“Rui Costa, Rui Costa! Und drin das Ding!”

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Fünfter Teil unserer Autoren-Serie zur anstehenden EM: Unser Gastautor Martin Lüthe berichtet über seine EURO 2004!

Die EM 2004 in Portugal ist noch nicht so lange her wie es sich anfühlt. Und, na klar, sie war ein durch und durch komisches Turnier. Für Griechenland ist diese EM zweifelsohne einmalig und für die vielen Deutschen mit griechischen Wurzeln und die vielen Griechen in Deutschland hat es mich irgendwie auch sehr gefreut, dass dieser fleischgewordene Außenseiter Europameister werden konnte.

Für Deutschland war es endlich das Ende mit Schrecken einer Zeit geprägt von immer wiederkehrenden Durchhalteparolen und, ich schreibe es jetzt mal, immer wieder veranstaltetem Rumpelfußball! Für mich persönlich stellte es dennoch aus anderen Gründen ein besonderes Turnier dar, also nicht nur, weil es wie schon bei der EM 1992 einen absoluten Außenseiter zum Europameister machte und Deutschland sich blamierte.

Erstens, weil es die EM war, die auf die unspektakulärste WM-Endrunde meiner Lebenszeit folgte. Unspektakulär auch deshalb, weil die Zeitverschiebung meine Begeisterung für das Turnier im Jahre 2002 stärker – und negativer – beeinflusste, als ich dies vorher für möglich gehalten hatte. Unspektakulär natürlich auch deshalb, weil die Deutschen halt mit Carsten Jancker spielten und selbst die Brasilianer mit halbwegs nüchternem Fußball den Titel einheimsen konnten.

 

Zweitens war ich zur Euro 2004 nach einem einjährigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten im Frühsommer nach Deutschland zurückgekehrt. Hierbei sorgte die vom Auslandsaufenthalt erzeugte geographische und mediale Distanz zur abgewickelten Bundesligasaison für unglaublich viel Bock auf Fußball gucken meinerseits, gleichzeitig hatte ich aber auch im Frühsommer nach meiner Rückkehr wenig zu tun und konnte mich ganz und gar auf die EM-Endrunde einlassen und sie komplett auf dem Fernseher im Elternhaus mit den Freunden und Weggefährten aus Jugendzeiten genießen.

Und, drittens, weckte die Veranstaltung in Portugal nicht nur die Sehnsüchte dieser Fußballnation mit ihrer besonderen Fußballgeschichte, sondern auch meine eigenen, die auf enge Weise mit meiner Faszination mit dem schönen, portugiesischen Spiel verwoben waren. Nichts nämlich steht sinnbildlicher für meine Einstellung und emotionale Verbindung zum Fußball als der vermeintliche Aufstieg und Fall der so genannten „goldenen Generation“, der sich im Prinzip in den Jahren meiner Jugend vollzog und sich daher auch mit meiner aktivsten Fußballzeit deckt.

Und obwohl dies ja immer auch ein äußerst subjektives Gefühl darstellt, empfand ich die EM 2004 irgendwie als Übergang in eine neue Zeit des Fußballspiels – vielleicht auch einfach deshalb, weil mit dem Sieg des – nun ja – eher destruktiv orientierten Spiels der Griechen, im Zuge und im Anschluss an die EM flächendeckend und vehement nach Lösungen für ein zielorientierteres, „vertikaleres“, druckvolleres und erfolgsversprechendes Offensivspiel gefahndet werden sollte. Mehr noch; auch auf die Gefahr all zu scherenschnittartig und nostalgisch zu klingen, ist es doch irgendwie wahr, dass auf die Ära der goldenen Generation, in Portugal die Ära Christiano Ronaldo und im Weltfußball die Ära der überragenden Einzelkönner, folgen sollte, denen dann mit einigem medialen Aufwand und mehr als einer Prise Marketingrhetorik zur WM 2014 „Die Mannschaft“ entgegengesetzt wurde.

Genau hier jedoch beißt sich die Katze in den Schwanz, denn es waren natürlich vor allem die exponierten Spieler der goldenen Generation, die Portugals Fußball über die Grenzen des Landes hinaus einige Sympathien, auch meine, einzubringen vermochten: allen voran natürlich Luis Figo und eben jener magische Rui Manuel César Costa. Die Tatsache aber, dass man damals die technische Brillanz und das ästhetische Appeal einiger Superstars auf dem Feld und auch rhetorisch immer wieder in das Kollektiv einer Generation überführte, steht nicht nur für die ewig aktuelle Diskussion um die komplexe Symbiose aus Einzelkönnern und dem mannschaftlichen Gefüge, sondern auch für einen besonderen Moment in der Geschichte des Fußballs.

Die EM 2004 wäre für mich auch nicht so spektakulär gewesen, wenn Frankreichs goldene, oder besser vergoldete, Generation, angeführt von Zidane, schon hier anstatt 2006 ihr letztes Aufbäumen erlebt hätte oder wenn Rui Costa eben nicht das Tor gegen England gelungen wäre, das selbst ein wenig wirkt, als sei es heute so nicht mehr möglich und daher eben auch typisch für diese goldene Generation: irgendwo an der Mittellinie kriegt Rui Costa den Ball, läuft begleitet von Neville durch die Mitte bis kurz vor den 16-Meter-Raum und legt sich, nachdem Neville ihn erfolglos versucht hat von hinten niederzuringen, den Ball mit einer kurzen Bewegung auf den starken rechten Fuß. Wie der Ball dann beschleunigt wird, fliegt und von der Unterkante der Latte ins Tor abrollt, ist reine Bewegungspoesie. Selbst der deutsche Fernsehkommentar macht hier Spaß und sorgt für Gänsehaut, wenn er natürlich direkt auf die besondere Bedeutung Rui Costas als letztes in der 110. Minute noch spielendes Mitglied der goldenen Generation eingeht.

 

Dieser Schuss ist heute nur schwer vorstellbar, besonders weil das Angebot Nevilles, den Freistoß zu nehmen, heute kaum noch ein Offensivspieler ausschlagen dürfte. Beinahe noch schöner an dem Tor ist aber, dass es eben nur für einen sehr kurzen Jubel sorgte und noch in der Verlängerung von den Engländern egalisiert werden konnte und somit eigentlich das Gegenteil von geschichtsträchtig war und ist. Und selbst wenn man daran glauben mag, dass dieses Tor den Finaleinzug für Portugal erst möglich gemacht hat, dann bleibt auch hier am Ende die Ernüchterung – Ernüchterung in Person von Angelos Charisteas.

Doch ist es sicherlich bittersüß für die portugiesische Seele und ihren vermeintlichen Hang zur Melancholie, dass die goldene Generation als A-Nationalmannschaft unvollendet blieb. Und nicht nur unvollendet blieb, sondern auf die brutalst mögliche Art und Weise: geschlagen im EM-Finale im Heimatland vom krassen Außenseiter durch ein Kopfballtor nach Eckball!

Und trotzdem bleibt die Gänsehaut: „Rui Costa, Rui Costa! Und drin das Ding!“ Ja, drin das Ding! Nur die Sehnsucht bleibt: Nach einem Titel für Portugal, nach dem sorglosen Abhängen vor den Berichten der EM auf dem Fernsehen im Wohnzimmer und dem Bolzplatz der Jugend, auf dem für mich nach dieser EM auch endgültig Schluss war.

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