Achtelfinale im Achtvierteltakt

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Unser Autor Daniel Hasert erlebte das Achtelfinale der deutschen Nationalmannschaft am vergangenen Sonntag in der Berliner Waldbühne. Nicht etwa beim Public Viewing, sondern beim Konzert der Berliner Philharmoniker. Ein Erlebnisbericht über ein sportlich-euphorisches Konzerterlebnis.

Text und Fotos: Daniel Hasert

Rückschau:
Dezember 2015, noch nie war ich so früh dran mit einem gefundenen Weihnachtsgeschenk. Im Juni lade ich meine Freundin zu den Philharmonikern in die Waldbühne ein. Noch schnell den Terminkalender gecheckt – kein Finale. Das wird toll. Der Fußballgott wird mir schon gnädig sein und die Deutschlandspiele anders legen – denkste!

Juni 2016, letztes Gruppenspiel. Die Konstellation ist klar. Wird Deutschland Gruppenerster, ist mein Schicksal besiegelt – Fußball auf dem Ticker verfolgen. Der Ausgang ist noch klarer – so soll es sein. Meinen Ticker des Achtelfinals aus der Waldbühne habe ich für Euch festgehalten.

Vorbereitung:
Noch schnell das 15 Uhr Spiel verfolgen. Frankreich tut sich gegen den absoluten Underdog aus Irland schwer und schafft nur äußerst mühsam den Schritt ins Achtelfinale. Tolle Vorzeichen, denke ich noch.

Einlass in der Waldbühne ist für 18 Uhr ausgeschrieben. 18 Uhr? Da ist auch Anstoß. Meine kurze, nahezu flehende Frage an das Organisationsteam der Waldbühne, ob vor dem Beginn des Konzertes das Spiel übertragen wird, bleibt unbeantwortet. Die Hoffnung stirbt zuletzt und so überzeuge ich meine Freundin, bereits zum Beginn des Einlasses an der Waldbühne zu sein.

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Anstoß:
Pünktlich zum Anstoß, Punkt 18 Uhr, kommen wir mit der S-Bahn an. Während Deutschland mit dem jüngsten Kader des Turniers bei der EM antritt, ist der Altersdurchschnitt in unserem „Mannschaftsbus“ Jahrzehnte höher.
Eilig versuchen wir von der S-Bahnstation zur Waldbühne zu kommen und schlängeln uns vorbei an Picknickkörben und Spaziergängern.

Anfangsphase:
An der Waldbühne angekommen stelle ich erschrocken fest, dass auch viele andere die gleiche Hoffnung haben, in der Waldbühne das Spiel sehen zu können. Mir wird klar – vor Ende der ersten Halbzeit wird dat hier nüscht. An der endlos langen Schlange eingereiht, vernehme ich aus einer fernen Ecke die Stimmt von Béla Rethy. Euphorie in mir macht sich breit (und dieses Gefühl hat Bélas Stimme in mir noch nie ausgelöst und wird sie auch sicher nie wieder auslösen). Haben die Organisatoren mein Flehen erhört?! Fehlanzeige – meine Ohren folgen Béla bis zu einem Imbissverkäufer, der seinen kleinen Fernseher dabei hat. Was für ein toller Job, denke ich in diesem Moment.

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Das Spiel kommt in Fahrt:
Ein Jubel geht durch die wartende Menge. Nicht die geöffneten Tore der Waldbühne sind der Grund, sondern das erste gefallene Tor für Deutschland. Jerome Boateng – unser aller Lieblingsnachbar – bringt Deutschland schnell in Führung!
Immer ungeduldiger werdend schieben wir uns Richtung Eingang. Ein Raunen in meinem Umfeld lässt mich nervös werden. Panisch klicke ich wie ein verrückter auf den „AKTUALISIEREN“ Button auf meiner Live-App. Nichts. Dann höre ich die Worte „Mann, der Özil!“ und „Verschossen!“.

Deutschland auf der Überholspur – ich endlich auf meinem Platz
Ticket- und Taschenkontrollen endlich überstanden. Schnell zu den Plätzen.
Enttäuschung macht sich breit. Keine Leinwand – danke für nichts!
Ich bin vorbereitet, denke ich. Schnell das Handy gezückt und versucht in einen Hotspot rein zu kommen und über Stream zu schauen. Vergeblich – zu viele Menschen für zu wenig Netz.
Erstmal Getränke holen – auf dem Handy kommt man ja eh an keine Informationen.
Wieder Jubel – er schwappt von einer Seite der Waldbühne peu a peu zur anderen. Alle Getränke heute umsonst, frage ich mich? Nein, 2:0 Deutschland!
Beruhigt hole ich eine Runde Getränke begebe mich zurück zu unseren Plätzen.

Zweite Halbzeit
Von der Panenka-Redaktion lasse ich mich über den bisherigen Spielverlauf in Kenntnis setzen. Der Internetstream klappt mittlerweile phasenweise. Die 2. Halbzeit ist schnell erzählt. Wieder Jubel, die Entscheidung. 3:0 für Deutschland. Nun, dachte ich mir, kann ich auch ganz verrückt sein und mich auf diese komfortable Führung verlassen. Mit einem Ohr sichere ich mich aber doch noch über Gespräche in meinem Umfeld ab. Die wiederholten Bestätigungen – „ja die führ’n janz sicher mit drei Buden“ bestätigten mich.

Abpfiff und Euphorie
Bis zum Abpfiff spielt die deutsche Mannschaft das Spiel routiniert runter. Auch die Philharmoniker freuen sich mit allen Zuschauern über das souveräne Erreichen des Viertelfinals.
Das Konzert beginnt daher auch nicht mit dem unter Applaus begleitetem Einmarsch des Stardirigenten, sondern mit einer vom Orchester eingeleiteten La Ola, die fröhlich mehrere Runden durch die Waldbühne dreht.

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