Von Punks und Oppositionellen

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Der Montag-Abend steht ganz im Zeichen des Zweitliga-Duells 1. FC Union Berlin gegen den FC St. Pauli. Die Köpenicker treffen auf die Kiezkicker und streben den vierten Erfolg in Serie an, während die Hamburger nur allzugern den zweiten Saisonsieg einfahren würden, um nicht dauerhaft in den unteren Tabellenregionen festzuhängen. Rein sportlich ist die Ausgangsposition für die heutige Partie schon recht interessant. Hinzu kommt dann aber noch die Komponente des oft titulierten Kults, der beide Vereine wie eine Aura umgibt und dem Spielchen eine besondere Note verleiht. Es ist die Partie der Unangepassten, die ihre Strahlkraft aus der Abgrenzung gegenüber der Monotonie des Fußball-Establishments ableiten. Im Marketingwust verschwimmt jedoch so langsam das jeweilige Alleinstellungsmerkmal, gerade eben weil die Identität der Vereine leidlich überbetont wird. Ein Kommentar…

Zwischen Kult, Kommerz und Klischee verschwimmen die originären Bezugspunkte der Leidenschaft. Union Berlin und der FC St. Pauli sind besondere Vereine aus besonderen Stadtteilen zweier sich in manchen Aspekten ähnelnder und doch komplett unterschiedlicher Großstädte. Hamburg und Berlin konkurrieren gerne mal um die hippe Ausstrahlungskraft und definieren sie dabei vollkommen anders. Während in Berlin die Kultur des Understatement und des kessen Spruchs gepflegt wird, bekommt man in Hamburg die norddeutsche Lässigkeit und weltoffene Mentalität zu spüren. Wohlgemerkt: Diese Klischees sitzen in unseren Köpfen wie zentrale Erinnerungen unserer eigenen frühen Kindheit, die wir in vielen Fällen nicht selbst vor Augen haben, jedoch über die Erzählungen unserer Großeltern und Eltern nahezu selbstverständlich in uns tragen. Die Klischees über Hamburg und Berlin sind Ausdruck und Zerrbild der jeweiligen Stadtkultur. Nichtsdestotrotz beschwören wir sie und erfreuen uns an ihnen, sofern sie uns in Realität begegnen und sehen dann in der Ausnahme auch gerne mal den Regelfall. Und so werden diese Stereotype gepflegt, gehegt, vermarktet und gerne auch mythologisch zu einem Kult hochstilisiert.

Die Begrifflichkeit des Kults verweist dabei auf die Gesamtheit religiöser Handlungen, die einem Ritual entsprechend in regelmäßigen Abständen Anwendung finden. So dienen Prozessionen, Zeremonien und die Schaffung entsprechender Symbole der Konstitution und Inszenierung von Gemeinschaft. Folglich fungiert der Fußball mit seinen Vereinen und deren Emblemen in perfekter Art und Weise als Austragungsort kultischer Handlungen und der Konstruktion von Mythen. Insbesondere die Eigendynamik des Fußballgeschäfts und die Momente enthusiastischer Gemeinschaft dienen dabei als willkommenes Betätigungsfeld parallel des Alltags.

Und nun steht heute also der Kult-Gipfel schlechthin im deutschen Fußball an und schon ist wieder hauptsächlich vom spannungsgeladenen Verhältnis von Kult und Kommerz die Rede. Gerne wird dabei moniert, dass die beiden Vereine ihre identitätsstiftende Wirkung angesichts der Mechanismen des Geschäfts zu verlieren drohen. Der sportliche Erfolg wird einhergehend als allgemein gültige Drohkulisse aufgebaut. Union und Pauli versuchen nunmehr angesichts dessen den Balanceakt der Integration in das wirtschaftliche Establishment ohne die eigenen kulturellen Fundamente außer Acht zu lassen. Hierbei gilt es aber hauptsächlich die Ideale als Images so kultisch zu überhöhen, dass sie quasi religiös über allem stehen und somit in ihrer Allmacht auch nicht anfechtbar sind, wenn sie de facto schon gar keine Rolle mehr spielen. Es mutet an wie ein klassischer menschlicher und gesellschaftlicher Konflikt zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunftsentwurf.

