Stadionneubau in Berlin – Mögliche Standorte

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Hertha BSC möchte gern ein neues Stadion bauen, um national konkurrenzfähiger zu werden (wir kommentierten das und stellten ein Umbau-Konzept dar). Wie sollte ein solcher Neubau aber überhaupt aussehen? Und wie um Himmels willen nicht?

Nachdem wir uns nun eine stattliche Reihe von nationalen und internationalen Vorbildprojekten in Sachen Stadionbau angesehen haben und im letzten Teil dargelegt haben, welche Stadien keinesfalls als Vorbild für einen Neubau dienen sollten, werfen wir im letzten Teil unserer Reihe einen Blick auf mögliche Standorte für einen Neubau.

von Björn Leffler

Teil 5 – Mögliche Standorte

Im fünften Teil unserer Serie schwenken wir den Blick also wieder zurück in die Metropolregion Berlin-Brandenburg und schauen uns an, welche möglichen Standorte für einen Stadionneubau überhaupt in Frage kämen. Hierbei wollen wir uns ausschließlich auf wirklich realistische Szenarien konzentrieren. Damit schließen wir unter anderem den Standort Tempelhofer Feld aus, der in den letzten Wochen so gern durch die Medien geisterte. Dass der Standort nicht mal im Ansatz zur Diskussion stehen kann, hat die Diskussion um die Errichtung von ein paar Flüchtlingszelten auf dem Areal gezeigt.

Da die Stadt grundsätzlich wenig Interesse daran hat, dass Hertha BSC ein zusätzliches Stadion baut, welches zum landeseigenen, teuren Olympiastadion in Konkurrenz steht, wird die Stadt keinem Bauvorhaben zustimmen, bei dem aufwändig Verkehrswege und öffentlichcher Nahverkehr für mehrere hundert Millionen Euro aufgebaut werden müssten, wodurch auch Standorte wie Dreilinden oder Oranienburg als eher unrealistisch gelten dürften.

Wir haben vier innerstädtische Standorte geprüft, die einerseits finanziell realisierbar und andererseits – zumindest in einigen Fällen – auch für die Stadt konsenfähig wären. Hier unsere Auswahl:

Flughafen Tegel

Der Flughafen Tegel ist eines der aussichtsreichsten Areale für einen Stadionneubau. Das Gebiet wird in wenigen Jahren – so hofft man jedenfalls – bebaubar sein. Auf dem Gelände des im Zuge der gescheiterten Olympia-Bewerbung geplanten Olympischen Dorfes, direkt an den Kurt-Schumacher-Platz angrenzend, könnte das Stadion entstehen.

Der Standort verfügt über eine Autobahn- und U-Bahn-Anbindung, was ein enormer Standortvorteil ist. Nicht allzuweit entfernt (3 km) führt auch noch eine S-Bahn-Linie zum Standort (S-Bhf Eichborndamm). Zudem gibt es auf dem Gelände weiträumige Flächen, die unkompliziert in Parkplätze umgebaut werden könnten. Die Errichtung eines teuren Parkhauses wäre damit nicht notwendig. Möglich wäre aber sogar, die Parkflächen im Flughafen Tegel zu nutzen, was eine weitere finanzielle Ersparnis darstellen würde.

Das weitläufige Gelände wäre auch in Sachen Sicherheitskonzept ein Vorteil, den der heutige Standort Olympiastadion ebenso vorweisen kann. Mögliche Massenpaniken können so sehr gut vermieden werden, da es vielfältige Fluchtwege gibt. Der Bezirk Reinickendorf ist zudem einer der Bezirke, in denen der Verein Hertha BSC die meisten Anhänger hat, was bei der Auswahl eines Standortes nicht unerheblich sein dürfte. Für die Stadt hätte die Wahl dieses Standortes den Vorteil, dass es für die erwartbar schwierige Entwicklung des Standortes Flughafen Tegel in nur kurzer Zeit ein konkretes und gewinnbringendes Zielkonzept gäbe.

Maifeld

Das direkt neben dem Olympiastadion liegende Maifeld bildet mit seiner riesigen Fläche von 112.ooo m² einen idealen Standort für einen Stadionneubau. Was auf den ersten Blick wie ein schlechter Scherz wirkt, kann auf den zweiten Blick eine durchaus denkbare Variante sein.

Der Standort hat den großen Pluspunkt, dass er alle Vorteile des Olympiapark-Areals nutzbar macht: Vorhandene Parkplatzflächen, weitläufige An- und Abreiseareale, eine direkte Anbindung an U- und S-Bahn sowie die Erreichbarkeit des Standortes über Autobahn und Heerstraße. Zudem würden die Hertha-Fans im gewohnten Umfeld bleiben, was derzeit ein wichtiges Thema ist, da das Olympiastadion und der Standort Westend als Kernpunkte der Identität des Vereins angesehen werden.

Apropos Olympiastadion: Einem Neubau direkt neben der modernen Multifunktionsarena würde die Stadt sicher nur ungern zustimmen, zudem hätte wohl auch der Denkmalschutz etwas dagegen. Denkbar wäre aber ein Kompromiss: Hertha BSC baut auf dem Maifeld ein Stadion mit einer Kapazität von maximal 50.000 Plätzen und würde dort eine Zahl von 10-12 Heimspielen austragen. Für Partien mit einem zu erwartenden höheren Zuschaueraufkommen würde Hertha BSC weiterhin im gewohnten Olympiastadion spielen. Den Fans würde die geliebte Heimat bleiben, und die Stadt hätte immerhin einen Mieter, der für verbleibende sieben Bundesligaspiele pro Saison die Arena füllt. Zusätzliche Partien wie DFB- oder Europapokalpartien wären dann jeweils individuell zu verhandeln, je nach Gegner. Die Stadt stünde bei dieser Variante immerhin nicht vor dem Problem, dass Hertha BSC völlig eigene Wege gehen und das Stadion nur noch äußerst selten genutzt würde.

