Verantwortung statt Verbot

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„Pyrotechnik ist kein Verbrechen“. Allenthalben schallt dieser Slogan durch die Stadien der Republik und vereinfacht eine recht komplexe Diskussion, die irgendwie immer paradoxere Züge annimmt.

Das Stadionerlebnis im Fußball ist zur politischen Agenda geworden. Der Deutsche Fußballbund und die Deutsche Fußball-Liga haben sich das „sichere Stadionerlebnis“ als zukunftsgerechtes Leitbild auserkoren. Dass hierbei vor allem die Komponente Marketing und Sponsoring eine Rolle spielt, verschärft die Diskussion über die Gestaltung des Stadionerlebnisses zu einer Grundsatzdebatte, in der sich niemand für einen Affront zu schade ist. Eines der Lieblings-Reizthemen ist dabei der Einsatz von Pyrotechnik auf den Tribünen.

Meine Positionierung zum Thema Pyrotechnik ist ambivalent. Ich habe nichts gegen Licht- und Feuerspielchen, so lange sie niemanden direkt oder indirekt gefährden. Eigentlich sind die meisten Inszenierungen hierbei ja ganz beeindruckend und stimmungsvoll. Jedoch empfinde ich als eher befremdlich, Menschen, denen ich nicht zutrauen würde ihre Emotionen im Zaum zu halten und stattdessen im Zweifelsfall auch mal die Fäuste sprechen lassen, mit Feuerwerk spielen zu sehen. Für die Ultra-Szene ist es dementsprechend kontraproduktiv, wenn einige Idioten unter ihnen Feuerwerkskörper in angrenzende Blöcke oder auf das Spielfeld befördern. Sei es gewollt oder ungewollt. Sofern hier kein verantwortungsbewusster Umgang demonstriert wird, können Vereine und Verbände kaum anders als restriktiv reagieren. Aus einer Leidenschaft für Feuerkunst wird dann recht schnell eine problematische Verhaltensweise.

Gleichwohl gehört das Zündeln aber auch zum gesellschaftlichen Alltag. Wenn man zum Jahreswechsel sich die Massen an Pyrofanatikern anschaut, die mit Böllern und Raketen um sich schmeißen, müssen wir uns nicht wundern, dass es viele gibt, die Feuerwerk mit positiven Assoziationen versehen und dies auch im Stadion kenntlich machen wollen. Es gibt eine gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Feuerspielchen. Seit Jahrhunderten sind große Teile der Menschheit davon fasziniert. Dementsprechend halte ich auch nichts von einer zunehmenden Kriminalisierung von Pyrotechnik, auch wenn ich selber dieser Faszination nicht vollends erliege.

Mich stört eher die Doppelmoral, mit der gegen Pyrotechnik im Stadion vorgegangen wird und so an einer weiteren Konfrontation gewerkelt wird. Während zu Silvester seine Freude kundgetan werden darf und bei anderen Sportarten bengalische Fackeln als stimmungsvoll beschrieben werden (wie unter anderem beim Skispringen in Innsbruck geschehen), wird beim Fußball sofort von Unentwegten gesprochen, die „unseren schönen Sport kaputt machen wollen.“ Die undifferenzierte Skandalisierung durch Teile der Medien erweisen in der komplexen Debatte einen Bärendienst, da sie unabhängig der Intention die Interessen von Teilen der Fan-Bewegung verunglimpfen. Analog zur Kastanien-Pflastersteine-Farce im Kontext der Proteste gegen Stuttgart 21 werden da gerne mal Wunderkerzen zu gesundheitsgefährdenden Leuchtmitteln.

Die moralische Keule ist aber wirkungslos, wenn sie nicht für alle gilt. Ich hätte nichts dagegen, den Verkauf von Feuerwerkskörpern zum Jahreswechsel zu unterbinden und zentrale Festplätze zur gemeinschaftlichen Begutachtung eines professionell durchgeführten Feuerwerks festzulegen. Da das Geschäft mit der Verpulverung jedoch zu gewinnbringend ist, wird es diese Entwicklung wohl nicht mehr geben. Es sei denn, es geschehen massenweise Unfälle. Ach nee, gibt’s ja schon. Alljährlich fahren die Krankenhäuser der Republik Sonderschichten, wenn wieder zum heiteren Zündeln aufgerufen wird.

Meiner Meinung nach sollte Pyrotechnik dort erlaubt sein, wo der jeweilige Verein es gestattet. Dieses Hausrecht sollte dann auch nicht von den entsprechenden Dachverbänden sanktioniert werden, sondern nur bei offenkundigen Fehlentwicklungen eine Bestrafung nach sich ziehen. Die für jeden beste Lösung läge wohl in der Etablierung fester Bereiche in Stadien, in denen Pyro kontrolliert eingesetzt werden kann. So können Fans und Vereine ihre eventuell intensive Leidenschaft hierfür ganz legal ausleben. Gleichzeitig wissen dann auch alle anderen, welchen Bereichen sie fernbleiben sollten, wenn sie mit diesen brennenden Inszenierungen nichts zu tun haben wollen. Auch könnten Verbände, Vereine und Fans die Bandbreite der einzusetzenden Feuerwerkskörper festsetzen, so dass für alle ein angemessener Kompromiss gefunden wird. Sofern dann doch in vorher nicht festgelegten Bereichen gezündelt wird, könnte man auf die Selbstregulierungskräfte auf den Tribünen vertrauen.

Nur durch eine Entkriminalisierung erhält man einen souveränen Umgang. Wer Fans regulierend als kleine Kinder behandelt, darf sich nicht wundern, wenn einige von ihnen verzogen und bockig werden. Dies geschieht nämlich meist nur, wenn man ihnen grundlos ihr Lieblingsspielzeug wegnimmt, während andere selbstverständlich damit spielen dürfen. Problematisch daran ist mitunter auch, dass man diejenigen, die ihre Emotionen pyotechnisch ausleben möchten und dabei verantwortungsbewusst agieren, in die selbe Ecke mit potentiellen Gewalttätern stellt, die im Stadion ernsthaft nichts zu suchen haben. Die Pyrotechnik ist wenn überhaupt nur ein kleines Problem im Vergleich zur Radikalisierung des Gedankenguts am rechten Rand. Dieser Entwicklung gilt es sich bewusst anzunehmen, anstatt einigen, den die Helligkeit im Kopf fehlt, das Thema der Helligkeit in den Händen zu überlassen, um es für ihre Zwecke zu missbrauchen und die Provokation zum Selbstzweck wird.

 

Axel Diehlmann

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