Basler, der Unvollendete

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Ausnahmsweise – und wirklich nur ausnahmsweise – wollen wir uns heute einmal ausschließlich dem Spieler Mario Basler widmen, und nicht dem Menschen mit seinen zahlreichen privaten Verfehlungen. Wie viele Spieler der 1999er Mannschaft des FC Bayern schrammte Basler im Camp Nou am Legendenstatus vorbei. Er hatte jedoch nicht mehr die Gelegenheit, dies zwei Jahre später zu korrigieren.

Die Situation war wie gemalt für Mario Basler. Bereits in der sechsten Minute des Champions-League-Finals von 1999 war Carsten Jancker kurz vor der Strafraumgrenze gefoult worden, und Torhüter Peter Schmeichel wusste offenbar nicht, was da auf ihn zukam. Das scheint jedenfalls die einzig sinnvolle Erklärung für die stümperhaft postierte Mauser zu sein.

Basler fackelte nicht lange. Er dirigierte noch ein wenig seine Mitspieler hin und her, die sich ebenfalls in die englische Mauer geschlichen hatten, und setzte Schmeichel den Ball anschließend flach und humorlos ins Torwarteck. Bevor die Engländer überhaupt realisierten, was geschehen war, stand es 1:0 für Bayern München.

 

Da hatten die Engländer beim Scouting zuvor wohl nicht so genau hingeschaut und sich noch viel zu sehr über ihre sensationelle Aufholjagd im Rückspiel in Turin gefreut, als sie gegen Juventus aus einem 0:2 noch ein 3:2 und damit den Finaleinzug perfekt gemacht hatten. Im anderen Halbfinale, Bayern München gegen Dynamo Kiew, war es im Rückspiel eben jener Mario Basler gewesen, der mit einem spektakulären Treffer von der Strafraumgrenze die unheimlich starken Ukrainer in die Knie gezwungen hatte. Denen hätte ein 0:0 für’s Finale gereicht. Im Hinspiel war den Bayern mit viel Dusel ein 3:3 geglückt.

Bis zum Endspiel in Barcelona war Mario Basler der ganz großen Fußballwelt also offenbar nicht wirklich ein Begriff, auch wenn er in der Bundesliga seit Jahren als einer der besten Freistoß-Schützen galt und bereits mehrere direkt verwandelte Ecken auf dem Konto hatte. Zudem gehörte zum Europameisterschafts-Kader der 1996er Nationalmannschaft, allerdings ohne nennenswerte Auftritte.

Aber in der sechsten Minute dieses Endspiels wusste die ganze Welt, wer Mario Basler ist. Er war, wie sich mit fortlaufendem Spielverlauf zeigen sollte, der potenzielle Siegtorschütze im wichtigsten europäischen Vereinswettbewerb.

Aber es kam, wie man weiß, letztlich anders. Die Bayern konnten den Sack nicht zumachen. Scholl traf in Hälfte zwei nur den Pfosten, Jancker per Fallrückzieher die Latte. Und aus einem verdienten Europapokalgewinn wurde letztlich die „Mutter aller Niederlagen“, der Last-Minute-Tod gegen das Team von Alec Ferguson.

Basler trottete genauso betäubt vom Platz wie der Rest des Teams. Was er vielleicht ahnte, aber nicht wirklich wissen konnte: der Abend des 26. Mai 1999 würde seine einzige und letzte Chance bleiben, den begehrten Henkelpott in den Nachthimmel zu wuchten. Denn Basler gehörte zwei Jahre später nicht mehr zu der Mannschaft, die in Mailand gegen den FC Valencia im Elfmeterschießen ihre Bestimmung erfüllte und die Champions League gewann. Zum ersten Mal seit 25 Jahren, nach zuvor drei Final-Niederlagen (1982, 1987 und eben 1999).

Basler war im Sommer 1999 auf dem Zenit seines Schaffens. Er spielte nie wieder so groß auf wie in den Duellen mit Kiew und Manchester. Allerdings hat er das Ende seiner Zeit beim FC Bayern durchaus selbst zu verantworten. Sein Vertrag lief auch über die Saison 1998/99 hinaus weiter. Aber im Zuge einer Kneipenrauferei suspendierte ihn der Verein im November 1999. Es war laut Uli Hoeneß eine von mehreren „privaten Verfehlungen“ des Mario Basler, die er sich während seiner Zeit bei den Bayern (1996-1999) geleistet hatte.

 

Und so musste Basler zwei Jahre später auf dem Sofa mit ansehen, wie die Bayern in einem erneut an Dramatik schwer zu überbietenden Endspiel die Champions-League-Krone ergatterten. Effenberg, der im 1999er Finale der erste Gratulant nach seinem Tor zum 1:0 gewesen war, reckte 2001 den Landesmeister-Pokal am Ende eines langen Finalabends in den Mailänder Nachthimmel. Genauso wie Oliver Kahn, Mehmet Scholl, Samuel Kuffour, Jens Jeremies oder Carsten Jancker. Sie alle waren zwei Jahre zuvor in Barcelona noch wie geprügelte Hunde vom Rasen geschlichen.

Mario Basler war nicht dabei. Wenige Spieler sind so knapp am Legendenstatus vorbeigeschrammt wie er. Selbst mit all den Kapriolen, die er sich während und nach seiner Karriere geleistet hat, hätte er den Titel „Champions-League-Sieger“ nicht kaputtmachen können. Am Ende jedoch bleibt nur Verbitterung für den Mann, der einst Peter Schmeichel narrte. Aber so ist er eben, der Fußball.

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