Für Hertha BSC hätte diese Variante den Vorteil, dass sie nicht unbedingt ein Stadion mit allem Schnickschnack bauen müssten, sondern lediglich eine Arena, die den Ansprüchen für die heute schwächer besuchten Spiele erfüllten würde. Für die großen Spiele mit einer Kapazität von über 60.000 oder 70.000 Zuschauern bliebe das Olympiastadion der perfekte Spielort. Der Standort Maifeld ist also bei weitem nicht so skurril, wie er auf den ersten Blick scheint.

ICC

Auch dieser Standortvorschlag ist tatsächlich ernst gemeint. Das derzeit geschlossene ICC am Autobahndreieck Funkturm dümpelt vor sich hin, mit ungewisser Zukunft. Eine Sanierung des Riesenklotzes wird voraussichtlich mehrere hundert Millionen Euro verschlingen, ein Abriss wird nicht minder teuer. Der Bedarf des Messestandorts Berlin nach zusätzlichen, insbesondere sehr großen Veranstaltungs- und Tagungsflächen ist bekanntermaßen dringend.

Ein Stadionbau auf dem Gelände des ICC könnte hier tatsächlich eine denkbare Lösung sein. Der Standort befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Messegelände und ist hervorragend angebunden. Autobahn, Bismarckstraße, U- und S-Bahn kreuzen hier allesamt und können innerhalb kürzester Zeit eine Großzahl von Besuchern an- und abtransportieren, was bei Mammutveranstaltungen wie der Grünen Woche oder der ITB regelmäßig bewiesen wird. Berlin gehört heute zu den fünf größten Messestandorten der Welt.

Der Bau eines Stadions an eben dieser Stelle könnte Hertha einerseits einen Stadionneubau verschaffen, der nur unweit der bisherigen Heimat und des Trainings- und Geschäftsstellengeländes liegen würde. Und andererseits ergäbe sich die Möglichkeit, in die neue Arena weitere Messe- und Veranstaltungskapazitäten zu integrieren. Das ICC könnte abgerissen oder ein Teil der Fassade sogar noch in das Stadion integriert werden. Für besonders große Messeveranstaltungen könnte soar der Stadioninnenraum genutzt werden. Das Stadion würde entweder von der A 100 oder dem Messedamm untertunnelt werden, was unter anderem auch in den Stadien in Amsterdam, Paris oder Madrid so umgesetzt wurde.

Baulich wäre diese Variante die mit Abstand aufwändigste und wohl auch teuerste. Bei einer Beteiligung der Messe Berlin am Bau ist aber nicht ausgeschlossen, dass hier ein tragfähiges finanzielles und architektonisches Konzept herauskäme.

Poststadion

Das Poststadion-Gelände in Moabit ist ebenfalls ein vielversprechender Standort. Das Poststadion selbst, einst eines der größten Fußballstadien Berlins, dümpelt seit Jahrzehnten vor sich hin und verfällt zunehmend. Umgeben ist das Stadion von zahlreichen Kunst- und Naturrasenplätzen, die intensiv vom Berliner Amateur- und  Freizeitfußball genutzt werden.

Das Stadion ist zusätzlich umgeben von einer dichten Waldfläche, die bei einem Stadionneubau zu großen Teilen überbaut werden würde, nicht nur durch die Stadionflächen selbst, sondern auch für die bentöigten Parkplatzflächen. Verkehrstechnisch ist das Stadion gut angebunden, da es in direkter Nähe zum Hauptbahnhof liegt. Durch die Straßenbahnanbindung der Linien M5, M6 und  M10 ist an diesem Standort sogar noch ein weiteres Verkehrsmittel nutzbar, welches an allen drei anderen Standorten nicht zur Verfügung steht. Auch die Autobahn und die Ringbahn (S-Bahnhof Beusselstraße) sind nicht allzuweit entfernt.

Da der Standort traditionell für den Fußballbetrieb genutzt wird, ist voraussichtlich auch nicht mit Protesten von Anwohnern zu rechnen. Die von den Vereinen genutzten Plätze im Umfeld des möglichen neuen Stadions könnten im Zuge des Neubaus modernisiert werden, zusätzliche Kapazitäten könnten darüber hinaus noch geschaffen werden.

Ein Standort, dessen Potenzial bislang nur selten erkannt worden ist, der aber durchaus das erfüllen könnte, was viele Fans von Hertha BSC sich wünschen: Ein Stadion mitten in der Stadt und nicht draußen vor der Stadtgrenze.

Fazit

In Berlin gibt es durchaus mögliche Flächen zur Realisierung eines solchen Projektes, die hier vorgestellten Standorte sind nur eine kleine Auswahl. Das Areal des ehemaligen Vergnügungsparks Plänterwald wäre ebenso denkbar wie etwas die Julius-Hirsch-Sportanlage am Mommsenstadion oder die ehemalige Trabrennbahn Mariendorf.
Ob Hertha BSC das Stadionprojekt tatsächlich über den Status einer Machbarkeitsstudie hinaus verfolgen kann, hängt einerseits davon ab, ob der Verein einen schlagkräftigen Investor findet, andererseits aber auch davon, ob ein auch für die Stadt akzeptables Gesamtkonzept vorgelegt werden kann. Wir verfolgen das Thema selbstverständlich weiter.

 

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