LIVE DABEI! – erste Zugabe: Meine 5 besten Saisons

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LIVE DABEI – Zugabe!
Diese kleine Serie beschäftigte sich bisher mit den kürzlich in einer alten Kellerkiste gefundenen Zeugnissen meiner treuen Liebe zur alten Dame Hertha.
Eine kurze, melancholische Rückschau meiner ganz persönlichen „Live dabei“-Spiele findet Ihr in den ersten drei Teilen der Serie:

LIVE DABEI! – Teil Eins
LIVE DABEI! – Teil Zwei
LIVE DABEI! – Teil Drei

Im vierten Teil geht es nun um das große Ganze, die Dauerkarten, die ich mir seit etwa 18 Jahren zulege, komme was da wolle.

Nach all den Jahren, derer zwanzig sind es nun bald, führt das natürlich fast zwangsläufig zur Frage, welche Saison war eigentlich meine schönste?
Da es bei Hertha weder Titel noch Finaleinzüge zu bejubeln gab, ist die Frage gar nicht so einfach zu beatworten. Und da man sich – wie bei seinem Lieblingssänger – nie auf den einen Song einigen kann, habe ich mal meine persönliche Top 5 der besten Spielzeiten aufgestellt…

Feuer frei und eingetaucht in ein wildes Sammelsurium aus Erinnerungen…

Meine 5 besten Spielzeiten

1)
Saison:
1998/99
Tabellenplatz: 3
In Kürze: Herthas zweites Jahr in der Bundesliga nach dem Wiederaufstieg. Spieler wie Tretschok, Dardai, Neuendorf, Wosz und Preetz überraschen die Liga und fachten eine ungeheure Euphorie in der Hauptstadt an. Sensationell erreichte Hertha die Champions League und fegte am letzten Spieltag vor vollem Haus ganz nebenbei den HSV mit 6:1 vom Feld. Preetz wurde mit 23 Treffern Torschützenkönig und Berlin kam aus dem Feiern nicht mehr heraus. Nur ein Jahr nach dem erfolgreichen Klassenerhalt war das Erreichen der Königsklasse mehr als selbst der optimistischste Anhänger zu erwarten gehofft hätte. Am Ende wurde sogar die Vizemeisterschaft nur knapp verpasst. Ein sensationelles Hertha-Jahr!

Bestes Spiel: Man kann sich kaum entscheiden. Das 1:0 gegen die Bayern (in Unterzahl!) wäre hier zu nennen, noch großartiger aber war das 2:0 im Derby gegen Hansa Rostock, vor 76.000 Zuschauern, welche durch eine grandiose Zecke-Direktabnahme von der Strafraumkante und ein Hartmann-Tor spät für Hertha entschieden wurde. Damit war der Einzug in den Europacup am 32. Spieltag perfekt gemacht, am 33. Spieltag gelang durch ein 2:0 in Freiburg die Champions-League-Teilnahme.
Schlimmstes Spiel: Ein 0:3 in Dortmund. Obwohl Hertha hier lange ebenbürtig war, gerieten sie durch ein Eigentor in Rückstand, später scheiterte Gabor Kiraly beim Versuch, Dortmund-Stürmer Bachirou Salou auszutanzen und verschuldete das 0:3. Hertha konnte sich im Rückspiel immerhin revanchieren, durch zwei Aracic-Tore und einen Preetz-Treffer gelang auch hier ein 3:0.

 

2)
Saison:
1999/2000
Tabellenplatz: 6
In Kürze: Hertha spielte in der Champions League und mischte groß mit, schlug Chelsea und den AC Milan. In der Liga verpassten die Blauweißen die erneute Champions-League-Qualifikation knapp am letzten Spieltag. Aber das Team um Deisler, Preetz, Wosz und Daei spielte eine hervorragende Saison, scheiterte in der Champions-League-Zwischenrunde erst am FC Barcelona und dem FC Porto. Legendär: Das Nebel-Spiel gegen Barca im Olympiastadion, Endstand 1:1 (so wird gemutmaßt).

Bestes Spiel: Ganz klar: das 1:0 in der Champions League gegen den AC Milan. 76.000 Zuschauer, überhebliche Italiener und ein Mann, der den Unterschied ausmachte, Darius Wosz. Die „Zaubermaus“, neu aus Bochum gekommen, erzielte kurz vor der Pause das entscheidende 1:0 und machte Europa auf einen Verein namens „Hertha Berlin“ aufmerksam. Die Atmosphäre im Olympiastadion erreichte an diesem Abend ganz neue Dimensionen.
Schlimmstes Spiel: Und wieder ein 0:3 gegen Dortmund, dieses Mal am letzten Spieltag vor ausverkauftem Haus im Olympiastadion. Alles war gerichtet für die neuerliche Champions-League-Teilnahme, aber Gegner Dortmund, der erst kurz zuvor die Klasse gehalten hatte, spielte gelölst auf und damit auch die Partybremse. Die Borussen gewannen souverän 3:0, Hertha musste sich nach einer starken Saison mit der Teilnahme am UEFA-Cup trösten.

