Mythos Flutlicht

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Die Uhren wurden umgestellt. Der Winter manifestiert. Es geht unweigerlich auf die dunkle und kalte Jahreszeit zu. In Bezug auf den Fußball bedeutet dies, dass nunmehr nicht nur die großen Momente des Sports unter künstlichem Licht ausgetragen werden. Demnächst werden wieder die Spiele des samstäglichen Nachmittags von Beleuchtungsanlagen profitieren. Eine Betrachtung des Mythos Flutlicht…

 

Die Menschen pilgern Woche für Woche in Stadien, welche weithin sichtbar durch die Licht-Inszenierungen erleuchtet werden, sei es durch den Einsatz traditioneller stadtsilhouette-prägender Flutlichtmasten oder moderne, in die Dachkonstruktion integrierte, Beleuchtungsanlagen. Es ist eine besondere Atmosphäre des besonderen Momentes an einem besonderen Ort. Der sportliche Wettkampf entzieht sich dabei der Alltäglichkeit und steht im Rampenlicht. Er wird theatralisch in Szene gesetzt.
Der Einsatz von Flutlichtanlagen ist ähnlich wie der Fußball ein Kind der industrialisierten Gesellschaft. In der Mitte des 19. Jahrhunderts versetzte die Dynamik der Industrialisierung ganz Europa in einen wirtschaftlichen Wachstumsprozess. Der Aufschwung durch die Mechanisierung erforderte Arbeiter, die massenweise vom Land in die Stadt zogen und in den Fabriken rund um die Uhr im Schichtsystem arbeiteten. In den Fabrikhallen, den Bahnhöfen und Häfen dieser Zeit liegt der Ausgangspunkt der Geschichte der Flutlichtanlage, die für die Arbeit rund um die Uhr unerlässlich war. Möglich wurde dies durch den Übergang von der Gasbeleuchtung zur Elektrizität.

Das erste Fußball-Spiel unter Flutlicht fand am 14. Oktober 1878 an der Bramall Lane in Sheffield statt. Das Freundschaftsspiel, in dem die Teams aus Spielern der Sheffield Association und lokalen Vereinen zusammengestellt wurden, war sowohl für den Fußball als auch für die Stromwerke eine gelungene Werbung. Für den Fußball bedeutete dies neben der terminlichen Flexibilität vor allem die Erschließung neuer Möglichkeiten der Inszenierung. Die Elektrizitätswerke demonstrierten mit diesem Ereignis die Zukunftsfähigkeit ihrer Technologie. Das Spielfeld wurde durch vier Bogenlampen, die mit mobilen dampfbetriebenen Generatoren betrieben wurden, ausgeleuchtet. Verantwortlich hierfür war John Tasker. Über 20.000 Zuschauer wohnten diesem Ereignis bei und erlebten einen Quantensprung in der Geschichte des Fußballs. Nichtsdestotrotz dauerte es noch bis 1956, dass in England regulär fußballerische Wettkämpfe unter Flutlicht stattfanden. Bis 1955 waren Flutlichtspiele durch den englischen Verband aufgrund von Sicherheitsbedenken gegenüber den Anlagen verboten. In Deutschland fand das erste Spiel unter Flutlicht am 31. Dezember 1949 statt. Im Heinz-Steyer-Stadion in Dresden traf im Rahmen des Abschiedsspiels für Richard Hofmann der Dresdner SC auf die Nationalmannschaft der noch jungen DDR. Das Spiel endete 2:0 für Dresden.

Die Euphorie über die neuen Anlagen führte zu einer Ausnahmerscheinung im deutschen Fußball. 1957 und 1958 wurde der Deutsche Flutlichtpokal ausgetragen. Eine Veranstaltung, gestiftet vom damaligen Präsidenten der Offenbacher Kickers, die parallel zu DFB-Pokal ausgetragen wurde. Das Qualifikationskriterium war klar geregelt: eine Flutlichtanlage. Teilgenommen haben die Eintracht und der FSV aus Frankfurt, Kickers Offenbach, der FC Schalke 04, Viktoria 89 Berlin, Preußen Münster, Fortuna Düsseldorf und 1860 München. Die Spiele wurden in Hin- und Rückspiel ausgetragen – bei Torgleichheit entscheid das Eckenverhältnis. 1957 wurde Eintracht Frankfurt erster Flutlichtmeister. 1958 revanchierten sich die Offenbacher Kickers und sind seitdem Titelverteidiger des eingestampften Pokals.

