Als Oli am Heiko knabberte

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Wir stimmen uns gedanklich schonmal aufs Wochenende ein, und was wäre da passender als eine Retrospektive dieses legendären Duells Dortmund gegen Bayern aus der Spielzeit 1998/99? Richtig, fast nichts. Also bitteschön, lasset die Spiele beginnen!

von Björn Leffler

Ich würde, nicht ganz ohne Stolz natürlich, behaupten, dass ich schon einige Spiele live im Stadion mitverfolgt habe, die später eine gewisse Berühmtheit erlangt haben. Meist waren dies jene Spiele, von denen man es im Vorhinein überhaupt nicht erwartet hätte. Die Ausnahme hierbei spielt das DFB-Pokalfinale 2014, als ein ganzes Land seit Wochen der Begegnung Dortmund vs Bayern entgegenfieberte und in eben jenem Endspiel eine fatale Fehlentscheidung (das nicht gegebene Tor von Mats Hummels) dazu führte, dass mittlerweile die digitale Torlinientechnologie in der 1. Bundesliga eingesetzt wird. Und zwar, das muss fairerweise Erwähnung finden, auf Nachdruck der damals bevorteilten Bayern. Ich verfolgte das Spiel im Stadion und konnte aufgrund meiner idealen Sicht aufs Spielfeld (schräg hinter dem Tor sitzend) sofort sehen, dass der Ball klar im Tor war.

Andere legendäre Spiele, bei denen ich im Stadion anwesend war, sind beispielsweise das 1:0 der deutschen Nationalelf gegen Polen bei der WM 2006, als durch Neuvilles Last-Minute-Treffer im Dortmunder Westfalenstadion der Grundstein für ein begeisterndes Turnier der deutschen Mannschaft gelegt wurde. Oder das Nebelspiel gegen Barcelona aus der Champions-League-Saison 1999/2000, als Hertha dem großen FC Barcelona – vermeintlich – ein 1:1 abtrotzte.Torschütze für Hertha soll Kai Michalke gewesen sein.

Oder – und um eben dieses Spiel soll es hier nun gehen – das Bundesliga-Duell zwischen Borussia Dortmund und Bayern München aus der Saison 1998/99. Mit einem Freund, der glühender BVB-Fan war (und noch heute ist), war ich zum Spiel nach Dortmund angereist. Wir übernachteten bei Freunden seiner Familie in Duisburg und hatten sensationell Karten für die Südtribüne bekommen. Wir waren 16 Jahre alt und heiß darauf, die Atmosphäre des legendären Westfalenstadions aufzusaugen. Selbst mir als eingefleischtem Hertha-Fan trieb die Vorfreude darauf Gänsehaut in Wellen über den Körper.

Ein Sieg der Borussia war ob der Überlegenheit dieses Bayern-Jahrgangs äußerst unwahrscheinlich (die gleiche Mannschaft würde im späteren Verlauf dieser Saison erst in der Nachspielzeit des Champions-League-Finals den Henkelpott an Manchester United verlieren). Borussias erfolgreiche Jahre waren bereits verblasst, aber einige Protagonisten des Champions-League-Triumphs von 1997 waren noch immer an Bord, wie etwa Lars Ricken, Jürgen Kohler, Stefan Reuter oder Andreas Möller.  Und ein Sturmduo, welches im weiteren Verlauf des Spiels in den Mittelpunkt rücken sollte. Mehr, als ihnen vermutlich lieb sein konnte.

