Letzte Hoffnung: Autobahnkirche

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Das Kloster Neuzelle (Nova Cella) in der Niederlausitz

von Björn Leffler

Es war der 80. Geburtstag meines Großvaters. Mein Großvater lebt 100 Kilometer südlich von Berlin, in der brandenburgischen Niederlausitz. Die Lausitz ist meine gebürtige Heimat, die Hälfte meiner Kindheit habe ich dort auf dem Bauernhof meiner Großeltern verbracht. Ich komme also immer wieder gern dorthin, in das kleine Dorf namens Zöllmersdorf, das kaum mehr als 100 Einwohner zählt.

Eigentlich stand uns eine harmonische, friedliche Familienfeier bevor. Wenn, ja wenn da nicht die Hertha gewesen wäre, wie immer eigentlich. Nach der ebenso knapp wie bitter verpassten Meisterschaft im Vorjahr steckten wir tief im Abstiegskampf. Und wie es der Zufall wollte, fiel das Auswärtsspiel am 13. Spieltag exakt auf den Geburtstag meines Opas. Geburtstage sind heilig in meiner Familie, vor allem runde Geburtstage! Genauso heilig ist allerdings die Liebe zu Hertha BSC. Neben mir, meiner Schwester, meinen Eltern, meinem Schwager und meinem Neffen halten auch meine beiden Cousinen, mein Onkel, meine Tante und – selbstverständlich – mein Opa der Hertha die Treue. Der Großteil der soeben genannten besitzt selbstverständlich auch eine Dauerkarte.

Zöllmersdorf
Das brandenburgische Dorf Zöllmersdorf im Herzen der Niederlausitz

Es war also vorprogrammiert, dass wir an diesem trüben Novembertag, es war der 21.11.2009, irgendwann das Radio im Gemeindehaus einschalten und der so wichtigen Partie beim VfB Stuttgart lauschen würden, bei dem wir – auf Platz 18 stehend – antreten mussten.

Im Grunde war alles wie immer, meine Frau und ich reisten gegen Vormittag an und fuhren die A13 hinunter bis zur Ausfahrt Duben/Luckau, die uns dann durch die karge Novemberlandschaft Brandenburgs bis ins Dorf meiner Großeltern bringen sollte. Kurz bevor man die Ausfahrt Duben/Luckau erreicht, wird man durch ein unauffälliges Schild darauf hingewiesen, dass der göttliche Beistand nicht mehr weit ist: „Autobahnkirche“ steht da auf einem Schild. Für das schnelle Gebet zwischendurch, dachte ich noch so bei mir, und grinste in mich hinein.

Ich bin an diesem Schild bereits hunderte Male vorbeigefahren, und ich kenne natürlich auch die im 18. Jahrhundert erbaute Kirche im Ort Duben, die da kurz vor der Autobahnabfahrt so profan als Autobahnkirche umschrieben wird. Es ist ein schöner Fachwerksbau, der infolge der Zerstörungen im 30-jährigen Krieg als Filialbau einer größeren Muttergemeinde von Niederlausitzer Handwerkern in Eigenitiative errichtet wurde, ausschließlich mit Materialien aus der Region.

An diesem 21. November, als ich noch so vor  mich hinschmunzelte beim Gedanken an den Gebets-Quickie in der Autobahnkirche, hatte ich mich während der gesamten Fahrt gedanklich mit dem drohenden Abstieg in die Zweitklassigkeit beschäftigt, und ich wusste, dass mich diese Gedanken trotz der Anwesenheit der gesamten Familie wohl nicht loslassen würden. Und immer wieder kam mir ein zentraler Gedanke: die Machtlosigkeit der Fans, der Anhängerschaft, das brutale, unerträgliche Mitansehen müssen – das war das schlimmste an dem ganzen Drama. Man konnte nichts tun, nicht helfen. Man konnte es nur ertragen und hoffen.