Flutlichtanlagen bestehen aus mehreren Leuchten, die eine bestimmte Fläche zielgerichtet ausstrahlen. In Stadien werden Halogen-Metalldampflampen und Quecksilberdampflampen eingesetzt. Beleuchtungsanlagen werden dabei in drei Klassen entsprechend den Anforderungen eingeteilt. Während städtische Bolzplätze lediglich über mindestens 75 Lux verfügen muss, müssen die Plätze im Spielbetrieb mindestens mit 200 Lux ausgeleuchtet sein. Der nationale und internationale Fußball benötigt für die mediale Vermarktung Anlagen, die 500 Lux ermöglichen. Inzwischen wurden weitere Anforderungskataloge an die Beleuchtung erarbeitet und höhere Standards und Klassifikationen festgesetzt und Richtwerte zwischen 2.000 -2.500 Lux etabliert. Hinzu kommen neue Anforderungen an die Beleuchtungswinkel. Die Zielsetzung besteht in der totalen Ausleuchtung des Geschehens. Anstatt von vier Flutlichtmasten beleuchtet, wird durch die Integration der Anlagen in die Dachkonstruktion eine umfassende Ausstrahlung erreicht. Aufmerksame Zuschauer stellen seither fest, dass die Spieler in den modernen Arenen – Geistern gleich – ohne Schatten über den Platz trotten. Daher wird wohl auch der Begriff „Libellenschatten“ dem Begriff des Liberos folgen und in die Geschichte der abgeschlossenen Phänomene eingereiht.

Der Einsatz von Flutlicht ist zur Selbstverständlichkeit geworden – und dennoch gleichzeitig die Grundlage von Mythen. Es sind die Erinnerungen an Europapokalabende, die Freitag-Abend-Spiele und die abendlichen Finals zur medialen Prime-Time, die das Fußball-Gedächtnis prägen. Die großen Momente des Fußballs finden seit einigen Jahren unter Flutlicht statt. Es ist die besondere Atmosphäre, die außerordentliche Leistungen an magischen Abenden hervorruft. Nicht zuletzt werden gesonderte Statistiken geführt, die die Unterschiede in den Ergebnissen betrachten. Flutlicht-Champion der Bundesliga ist derzeit der VfL Wolfsburg. Grundlage der statistischen Erhebung sind alle Samstag-Abend-Spiele seit 2012:

01. VfL Wolfsburg  9 Spiele –  2,7 Punkte
02. SC Freiburg 4 Spiele –  2,5 Punkte
02. Bayern München 15 Spiele –  2,3 Punkte
04. Eintracht Frankfurt 10 Spiele – 2,2 Punkte
05. FSV Mainz 05 2 Spiele – 2,0 Punkte
06. Hertha BSC Berlin 7 Spiele –  1,7 Punkte
07. Borussia Dortmund 16 Spiele –  1,4 Punkte
08. Borussia Mönchengladbach 10 Spiele – 1,4 Punkte
09. Werder Bremen 10 Spiele –  1,3 Punkte
10. Schalke 04 17 Spiele –  1,2 Punkte
11. Bayer 04 Leverkusen 17 Spiele – 1,2 Punkte
12. Hannover 96 5 Spiele –  0,8 Punkte
13. Hamburger SV 11 Spiele –  0,4 Punkte
14. 1. FC Köln 4 Spiele – 0,3 Punkte
15. VfB Stuttgart 5 Spiele – 0,2 Punkte

Gerne kommt es von Zeit zu Zeit vor, dass in der komplett durchstrukturierten und terminlich strikt koordinierten Welt des Profi-Fußballs die Abhängigkeit vom Strom deutlich wird. Beispielhaft dafür stehen der Stromausfall beim Eröffnungsspiel der Saison 04/05 zwischen Werder Bremen gegen Schalke 04 oder die erzwungene Spielunterbrechung zwischen Fürth und dem KSC im Februar 2014. Es sind die Momente des charmanten Chaos und der gewitzten Kreativität. Oder wie die Fans der Offenbacher Kickers infolge eines Stromausfalls skandierten:

„Wir haben keinen Strom! Wir haben kein Geld! Wir sind der geilste Club der Welt!

 

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