Petrus changiert zwischen Kaiser und Fritz Walter

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Wir schreiben April: einen Monat, der wie ein niemals endender wollender Scherz konzipiert ist. Der gesellschaftliche Spaß der Trickserei und Veräppelung zum 1. April wird vom Wettergott Petrus über 30 volle Tage auf die Spitze getrieben. Nichts ist berechenbar, die Wettervorhersage kommt einer Börsenspekulation gleich. Im Februar twitterte die Moderatorin Sarah Kuttner. „Irre, wie ich eben bei Sonnenschein die Wohnung verließ und unten bei Schneefall aus der Haustür trat. Lügenwetter!“ Ohne weiteres trifft dies auch auf den April zu, der eben macht, was er will. Und so wird auch der heutige Spieltag im Wechselspiel von Regen und Sonne interessante Impressionen liefern. Auf die Sprachkultur des Fußballs übertragen bewegen wir uns heute sprunghaft zwischen Kaiser- und Fritz-Walter-Wetter.

Der räumliche Ursprung der Redensart „Kaiserwetter“ ist dabei nicht vollkommen geklärt, so dass viel Raum für Interpretationen bleibt. Nahe liegt der Hintergrund: sonniges Wetter wurde als der kaiserlichen Würde entsprechend repräsentativ strahlend wahrgenommen. Nun entbrannte hinsichtlich der Herkunft der Redewendung und damit der Bezugsperson ein netter kleiner Konflikt zwischen Preußen und Österreich. Sowohl Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, dessen Geburtstag am 18. August stets sonnig war, als auch der deutschen Kaiser Wilhelm II., der seine Auftritte bei nationalen Festen immer mit tollem Wetter garnieren konnte, wären gerne postum alleinige Bezugspersonen dieser positiven Assoziation. Leider können sie nicht mehr wirklich für sich werben. Gut, dass zumindest im Bereich des Fußballs dieser Konkurrenzkampf durch das Auftreten eines dritten Bewerbers gelöst wurde. Kaiser Franz Beckenbauer möchte als (inzwischen verkannter) Strahlemann des deutschen Fußballs gerne Namenspatron des Kaiserwetters sein. Die Information, ob an dem Tag der WM-Vergabe nach Deutschland die Sonne geschienen hat, taucht in den Freshfields-Protokollen jedoch leider nicht auf.

Im Gegensatz dazu stehen die etymologischen Forschungen zum Begriff „Fritz-Walter-Wetter“. Dieser geht zurück auf – Überraschung – die WM 1954. Der mythisch überladene Weltmeistertitel einer Nation in der Selbstfindung, dessen Fußballmannschaft um den Kapitän Fritz Walter im Finale in Bern die haushohen Favoriten aus Ungarn besiegte. Der Tag des Finals am 04. Juli 1954 war ein verregneter Sommertag. Die deutsche Mannschaft konnte jedoch aus dieser misslichen Situation etwas positives abgewinnen. Ihre innovativen Schraubstollen unter den Fußsohlen trotztem dem tiefen Boden und schafften trotz 0:2-Rückstand die Wende. Der Kräfteverschleiß der Ungarn auf dem tiefen Boden war offenbar zu gravierend, während die deutsche Mannschaft leichtfüßig über den matschigen Boden schwebte. Am Ende durfte Fritz Walter den Pokal in den grauen Himmel strecken, der der Mannschaft einen kleinen aber feinen Wettbewerbsvorteil verschaffte. Ein Mythos war geboren. Und so machte der geflügelte Begriff des „Fritz-Walter-Wetters“ in den Stadien der Republik die Runde. Ein Wetter, welches den Außenseitern gegen die technisch versierten Favoriten eine zusätzliche Chance verleiht.

Nicht zuletzt deswegen können wir uns heute auf einen spannenden Spieltag freuen, an dem in der 20. Minute strahlender Sonnenschein für Hitzeschübe auf dem Platz sorgt, nur um in der 23. Minute einen kühlen Wolkenbruch verpasst zu bekommen. Auch die versammelte Anhängerschaft auf den Tribünen bleibt von den Wetterkapriolen trotz Überdachung meist nicht verschont, da die Wolkenbrüche meist stürmisch daherkommen und zur horizontalen Ausrichtung des Regenfalls beitragen. Aber nicht verzagen: Auf Regen folgt Sonne und so wartet am Ende immer ein Regenbogen, der den ausgelaugten Spieler und den angetüterten Fan nach Hause geleitet.

Axel Diehlmann

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