Wahrscheinlich wirds spannend…

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Alljährlich im November beschert uns der Spielplan den deutschen Clásico.  Die DFL positioniert dieses Spiel regelmäßig in diesen Zeitraum und gibt ihm dadurch stets richtungsweisende Bedeutung ohne dabei eine Vorentscheidung im vermeintlichen Titelkampf zu bescheren. Eine strategische Entscheidung, die viel Raum zur Spekulation bietet. Wir wollen uns nur bedingt beteiligen, aber kommen nicht umhin unseren Senf dazu zu geben.

Am Samstag empfängt die Dortmunder Borussia die Bayern aus München zum gern titulierten deutschen Clásico. So richtig gespannte Atmosphäre ist erst jetzt 32 Stunden vor dem Spiel langsam wahrnehmbar. Dies hängt zum einen mit einer ermüdenden Länderspielpause und zum anderen mit der Wankelmütigkeit der beiderseitigen Leistungen zusammen, wodurch noch nicht ganz klar ist, wo die Reise hingeht und keiner mit markigen Sprüchen im Vorfeld Druck auf den Kessel geben will. Darüber hinaus sind offenbar auch die Themen Hummels, Lewandowski und Götze abgegrast und so bleibt Diskursraum für anderen Kram. Angesichts dessen rücken insbesondere zwei Personalien in den Mittelpunkt der Betrachtung, die als Vorzeigekicker der jeweiligen Vereine symbolisch für die derzeitige Stimmungslage sind: Thomas Müller und Marco Reus.

Zwei prägende Gestalten des deutschen Fußballs bestimmen derzeit die Medienlandschaft im Vorfeld des vermeintlichen Spitzenspiels zwischen dem BVB und dem FCB. Während Thomas Müller den Zorn der Underdogs auf sich gezogen hat und weiter an einem unerklärlichen Verlust seines Torinstinkts krankt, bereitet sich Marco Reus auf ein neuerliches Comeback verbunden mit großen Hoffnungen vor. Beide stehen für eine Konstellation der gespannten Erwartungshaltung, die dem morgigen Spiel den besonderen Reiz gibt.

Thomas Müller schleppt sich ein wenig wie der gesamte FC Bayern durch die Saison und ist dabei nichtsdestotrotz ungeheim erfolgreich. Es mutet wie ein schlechter Scherz an, dass seit Wochen den Bayern eine Mini-Krise aufgeschwatzt wird, derweil sie kontinuierlich an der Tabellenspitze thronen. Aber die letzte Überzeugungskraft ist bei der fußballaffinen Gemeinde anscheinend noch nicht angekommen. Die Brillanz des Fußballs unter Guardiola scheint zugunsten eines zwar dominanten, aber nicht überwältigenden Spielstils abgelöst worden zu sein. Die Bayern gewinnen zwar die Spiele, aber die meisten Gegner riechen inzwischen Lunte und führen ernst gemeinte Zweikämpfe. Die Freiräume sind weg und der Zauber, der aus diesen entstehen kann, gleich mit. Und so ist es kaum verwunderlich, dass Thomas Müller die Selbstverständlichkeit des Torabschlusses abhanden gekommen ist, weil er nunmehr auch auf die Positionierung seiner Gegenspieler achten muss. Die heiteren Zeiten, in denen Müller vollkommen blank im gegnerischen Strafraum rumstand und nur noch einnicken musste, scheinen vorbei. Genervt davon teilte er nun gegen die seiner Meinung nach wertlosen Spiele gegen die Underdogs der Fußballwelt aus.

Der Platz und der Anlass in San Marino missfiel ihm offensichtlich so sehr, dass er das gute alte Thema Qualifikationsspiele zur Qualifikation für die kleinen Fußballverbände wieder vor die Kameras und Mikrofone trug. In anderen Sphären angekommen, fremdelt er angesichts der rudimentären Fußballkultur des Amateursports. Die Überlegung ist nicht neu und wird auch nicht durch stetiges Wiederholen besser. Der Fußballsport lebt von heterogenen Welten, die aufeinandertreffen und sich aneinander messen. Wer vermeintlich irrelevante Spiele diskreditiert, höhlt den Gedanken des Fußballs weiter aus. Nun gut, der von den Deutschen heiß geliebte Typ mit dem absoluten Durchschnittsnamen hat nun ja wieder das Westfalenstadion vor der Brust, wo Gegner und Platz seinem vorgestellten Niveau entsprechen.

In Dortmund stellt man sich gleichsam derzeit die Frage, wann der große Moment der Offenbarung des überbordenden Potentials sein wird. Angesichts der abgeschlossenen Umstrukturierung der Mannschaft werden nun entscheidende Entwicklungsschritte erwartet ohne dabei zu großen Druck auf das wohlgemerkt sehr junge Team zu machen. Dahinter steckte eine seltsame Gewissheit, dass dieser Moment kommen wird und derzeit eine neue Generation heranwächst, die national und europäisch konkurrenzfähig sein wird. Damit ist aber auch die Fallhöhe der Emotion bestimmt, da die Entwicklung gerne mal weiter gesehen wird, als sie derzeit ist. Noch ist das Team – auch aufgrund der zahlreichen Verletzungen der letzten Wochen – ein instabiles taktisches Gebilde, dem es an spielerischer Robustheit fehlt. Diesbezüglich kehrt nun der absolute Hoffnungsträger in den Kader zurück. Marco Reus kann nach seiner Schambeinentzündung nun auch wieder nach links und rechts und zurück laufen und wird entsprechend sehnsüchtig erwartet. Voller Tatendrang könnte er genau das Momentum liefern, welche die Mannschaft des BVB auf die nächste Ebene hievt. Weitestgehend unabhängig seiner individuellen Leistungen auf dem Platz, besitzt seine Präsenz immer noch ungeheure Strahlkraft, die seinen Mitstreitern und den Fans Auftrieb geben wird.

Die Konstellation in der Tabelle ist dabei brisant. Für die Dortmunder geht es darum, den Anschluss an die Spitze nicht aus den Augen zu verlieren, für die Bayern könnte ein Sieg in Dortmund der erwünschte erste große Big-Point der Ancelotti-Ära werden. Sofern der BVB sich durchsetzt, lässt sich ohne weiteres von einer spannenden Saison ausgehen. Die Spitze der Liga ist dann gespickt mit selbstbewussten Teams, die für den nötigen Wettbewerb sorgen werden.

Aber Achtung! Schon allzu oft haben wir alle gerne von Wendepunkt-Spielen philosophiert und uns dann einen ernüchternden Erfolg von einer hervorragenden Bayern-Mannschaft anschauen müssen.  Oftmals dann mit Toren von Thomas Müller und einem den Erwartungen nicht entsprechenden Marco Reus. Auf ein neues morgen Abend? Alles scheint möglich…

P.S. Da dieses Magazin ein Feld subjektiver Ausbrüche ist: Auf geht’s Dortmund!

 

Axel Diehlmann

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