 

3)
Saison:
1997/98
Tabellenplatz: 11
In Kürze: Nicht dass hier der Eindruck entsteht, ich sei von der Fraktion „früher war alles besser“ – aber die ersten drei Spielzeiten nach dem Wiederaufstieg hatten es wirklich in sich. So eben auch die erste Bundesligasaison seit 1991, ein dramatisches Wechselbad der Gefühle. Horror-Start, Absturz auf den 18. Tabellenplatz nach neun Spielen, die Wende im Heimspiel gegen den KSC (3:1), die anschließende Siegesserie, der Sieg gegen die Bayern, ein zartes Schnuppern an den Europacup-Plätzen, letztlich ein sicherer 11. Platz und der Klassenerhalt. Die Euphorie, die in diesen Jahren um den Verein Hertha BSC herrschte, war enorm. Dazu trugen vor allem Charakterköpfe wie der später stark umstrittene Dieter Hoeneß, Trainer Jürgen Röber oder Stürmer-Entdeckung Michael Preetz bei.

Bestes Spiel: Ohne Wenn und Aber, das 2:1 gegen die Bayern am 23. Spieltag. Nie zuvor hatte ich eine derartig frenetische Zuschauermenge bei einem Hertha-Heimspiel erlebt. Das Stadion war derart überfüllt, dass wohl rauhe Mengen gefälschter Eintrittskarten im Umlauf waren, Berlins Farbkopierer glühten. Beim Führungstreffer von Preetz war auf den Tribünen dermaßen Pogo angesagt, dass nichts an Ort und Stelle blieb. Man darf nicht vergessen, wir hatten damals noch keine Schalensitze. In der Ostkurve standen zehntausende auf den Bänken und donnerten mit den Füßen die Mannschaft nach vorn, dass es einem durch Mark und Bein fuhr. Ein großartiger Sieg gegen Trappatonis Star-Ensemble.
Schlimmstes Spiel: Das zweite Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Herrlicher Sonnenschein, 52.000 Zuschauer und ein Spiel was besser nicht hätte beginnen können. Erst die Führung durch Schmidt (31.), in der zweiten Hälfte legte Covic verdient nach, 2:0 (69.). Vor uns kullerten drei Männer in inniger Umarmung über die Bänke – das Leben war schön, schön, schön.
Dann traf Wyhnoff zehn Minuten vor dem Ende zum 1:2, und in der Nachspielzeit pfiff Schiedsrichter Zerr einen lächerlichen Freistoß, direkt an der Strafraumgrenze. Es kam, was kommen musste – Effenberg verwandelte direkt zum 2:2, zehntausende verstummten. Bitteres Lehrgeld eines Aufsteigers.

 

0809

4)
Saison:
2008/09
Tabellenplatz: 4
In Kürze: Lucien Favres (Beinahe-) Meisterstück. Hertha avancierte neben dem VfL Wolfsburg zur absoluten Überraschungsmannschaft der Saison und spielte bis zum 33. Spieltag um die Meisterschaft mit. Das Team um Andrej Voronin, Gojko Kacar, Raffael, Jo Simunic und Marco Pantelic überzeugte mit kompakter Abwehrarbeit und virtuosem Konterfußball, dem selbst die Bayern nicht gewachsen waren. Im Saisonendspurt kassierten die Herthaner insbesondere beim direkten Duell in Wolfsburg eine durch Fehlentscheidungen herbeigeführte, letztlich entscheidende Niederlage. Dennoch hätte am vorletzten Spieltag im Heimspiel gegen Schalke, für das über 200.000 Karten hätten verkauft werden können, zumindest die Champions-League-Teilnahme perfekt gemacht werden können.
Mit einem Sieg wäre für Hertha der Meistertitel am letzten Spieltag ebenfalls noch möglich gewesen. Der reguläre 1:0-Siegtreffer von Pantelic wurde vom Schiedsrichtergespann um Peter Gagelmann aberkannt, wieder einmal konnte Hertha in einem entscheidenden Spiel trotz zahlreicher weiterer Chancen den Bock nicht umstoßen. Nach dem 0:0 gegen Schalke verspielten die Blauweißen eine Woche später durch ein 0:4 beim KSC den Ertrag einer gesamten, eigentlich großartigen Saison.

