Problematische Parallelen

Veröffentlicht am Veröffentlicht in STADT(t)räume

Ganz Berlin spricht heute über das Ergebnis des gestrigen Abends. Dass es sich dabei nicht um den Erfolg von Hertha BSC gegen den FC Schalke 04 handelt, hängt mit einer ernüchternden Entwicklung zusammen. In einer oftmals  weltoffen titulierten und als einigermaßen resistent gegen rechte Themen eingeschätzten Metropole erfährt nun die nationalistische Geisteshaltung der AfD parlamentarische Institutionalisierung.

Park am Gleisdreieck (7)

Man könnte meinen, dass der dritte Dreier zum Auftakt für die Hertha sowie der sich überraschend positiv entwickelnde Saisonstart der Unioner in der zweiten Bundesliga von besonderer Bedeutung für die Hauptstadt ist und allgemeine Euphorie am heutigen Montag vorherrschen sollte. Große Teile der Fanszene und der vielen Sympathisanten werden jedoch heute ganz andere Rankings und Statistiken betrachten als die der beiden größten Fußballvereine der Stadt. Tatsächlich ist heute nämlich nur ein Ergebnis relevant: das der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Dass die Volksparteien und insbesondere die CDU in Berlin keine herausragende Bedeutung haben, war allen Berlinern und Berlinerinnen schon vor den Wahlen bewusst. Die politische Landschaft in der Hauptstadt ist breit gefächert und stark an kommunalpolitischen Themen orientiert. Zudem ist fast schon historisch die Stadtbevölkerung politisch eher links der Mitte angesiedelt. Wie einige andere Großstädte tickt Berlin eben anders als die Bevölkerung in den Flächenländern. Und dennoch erhält die AfD über 14 Prozent der Stimmen für den Landtag und ist darüber hinaus nun Teil aller Berliner Bezirksparlamente. Die Prognosen einer sehr diversifizierten Wählerschaft trafen hinlänglich zu, so dass der „Wahlgewinner“ SPD mit 21,6 % nur 7,4% mehr als die fünftplatzierte AfD erringen konnte.

Als gestern Abend im Olympiastadion die Ergebnisse der Hochrechnungen über die Leinwände schimmerten, flossen Tränen. Jedoch war dies keine Reaktion auf die Wahl, sondern auf den Abschied des brasilianischen Aufstiegshelden Ronny. Die Wahlen schienen in diesem Moment weit weg zu sein, denn in diesem Moment zählte nur das Innenleben des Vereins. Das Stadion als Mikrokosmos fernab der gesellschaftspolitischen Realität erlebte im Rahmenprogramm des Abschieds gegen die Gelsenkirchener Gäste einen sportlichen Glanzmoment mit fantastischer Atmosphäre, während der Rest Berlins von Hochrechnung zu Hochrechnung verfolgen musste, wie die politische Rechte weitere Sitze im Landtag in Anspruch nahm. Innerhalb der Arena machten sich erste leise Hoffnungen auf eine gute sportliche Zukunft breit, während sich außerhalb des weiten Runds des Olympiastadions die Zukunftsängste vieler Menschen manifestierten.

Angesichts der zunehmenden rechten Radikalisierung mit den Leitthemen innere Sicherheit, Angst vor kultureller Verfremdung und Protest gegen die politische Klasse zeichnen sich mitten durch die Stadt Gräben ab. Betrachtet man die Ergebnisse der Wahl in den jeweiligen Wahlkreisen offenbaren sich unterschiedliche Lebensrealitäten in den Bezirken. Während innerhalb des S-Bahn-Rings hauptsächlich rot-rot-grün gewählt wird und in den westlichen Randbezirken die Altberliner CDU ihre letzten Bastionen hat, sind die östlichen Ränder der Hauptstadt hauptsächlich nun als AfD-Wählerschaft zu bezeichnen. Die politische Spaltung ist ein Spiegelbild der vollzogenen sozialen Segregation. Die Schere geht weiter auseinander und verdrängt die ökonomisch schwächeren Bevölkerungsteile an die Ränder der Großstadt, wobei insbesondere sie von den stadtkulturellen Vorzügen der Innenstadt profitieren müssten, um eine Integration aller Teile der Gesellschaft zu ermöglichen. Jedoch bestimmen letztendlich die Marktmechanismen die Bedingungen des städtischen Zusammenlebens. Das eigentliche stadtpolitische Leitbild einer urbanen Mischung wird wirtschaftlich untergraben.

