Glaube und Aberglaube in Minute 94

Veröffentlicht am Veröffentlicht in 87. Minute

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Fußballfans sind beides, gläubig und abergläubisch. Wenn beides zusammenfällt, führt das zu einer ganzen Reihe von Ritualen und Marotten. Über den Umgang mit seinen eigenen Macken und dem Versuch, sie zu überwinden.

von Björn Leffler

Wissenschaftler haben herausgefunden – ein Satz, mit dem ich immer schonmal einen Artikel beginnen wollte – dass Menschen in ihrem alltäglichen Tagesablauf nur sehr selten von ihren Gewohnheiten abweichen. Vor allem morgens folgt jede Handlung einem immer wiederkehrenden Muster, welches zu jedem Tagesbeginn nahezu identische Handlungen hervorruft.

Als ich diese Information auf mich selbst projizierte, fühlte ich mich von der Wissenschaft wieder einmal entlarvt. Auch meine morgendlichen Abläufe sind von fast furchteinflößender Gleichheit. Und so ist es auch beim Besuch von Hertha-Heimspielen. Wenn ich mich durch die Reihe gedrängelt habe, drücke ich erst meinen Vater und dann meine Mutter kurz an mich, um mich dann an ihnen vorbei auf meinen Platz mit der Nummer 16 zu schieben und den Rucksack unter dem Klappsitz zu verstauen.

Unsere Sitzreihenfolge ist immer dieselbe. Rechts neben mir sitzt meine Mutter auf der 15, auf der 14 mein Vater, daneben Peter und Bernd, zwei langjährige Freunde von uns, die wir irgendwann vor etwa zehn Jahren bei Hertha kennengelernt haben.

Vor mir sitzt Andreas, gemeinsam mit mir einer der lautesten Schreihälse im Block. Begleitet wird er fast immer von seinen zwei Töchtern, die ich im Laufe der letzten fünfzehn Jahre habe aufwachsen sehen, und einer stark schwankenden Zahl von Bekannten. Nicht selten besetzen zehn seiner Freunde die Reihe vor uns, zu bitterkalten Mittwochabend-Spielen hingegen kommt er auch mal allein.

Wenn an dieser Konstellation irgendetwas verändert wird, ist das grundsätzlich schon mal ein schlechtes Omen.

Glaube und Aberglaube spielt für Fußballfans eine große Rolle. Und ich habe nun, im Alter von 33 Jahren, immerhin einige Teiletappen auf dem Weg zum etwas weniger manisch ausgeprägten Konsum von Herthaspielen gemeistert.

Ich habe zum Beispiel aufgehört, für Spiele meines Vereins zu Gott zu beten. Vor allem vor wichtigen Spielen habe ich früher in meinem Zimmer gekniet und die blauweiße Fahne geküsst, während ich mit gefalteten Händen um göttlichen Beistand gebeten habe. Ich war natürlich immer bedacht, dies nur zu tun, wenn mich auch wirklich niemand sieht. Übertrieben fand ich das allerdings keineswegs. Es ging schließlich um Hertha BSC.

Aber auch im Stadion konnte ich dann irgendwann nicht mehr davon ablassen und habe vor allem in kritischen Situationen ständig den Blick nach oben gerichtet und meine gefalteten Hände geküsst, wenn der Gegner einen Freistoß oder eine Ecke gefährlich vor unser Tor brachte.

Ich weiß nicht mehr genau, welches Ereignis ausschlaggebend war – irgendwann entschied ich, den Herrgott nicht mit Banalitäten wie Eckstößen oder dem Topspiel am Samstagabend zu nerven.

Wer weiß, vielleicht braucht man den Beistand an anderer Stelle ja mal viel nötiger – und dann hat man alles schon aufgebraucht für ein 1:0 gegen Arminia Bielefeld. Da muss man schon abwägen.

So ähnlich wie mit dem Glauben ist es auch mit dem Aberglauben. Auch hier konnte ich die Zahl der Rituale, die ich hegte und pflegte, zumindest reduzieren.

An Spieltagen zog ich immer zuerst den linken Schuh an. Die Dauerkarte musste immer in die linke Brusttasche, das Stadionheft wurde zwar gekauft aber erst nach dem Spiel gelesen.

Niemals durfte man ein Kleidungsstück auftragen, welches die Farben des Gegners zeigt oder ihnen zumindest nahe kam. Und über einen anderen Eingang als den üblichen ins Stadion zu gehen – daran durfte nicht einmal gedacht werden. Und hatte man sich für ein Spiel so richtig mollig winterlich angezogen (mit vier Pullovern übereinander) und merkte dann plötzlich, dass die Temperaturen auf kaum erträgliche 15 Grad gestiegen waren, durfte das Outfit bei einem positiven Zwischenstand nicht verändert werden. Da musste dann eben für die drei Punkte geschwitzt werden.

Den größten Aberglauben allerdings setzte ich in eine blauweiß geringelte Bommelmütze, die ich in der Saison 1997/98 erworben hatte und noch immer wie einen dritten Augapfel hüte.

In kritischen Situationen – einem 0:1-Rückstand zur Halbzeit etwa – wurde dann die Mütze aus dem Rucksack geholt und aufgesetzt. Diese Mütze besitzt nahezu magische Kräfte. Eine unglaubliche Zahl von Spielen haben wir noch herumgerissen, nur weil ich in den entscheidenden Situationen die Mütze aus dem Rucksack geholt habe. Sie war aber wirklich nur für Notfälle gedacht – oder aber um bei Minus zwei Grad das Erfrieren meiner Ohrmuscheln abzuwenden.

Die Mütze kam dementsprechend sowohl im Winter als auch im Sommer zum Einsatz – für den Erfolg war es ein lächerlich leicht zu bringendes Opfer.

Wenn ich mir den Absatz über den Aberglauben noch einmal so durchlese, muss ich gestehen, dass ich in dieser Hinsicht eigentlich doch nicht so viele Fortschritte gemacht habe.

Das mit dem linken Schuh sehe ich zwar mittlerweile nicht mehr ganz so eng, aber bei den restlichen Punkten hat sich bis heute eigentlich wenig verändert. Ich kehre es allerdings nicht mehr so sehr nach außen, in der Hoffnung, als verantwortungsbewusster Erwachsener wahrgenommen zu werden. Eine völlig törichte Erwartung, zumindest wenn man mich in den 90 Minuten des Spiels beobachtet.

Selbst die Mütze kommt von Zeit zu Zeit noch zum Einsatz, wenn auch nicht immer mit Erfolg. Leider. Aber man reizt stets die Mittel, die man zur Verfügung hat, voll aus. Das ist wie Fußball mit der Brechstange. Ab und an führt auch der ja mal zum Ausgleich in der 94. Minute.

Aber falls nicht, kann man sich selbst immerhin nicht vorwerfen, man hätte nicht alles versucht.

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