Bestes Spiel: Das 2:1 gegen die Bayern, mit zwei Toren von Andrej Voronin, war eines der ganz großen Highlights in der Geschichte von Hertha BSC. Siege gegen die Bayern gab es einige, aber durch ein 2:1 am 20. Spieltag die Tabellenführung zu erobern, bleibt für Hertha-Fans etwas ganz besonderes. Das von Raffael und Voronin kongenial herausgespielte Siegtor zum 2:1 in der 77. Minute versetzte Stadion und Stadt in einen Siegesrausch, der leider nicht bis zum 34. Spieltag halten sollte.
Schlimmstes Spiel: Das 0:0 gegen Schalke hatte ich etwas weiter oben ja bereits thematisiert. Blieben noch das 1:3 zu Hause gegen Dortmund, als unglücklich die Tabellenführung abgegeben wurde. Oder das unnötige 0:2 in Hannover, das Hertha beinahe völlig aus dem Meisterschaftsrennen gekegelt hätte. Letztlich läuft aber alles auf das desaströse 0:4 in Karlsruhe hinaus, bei dem die bis dahin so stabile Mannschaft völlig in sich zusammenbrach, nachdem sehr gute Möglichkeiten in den ersten 15 Minuten ungenutzt blieben und der KSC danach in Führung ging. Hertha erholte sich von diesem Schock nicht – Pantelic, Voronin und Simunic verließen den Verein, Hertha stieg im Folgejahr ab. Bittere Ironie der Geschichte – mit dem vierten Platz wäre Hertha nur wenige Jahre später in der Champions-League-Qualifikation gelandet, nicht aber 2008/09.

 

0405

5)
Saison:
2004/05
Tabellenplatz: 4
In Kürze: Marcelinho auf dem Zenit seiner Kunst, um ihn herum eine Mannschaft von absoluter Klasse: Arne Friedrich, Gilberto, Yildiray Bastürk, Nico Kovac. Hertha startete mäßig in die Saison, fand dann aber sein Rezept, und Marcelinho avancierte mit 18 Toren zum Mittelfeldakteuer der Saison! Die Mannschaft hatte alle Qualitäten, um einen der ersten drei Plätze zu ergattern, die zur Teilnahme an der Champions League berechtigten. In zwei Spielen gegen Bayern München blieb das Team ungeschlagen, gewann 3:1 auf Schalke, 6:0 gegen Mönchengladbach, 4:1 gegen den HSV und erspielte sich in Unterzahl in einem der spektakulärsten Spiele der Saison ein 3:3 in Leverkusen.
Dass es letztlich dennoch wieder nicht reichte, ist in der Rückschau nur schwer zu erklären. Hertha hatte zwei Matchbälle, am vorletzten Spieltag in Möchengladbach und am letzten Spieltag zu Hause gegen Hannover. Gegen zwei schlagbare Gegner kam jeweils ein 0:0 heraus. Vor allem das letzte Spiel im ausverkauften Olympiastadion gegen Hannover ist einer der Knackpukte der blauweißen Bundesliga-Geschichte. Spiele, in denen genau dieses eine Tor fehlte, um den Sack zuzumachen, würde Hertha in den kommenden Jahren immer wieder vergeigen. Mein selbst gebasteltes Schild „Champions League – Let’s Go Hertha“ ließ ich an diesem Tag enttäuscht im Stadion zurück. Und erneut war die Geschichte nicht auf der Seite von Hertha – der 4. Platz genügte nicht zur Champions-League-Qualifikation, anders als in anderen Spielzeiten. Eine großartige Saison war es aber trotzdem.

Bestes Spiel: Das 4:1 am 30. Spieltag zu Hause gegen Schalke zeigte alle Stärken der Hertha und ließ im ausverkauften Rund heillose Begeisterung aufkommen. Zweimal Marcelinho und je einmal Bastürk und Nando Rafael düpierten die Gelsenkirchener. Das Team spielte einen Fußball, wie er in Berlin selten gesehen worden war.
Schlimmstes Spiel: Hier muss eben das bereits angesprochene 0:0 gegen Hannover stehen. 90 Minuten warten auf die Erlösung, 90 Minuten Bangen, 90 Minuten Frust und Verzweiflung. Der Abschluss einer grandiosen Saison war – mal wieder – bittere Enttäuschung. Aus dem Leben eines Hertha-Fans eben…

Fortsetzung folgt, es muss ja sein: Meine 5 schlimmsten Spielzeiten

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