Kunst am Ball in den Käfigen der Stadt

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Wer den Käfig nicht ehrt, ist den Platz nicht wert. Es sind nur wenige Quadratmeter, die für viele von uns in der Jugend die Welt bedeuteten. In spielerischer Unendlichkeit wurden ganze Wochenenden auf dem Bolzplatz verbracht – die große Welt des Fußballs mit all ihren Geschichten war damals eher eine Randerscheinung. Was zählte war das Erlebnis auf dem Platz, das Erlebnis mit Freunden zusammen zu kicken und interessante taktische Grundordnungen zu entwerfen – einmal überraschten wir unsere Gegner mit einer akkurat geführten Abseitsfalle die mangels Linienrichter natürlich für Diskussionen sorgte. Darüber hinaus waren die Käfige aber insbesondere die Probebühne der wahnwitzigen Techniken der Stars des Fußballs. Die für viele gängigste aber auch oberste technische Feinheit war der Tunnel, denn nur einigen wenigen war zum Beispiel ein gelungener Okocha-Trick vergönnt. Jener Augustine „Jay-Jay“ Okocha war insbesondere in den 90er Jahren der vergötterte Held auf den Fußballplätzen Berlins – er brachte das besondere Momentum in den damaligen Bundesliga-Zeitgeist des Zweikampfes, das unsere jugendlichen Augen zum Strahlen brachte. Der Reverse Flick Over war sein Markenzeichen und unsere heilige Kuh des Bolzplatzes.

„Auf Beton gewachsen“ – So steht es überlebensgroß geschrieben auf dem Weddinger Wandbild in Verehrung der Berliner Boateng-Brüder. Insbesondere Jerome und Kevin-Prince stehen heute stellvertretend für die Fußballkultur der Berliner Bolzplätze. Der Mythos des Straßenfußballers schwingt sofort mit und verleiht deren fußballerischer Qualität diesen gewissen rudimentären Hauch.

Die Quadratmeter, die die Welt bedeuteten, waren umzäunte karge Käfige. Der Bodenbelag war Schotter, Beton oder Tartan und entsprechend rau war meistens auch das Spiel. Die Plätze waren und sind die Orte der fußballerischen Gemeinschaft in einem Kiez. Und wie auf den Plätzen einer großen Stadt üblich, gab es Freundschaften und Feindschaften – natürlich auf jugendlich-kindlichem Niveau. Den Sportsgeist voll verinnerlicht wurden Konflikte um den Bolzplatz stets sportlich ausgetragen. Die fußballerische Herausforderung stand dabei stets im Vordergrund. Folglich ging es natürlich auch darum seine Mannschaft stets zu verbessern und eventuell mal einen Kumpel von einem Kumpel aus einem anderen Bezirk in sein Team zu integrieren, um die Erfolgsaussichten sprunghaft zu verbessern. Ab und an waren auch die verlorenen Seelen am Spielfeldrand für das eigene Team interessant. Meistens versuchte man diese aufdringlichen Mitspiel-Wollenden jedoch zu ignorieren, weil man ihnen den sportlichen Mehrwert absprach. Meist waren diese nämlich zu klein oder zu schmächtig. Mit den Großen wollte man eigentlich auch nicht unbedingt zusammenspielen, weil man befürchten musste, überrannt oder ignoriert zu werden, wenn diese einmal das Ruder an sich gerissen hatten. So schwammen die meisten von uns immer in der gleichen Suppe und wehrten sich gegen Einflüsse von außen, es sei denn diese kamen mit einem coolen Trikot an. Bayern-Fans wurden dabei schon damals auf Berliner Bolzplätze immer ausgegrenzt.

Es war eine oberflächliche schnelle Betrachtung, die über die Teilhabe am fußballerischen Wettbewerb auf dem Bolzplatz entschied. Dementsprechend früh lernet man die Lektion, dass man sich vom trügerischen Schein nicht leiten lassen sollte. Eine ähnliche Erfahrung mussten diese spanischen Fußballfreunde vor einiger Zeit machen:

Der anmarschierende Frühling wird uns auch dieses Jahr wieder jede Menge fußballerische Freuden auf den Bolzplätzen der Stadt bereiten. Falls ihr noch einen geeigneten Platz in der Umgebung braucht, um eure Skills gegen die städtischen Großväter zu beweisen, verweise ich freudigst auf unsere Bolzplatz-Map!

Also: Sport frei!

Axel Diehlmann

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