Geschäfts, bei dem es eigentlich nur noch um die Höhe der Ablöse ging. Mkhitaryan drängte derweil so sehr auf eine Auflösung seines Vertrages, dass unlängst das Gerücht umging, er hätte ein Teil der nun von United angebotenen überaus überzeugenden Ablösesumme von über 40 Millionen selber bezuschusst. Das Kapitel Dortmund war für ihn lange beendet – schon im März kündigte er offenbar seine Wohnung in der Nähe von Dortmund. Nichts konnte seine Haltung nun mehr symbolisieren als eine reduzierte SMS mit einer einfachen Information, die jede Diskussion oder Konfrontation mit Verein, Mannschaft und Trainer ausschließt. Beide Parteien trennen sich nun friedlich und zufrieden und höchstwahrscheinlich trotz eher dürftigem Ende mit aufrichtigem Dank. Eine wankelmütige Zeit hat ein nüchternes Ende gefunden. Dem faden Beigeschmack könnte nun eine Rückkehr Mario Götzes ordentlich Schärfe verleihen.

Axel Diehlmann

 

 

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