Es war Samstag, der 3. April 1999, 15:30 Uhr. Als die Teams einliefen, hatten wir unsere Plätze auf der Südtribüne längst eingenommen, und der –> Konfettiregen prasselte auf uns darnieder. Das Stadion war selbstredend ausverkauft, 68.600 Zuschauer. Und anstatt sich der spielerischen Übermacht der Bayern hinzugeben, begannen die Dortmunder wie die Feuerwehr und jagten Nationaltorwart Kahn die Bälle um die Ohren, als gäb’s kein Morgen. Und erst recht kein Erbarmen. In der 14. Minute brachte dies erstmalig den gewünschten Erfolg, als Heiko Herrlich nach einer Ricken-Hereingabe von rechts die Kugel über die Linie grätschte und das Stadion förmlich zu explodieren schien. Ich war als Hertha-Fan durchaus gewöhnt, den Torjubel von über 76.000 Menschen wahrzunehmen, aber das Getöse der Südtribüne, das wir – gefühlte fünf Meter unter dem Stadiondach – mitbekamen, glich einem nicht enden wollenden, infernalischen Donnergrollen. Es war gewaltig, kaum zu übertreffen. So dachte ich jedenfalls.

Nur 18 Minuten später jedoch, als Kahn einen Schuss von Nerlinger zurückprallen ließ, war erneut Heiko Herrlich zur Stelle und schob zum 2:0 ein, was nun das Westfalenstadion völlig eskalieren ließ. Von der Südtribüne aus war dann mehrfach grob zu sehen, dass auf der Gegenseite Oliver Kahn, Heiko Herrlich und Stéphane Chapuisat aneinandergerieten. Aber mehr bekamen wir davon nicht mit, es geschah auf der anderen Seite des Spielfeldes.

Mit 2:0 ging es in die Pause, großartig. Die Bayern schienen also schlagbar heute! Dann die zweite Hälfte, und die Jungs um Effenberg und Basler schlugen zurück. Erst stach Alexander Zickler zu, der in der 58. Minute das 1:2 erzielte und die in rot getauchte Nordtribüne erbeben ließ, und nur fünf Minuten später war es Carsten Jancker, der unter mehrfacher Verwendung von Hand und Arm zum 2:2 einnetzte. Sein emotionaler Jubel machte deutlich, wie sehr die Bayern von der Dortmunder Führung angekratzt waren.

Der Dramatik war aber noch  nicht genüge getan. In Minute 77 setzte Dédé zu einer sensationellen Schwalbe an, die Schiedsrichter Bernd Heynemann zum Elfmeterpfiff verführte. Vor mir konnte ich mehrere Menschen beobachten, die sich abwendeten, weil sie es nicht ertrugen, hinzuschauen. Und ausgerechnet der Held von München, Lars Ricken, trat zum möglicherweise spielentscheidenden Strafstoß an – und scheiterte. Er scheiterte an Oliver Kahn, der diesen Elfmeter hielt und damit in einem einzigen Spiel zeigte, wie nah bei ihm Genie und Wahnsinn beieinander liegen konnten.

In diesem Spiel wogten Jubel und Verzweiflung, Wut und Entsetzen, Begeisterung und Enttäuschung so häufig und so heftig hin und her, dass es eine körperlich grenzwertige Erfahrung war. Aber eine großartige, selbstverstädnlich. Vor allem für den neutralen Zuschauer. Erst am Abend in „ran“ sahen wir, welche grotesken Szenen sich im Strafraum der Bayern abgespielt hatten. Wir sahen, wie Oli an Heiko Herrlich knabberte und wie Bruce Lee auf Stéphane Chapuisat losging.

Szenen, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eines jeden deutschen Fußballfans gebrannt haben und bei so ziemlich jedem Duell der beiden so unterschiedlichen Kombattanten wieder aus dem Archiv gekramt werden. Ich könnte fast wetten, dass in irgend einer Vorberichterstattung am Samstag eben diese Szenen wieder über die Bildschirme deutscher Wohnzimmer und Fußballkneipen flackern.

Dann lehne ich mich still und zufrieden zurück und denke: Geil, ich war live dabei. Schnell aber fällt mir ein: Shit, davon hab ich im Stadion damals gar nichts mitbekommen! Um dann wiederum zu denken: Die Atmosphäre war trotzdem un-be-zahl-bar!

Zeitlupen kann man sich ja auch im Nachhinein noch anschauen!

In diesem Sinne, hier noch einmal die Premiere-Live-Übertragung von damals, als 17-minütige Zusammenfassung. Viel Spaß!

 

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