Aber konnte man wirklich nichts tun? Als ich von der Autobahn abfuhr und in den Ort Duben einbog, schmunzelte ich nicht mehr. Vielmehr war mein in meinem Gesicht nun geballte Entschlossenheit zu sehen. Vermute ich zumindest. Anders als sonst fuhr ich nicht an der Kirche vorbei, sondern bog auf den kleinen Parkplatz ein. Meine Frau sah mich fragend an. Ich sagte kurz: „Ich möchte mir einmal die Kirche ansehen, wir haben doch noch Zeit.“ Ich stieg aus dem Auto und ging in die Kirche. Sie blieb im Wagen.

Nun muss ich dazu sagen, dass ich kein Gelegenheitsgläubiger bin, sondern tatsächlich evangelisch getauft und konfirmiert. Ich wusste also durchaus, was ich tat. Allerdings hatte ich mir eines längst abgewöhnt: den Allmächtigen um göttlichen Beistand in fußballerischen Angelegenheiten zu bitten. Das letzte Mal war neun Jahre her, als ich – völlig erfolglos – um göttlichen Beistand für die deutsche Nationalmannschaft bei der EURO 2000 gebetet hatte. Das Ende der ribbeckschen Geschichte ist bekannt.

Dies hier war nun aber ein absoluter Notfall, mein Verein war in akuter Gefahr, und alle Mittel des Aberglaubens – ja, auch diese nutzte ich intensiv – waren bereits ausgeschöpft. Ich trat also in die kleine Kirche, setzte mich auf eine der schmalen Holzbänke und schickte ein flehendes Gebet zum Himmel, in der Hoffnung, dass sich der Herrgott für den Abstiegskampf in der 1. Fußball-Bundesliga interessierte. Genausogut könnte er sich natürlich lieber in der dritten venezualischen Volleyball-Liga der Frauen, beim isländischen Kreisklassen-Handball oder auf indonesischen Poloturnieren tummeln. Aber man weiß ja nie, und es unversucht zu lassen ist eh nicht meine Art.

Später am Tag nahm die Familienfeier ihren erwarteten Lauf. Kurz nach halb vier schaltete meine Tante das Radio ein, welches in einer etwas abgelegeneren Ecke des Gemeindesaals untergebracht war. Während der überwiegende Rest der Geburtstagsgesellschaft fröhlich plaudernd an den Kuchentafeln verweilte, versammelte sich der blauweiße Kern der Familie um den Lautsprecher. Meinem Opa, der ja als Gastgeber bei der Festgesellschaft zu verweilen hatte, wurden per Botengänge die aktuellen Spielgeschehnisse übermittelt.

Kurz nach der Pause erzielte der blutjunge Adrian Ramos das 1:0 für Hertha. Wir wagten kaum, zu jubeln. Und nun rannte der VfB erbarmungslos an. Zwanzig Minuten vor Schluss hielt ich es nicht mehr aus. Ich verließ den Saal und wanderte allein durch den bereits sehr dunklen Novembernachmittag. Ich schaute immer wieder zum trüben Himmel und betete, dass unsere Mannen das 1:0 halten und drei so wichtige Punkte mit nach Berlin nehmen konnten.

Es waren sehr lange und quälende zwanzig Minuten.

Zöllmersdorfer Kirche
Göttlicher Beistand für Hertha BSC? Die mittelalterliche Dorfkirche im Zentrum von Zöllmersdorf

Als ich wieder zurückkam, versuchte ich, an den Gesichtern abzulesen, was geschehen war. Und die Gesichter waren weit davon entfernt, Begeisterung auszustrahlen. Den Stuttgartern war kurz vor dem Ende noch der 1:1-Ausgleich gelungen, und wir hatten erneut zwei wichtige, eigentlich bitter benötigte Punkte hergeschenkt. Mein Ausflug in die Autobahnkirche hatte also nicht mehr eingebracht als einen Punkt im Schwabenland, eine leider viel zu dürftige Ausbeute.

Am Ende der Saison stieg Hertha als Tabellenletzter ab. Und zwar ohne dass ich noch ein weiteres Mal um göttlichen Beistand gebeten hätte. Ich habe mir nach dem 1:1 gegen den VfB Stuttgart geschworen, nie wieder ein Gebet zu sprechen, welches einen fußballerischen Hintergrund hat. Daran habe ich mich gehalten, bis heute.

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