Wettbewerbspeinlichkeit Nummer 1: Zeitspiel

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In der Nachspielzeit drehen alle durch. Wenn es noch um etwas geht, offenbart sich eine ungemeine Anspannung auf den Tribünen, vor den Fernsehern wie auf dem Spielfeld und schafft den Nährboden für Peinlichkeiten aller Art. Sei es die Selbstoffenbarung als absurd leidenschaftlicher Fan vor seiner Familie, die irrationale Pöbelattacke oder eine inzwischen leidlich zu ertragende Marotte abgehalfterter Fußballer: das Zeitspiel.

In den letzten Minuten des Rückspiels der Relegation zwischen dem 1. FC Nürnberg und Eintracht Frankfurt fand die Nummer-1-Peinlichkeit des Fußballs wieder seine Anwendung. Eintracht Frankfurt führte mit 1:0 in Nürnberg und spielte die Uhr herunter. Das Grundziel des Fußballs geriet gleichsam außer Acht. Spätestens ab der 75. Minute ging es lediglich darum, den Nürnbergern weniger Zeit zur Verfügung zu stellen, um den Ausgleich und damit die Verlängerung zu vermeiden. Eigentlich wäre hierin kein großes Problem, sondern eher ein taktisches Mittel zu sehen, würde es nicht stets so sehr auf die Spitze getrieben werden. Insbesondere eine Aktion brachte den normalen Fußballfan auf dei Palme: Nachdem der Frankfurter Torhüter Lukas Hradecky kurz vor Ende der Partie für die wiederholt doch recht gemütliche Art der Ausführung eines Abstoßes die gelbe Karte gesehen hatte, wurde der Verteidiger Artur Abraham mit der Ausführung eines weiteren Abstoßes beauftragt. Die Taktik der kommenden Verschleppung war offensichtlich. Artur Abraham provozierte dementsprechend auch seine Verwarnung. Erst legte er sich den Ball überaus ordentlich zu Recht, um sich dann gemächlich Richtung Torpfosten zu bewegen und sich dort anlehnte. War dieses Gehabe nicht schon peinlich , machte er sich dann wieder vom Acker und rannte aufs Spielfeld. Nun sollte doch Hradecky den Abstoß ausführen. Es kam wie es kommen musste: Abraham sah gelb und regte sich dann über seine Verwarnung auf. Die ganze Aktion kostete ungefähr eine Minute, war aber mal wieder eine symbolische Ewigkeit für den moralischen Verfall im sportlichen Wettkampf am gefühlten Abgrund.

Der Fetisch des Zeitspiels ist eine der widerwärtigsten Komponenten des deutschen Fußballs, vor allem weil er kaum sanktioniert wird. In Nürnberg gab es erneut die standardisiert wirkenden drei Minuten Nachspielzeit. Nicht nur in Nürnberg, sondern leidlich oft missachtet dieser Standardwert die reale Verschleppung innerhalb des jeweiligen Spiels. Die Lächerlichkeit wird dann noch erhöht, wenn während dieser Nachspielzeit im Schnitt vier Wechsel und drei Verletzungen stattfinden und selbst in diesen Fällen die Nachspielzeit lediglich um eine halbe Minute verlängert wird. Da lohnt sich ein Blick nach England, wo die Nachspielzeit auch gerne mal acht Minuten beträgt. Zum einen entspricht dies dann den wirklichen Abläufen aufm Platz und zum anderen erhält die Nachspielzeit dadurch auch gut und gerne mal spielentscheidenden Charakter. In England wird die stoppage time gefeiert, bei uns ist die Nachspielzeit ein Sammelsurium der schauspielerischen Absurditäten.

Es gibt einige mögliche Handhabungen: zum einen wäre da eine realistische Anpassung der Zeit an das Spielgeschehen, womit einigermaßen Fairness hergestellt werden kann. Zum anderen geht es natürlich darum, Zeitspiel härter zu sanktionieren. Spieler, die aufgrund einer verschleppenden Auswechslung die gelbe Karte sehen, sollten ihre Verwarnung auf den eingewechselten Spieler übertragen. Der eingewechselte Spieler wäre zwar erstmal der Leidtragende, aber vielleicht steckt darin ja ein Ansatz zur Bewusstbarmachung dieser Respektlosigkeit gegenüber dem sportlichen Wettkampf.

Axel Diehlmann

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