Dabei verfolgen beide Vereine das Leitbild des kleinen aufmüpfigen Bruders in Abgrenzung zu den städtischen Aushängeschildern Hertha BSC und Hamburger SV. Als zweiter Verein der Großstadt versuchen sowohl Union als auch Pauli sich als sympathischer Club gegenüber der Mainstreamkultur des (mehr oder weniger) sportlichen Erfolgs abzugrenzen und eigene Identifikationsmerkmale hervorzuheben. Dafür werden dann eben jene Bilder bedient, die nun im ambivalenten Marketingprozess der Profilbildung verwässert zu werden drohen. Einerseits die Paulianer, die unter Piratenflagge segelnd den kapitalistischen Wertkonservativen den Kampf ansagen und alternative Lebensmodelle als utopischen Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaftsordnung repräsentieren. Der FC St. Pauli erfüllt über die sportliche Funktion hinaus aber insbesondere eine soziale Funktion als Verein, der im engen Austausch mit der urbanen Kultur Hamburgs steht. Eines der zentralen und dabei wichtigsten Leitthemen ist der Kampf gegen Rechtsradikalismus, Homophobie und die gesellschaftliche Exklusion von Minderheiten. Der FC St. Pauli fungiert dementsprechend als Forum einer politischen Kultur, die mit den Mitteln des Fußballs versucht, gesellschaftsfähig zu sein. Dieser Anspruch reicht dabei weit über den eigenen Stadtraum hinaus.

Auch Union Berlin stellt eine gewichtige Institution im Südosten Berlins dar und ist eng mit den sozialen Realitäten verknüpft. Union betreibt relativ viel Stadtteilarbeit und profitiert gleichsam von der Initiative der Unioner, die für den Verein in allen Lebenslagen einstehen. Der Mythos des Vereins speist sich neben der engagierten Fankultur, die maßgeblich für die Entwicklung des Vereins in den letzten Jahren ist, aus der Funktion als oppositionelles Sammelbecken in Zeiten des SED-Regimes in der DDR. In den 1980er Jahren war Union Berlin gelebtes Widerstandsmodell gegen die politische Bevormundung und musste dementsprechend auch staatlich gelenkte Unwegbarkeiten überstehen, während der BFC Dynamo als Vorzeigeclub der DDR politisch positioniert wurde. Für viele Unioner dieser Zeit ist angesichts dessen die Konkurrenz mit Hertha BSC im Vergleich zur Rivalität mit dem BFC Dynamo eine Lapalie. Bei Union kristallisiert sich die Kultur des Anpackens, die Kultur des ehrlichen Arbeitens für die eigene Sache fernab von den wirtschaftlichen Entwicklungsschüben der großen weiten Welt. Und so war es auch eine Selbstverständlichkeit für die Fans zunächst das Stadion an der Alten Försterei unbezahlt in ihrer Freizeit mit zu errichten und später dann Stadionanteilseigner zu werden, um ihr höchstes Kulturgut zumindest teilweise der Logik des Marktes zu entziehen.

Die identitätsstiftende Elemente stammen bei beiden Vereinen hauptsächlich aus den 1980ern und 1990ern und stehen dabei im Fokus der heutigen wirtschaftlichen Verwertung. Hierdurch werden auch Fangruppen angesprochen, die sich nur bedingt mit der Geschichte und dem Fundament der Vereine identifizieren und folglich nur bedingt die Traditionen weitertragen können. Im Zusammenspiel mit der blasenähnlichen wirtschaftlichen Überhöhung der Symbole droht daher die Gefahr der Aushöhlung jener. Der Mythos als inszenierte Werbefläche würde in der sukzessiven Anpassung an die Mechanismen des Geschäfts zu einem Bühnenbild verkommen und die vielbeschworene „Seele des Vereins“ zwischen Subkultur und Lifestyle verloren gehen.

Der 1. FC Union Berlin und der FC St. Pauli sind besondere Vereine in ihrer Funktion als Spiegelbild gesellschaftlicher und sportlicher Strukturen. Dies wird – wie in vielen Vereinen – jeweilig hauptsächlich durch die Fans getragen. Der Unterschied liegt darin, dass die Vereine hierbei noch eine sehr starke Nähe zu den Belangen seiner Anhänger herstellen. In der Kommerzialisierung des Kults untergraben jedoch beide die Fundamente ihrer Anziehungskraft. Den Beweis, dass fußballerischer Erfolg auch ohne Sinnentleerung der Vereinskultur möglich ist, versuchen beide auf ihre Weise anzutreten. Von größerem Interesse sollte dabei – auch für die Medien – die soziale Arbeit der beiden Vereine sein, damit erkennbar bleibt, welche Kraft den Vereinen innewohnt anstatt weiter an der Konstruktion einer Worthülse zu arbeiten. Die Zeit der Oppositionellen und der Punks scheint zwar vorbei, aber in sozialer Hinsicht sind die Vereine aktiver und lokalcholoriter als es die schlichte Fokussierung auf den Kult zu symbolisieren vermag.

 

Axel Diehlmann

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