Nun denken viele, der Fußball könnte in seiner vergemeinschaftenden Funktion dabei helfen, diese Spaltungsprozesse zu überwinden. Jedoch ist der Fußball selber in eine Art politische Krise gerutscht, über die lediglich noch der kurzfristige Erfolg hinwegtäuschen kann. Denn auch im gesellschaftlichen Teilbereich Fußball sind die spaltenden Gräben so groß wie nie zuvor. „Die da oben sollen mal sehen, dass sie mit uns nicht weiter so umgehen können“ ist eines jener Zitate, die sowohl den Frust in der Politik als auch im Fußballgeschäft beschreiben. Sowohl die Spanne zwischen den Vereinen als auch die der Strukturen innerhalb der Vereine wird immer größer. Neben dem einhergehenden Verlust des Zugehörigkeitsgefühls und Mitbestimmungsrechts schlägt sich auch die Sorge um die Fußballkultur im Rahmen der Marketingoffensive des Fußballs nieder. Auch hier sind es die „Anzugträger“ des großen Geschäfts, die den Fußball in seinen Grundstrukturen gefährden. Wo früher noch Jogginganzüge und kesse Sprüche üblich waren, sind heute geschniegelte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an einem unternehmerischen Image interessiert. Hinzu kommen dann die Investoren, die mit ihren wirtschaftlichen Mitteln viele Traditionsvereine in eine Krise stürzen oder sogar in der Versenkung verschwinden lassen. Die Anhängerschaft, die oftmals selbst von Zukunftssorgen geplagt ist, sieht ihre eigene Ausgrenzung in der Entwicklung des eigenen Vereins widergespiegelt. Und so wird entweder eine zunehmende Entfremdung oder der sang- und klanglose Abstieg wahrgenommen.

Und so verliert der Fußball seine entscheidende Bedeutung der respektvollen Verbindung unterschiedlicher Ansichten, Herkünfte und Orientierungen. Die Leidenschaft für den Sport ist natürlich in großen Teilen unentwegt vorhanden, wird jedoch gleichermaßen von vielen immer mehr hinterfragt. Korruptionsaffären, mangelnde Chancengleichheit aufgrund wirtschaftlicher Parameter und die marketingtaugliche Aufpolierung der Sportkultur führen dazu, dass der Fußball zukünftig seine soziale Bestimmung verloren haben wird und dann lediglich noch zum vielbeschworenen Opium fürs Volk taugen wird.

Und so versuchen rechte Populisten die Verlusterfahrung der Fußballanhängerschaft für sich nutzbar zu machen. Sowohl im Umfeld des Olympiastadions als auch der Alten Försterei waren an vergangenen Spieltagen Plakate der NPD zu entdecken, die sich für Pyrotechnik und den Erhalt der Fankultur aussprachen. Die Plakate wurden zwar durch engagierte Fans entfernt, jedoch wird hier deutlich welch politisches Potential in den Fankulturen vermutet wird und man lediglich deren Belange in die eigene „Programmatik“ integrieren müsse, um deren Stimme zu erhalten. Sicherlich wird es Teile innerhalb der Fanszene geben, die nun in NPD und AfD eine helfende Hand im Konflikt gegen die soziale Ausgrenzung sehen. Glücklicherweise ist die Mehrheit der Anhängerschaft im Fußball jedoch resistent gegen die rechte Propaganda, da sie die kommunikative und multikulturelle Funktion des Sports wertschätzen. Jedoch schlägt auch hier die soziale Spaltung aufgrund wirtschaftlicher Parameter zu Buche. Ein Zusammenhang zwischen dem Verlust der stadtkulturellen Wirkung der Vereine im Zuge der Professionalisierung des Fußballs und den zunehmenden innergesellschaftlichen Ressentiments herzustellen stellt dabei lediglich eine Interpretation dar. Festzustellen ist jedoch eine jeweilige Unzufriedenheit mit den Strukturen und Entscheidungsträgern. Der Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft ist in einen Teufelskreis der Entfremdung gerutscht und droht als gesellschaftliches Bindeglied verloren zu gehen. Eine bedrohliche Entwicklung, die uns wohl noch eine Weile beschäftigen wird.

Das Hochglanzprodukt Fußball passt eigentlich nicht zu einer Welt, die augenscheinlich aus den Fugen gerät. Nichtsdestotrotz bestimmt der Sport die Stimmung in breiten Bevölkerungskreisen und steht einhergehend stets im politischen Fokus der Inszenierung. Dabei müsste jedoch eher darauf geachtet werden, die Fundamente der Bühne als deren Scheinwerfer zu bewahren. Vereinskultur ist ein elementarer Bestandteil gesellschaftlicher Strukturen und verdient deswegen eine hohe Wertschätzung. Ein Authentizitätsschub würde dem Fußball gut tun und sich politisch niederschlagen. Dann würden die Rattenfänger von rechts sicherlich weniger Anklang auf den Tribünen finden.

Axel Diehlmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.